Christof Gertsch: Werden Buben in der Schule benachteiligt benachteiligt?
Schule

Werden Buben in der Schule benachteiligt?

Ja, sagen Medien und viele Eltern. Aber die Gründe für Leistungsunterschiede sind komplex. Und es gibt ein Problem, das grösser ist.
Text: Christof Gertsch
Bild: Léa Jones / Stocksy

Dieser Text erschien zuerst im «Magazin» der Tamedia-Zeitungen.
Die Geschichte wiederholt sich, aber ist sie auch wahr?

Seit Jahren berichten Medien über die Buben als «Bildungsverlierer». Buben könnten nicht mehr Buben sein, lautet der Vorwurf, bubenfeindlich und ungerecht sei die Schule. «Schlaue Mädchen, dumme Jungen», titelte der «Spiegel» schon 2004. «Buben sind die Dummen», stand 2009 im «Beobachter». Das Schweizer Fernsehen fragte 2019: «Braucht es reine Buben-Klassen?»
Auch «Das Magazin» ging dem nach, 2008 in einem Interview mit Remo Largo. Der Kinderarzt sagte: «Der gute Schüler von heute ist ein Mädchen. Das liegt aber nicht an seiner Kompetenz, sondern an seinem Verhalten.»
Im Video erzählt Autor Christof Gertsch, warum er zuerst gar keine Lust hatte, sich mit dem Thema «Werden Buben in der Schule benachteiligt?» auseinanderzusetzen. Er verrät weiter, wer die wahren Bildungsverlierer sind und was mögliche Lösungsansätze sein könnten.
Im Video erzählt Autor Christof Gertsch, warum er zuerst gar keine Lust hatte, sich mit dem Thema «Werden Buben in der Schule benachteiligt?» auseinanderzusetzen. Er verrät weiter, wer die wahren Bildungsverlierer sind und was mögliche Lösungsansätze sein könnten.
«Von der Mädchendiskriminierung zur Knabendiskriminierung» hiess 2010 eine Interpellation im Gemeinderat des Berner Vororts Zollikofen. 2018 richtete ein Grossrat des Kantons Basel-Stadt eine Anfrage mit dem Titel «Benachteiligung von Buben/Männern im Schulsystem» an den Regierungsrat. 2020 diskutierte der Grosse Rat des Kantons Thurgau die Interpellation «Knaben an der Volksschule Thurgau im Abseits?».

Tatsächlich finden sich leicht Statistiken, die solche Äusserungen untermauern. In der Schweiz machen 25,9 Prozent aller Schülerinnen die gymnasiale Matura, aber nur 17,9 Prozent aller Schüler. Nur 3,3 Prozent der Schülerinnen benötigen sonderpädagogische Massnahmen, aber 6,1 Prozent der Schüler. Schüler schwänzen häufiger, müssen häufiger eine Klasse wiederholen, brechen die Schule häufiger ab.
«Vieles, was über das Thema berichtet wird, ist verfälscht oder gar völliger Unsinn.»
Beat A. Schwendimann, Erziehungswissenschaftler
Doch liegt das an einer systematischen Benachteiligung?

Ja, sagt Allan Guggenbühl, einer der bekanntesten Jugendpsychologen des Landes. Ihn spreche ich als Erstes, weil die Medien ihn zu dem Thema besonders häufig zitieren.

Guggenbühl forscht zu Konfliktmanagement und Gewaltprävention. Die Benachteiligung von Buben hält er für eine Tatsache, über die sogar zu wenig geredet wird. «Ich stelle nicht infrage, dass zu lange für die Gleichbehandlung von Mädchen gekämpft werden musste. Doch jetzt haben wir ein Ungleichgewicht zulasten der Buben, und das muss diskutiert werden, auch wenn es nicht zum Zeitgeist passt.»

Viele Buben, so Guggenbühl, würden in der Schule gern etwas leisten, doch die heutige Pädagogik demotiviere sie. Sie müssten stillsitzen, bekämen Sanftheit statt Widerstand. «Die Unruhe vieler Buben wird als Problem empfunden, ihr Provozieren als soziale Inkompetenz. Dabei zeigt das nur ihr Anschlussbedürfnis.»

Die schlechten Schulleistungen seien ja nur ein Symptom der Schwierigkeiten der Buben. «Ebenso wichtig wären ihre Selbsteinschätzungen. Buben erleben die Schule oft als langweilig und haben das Gefühl, man gehe nicht auf sie ein. Das betrifft auch schulisch Erfolgreiche.»

Mädchen hatten schon immer bessere Schulnoten

Anruf beim Erziehungswissenschaftler Beat A. Schwendimann, der die Pädagogische Arbeitsstelle des Dachverbands der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer leitet. Schwendimann beginnt mit einer Medienkritik: «Vieles, was über das Thema berichtet wird, ist verfälscht oder gar völliger Unsinn.»

Dann sagt er, was ich von nun an von allen hören werde, mit denen ich darüber spreche, vom Leiter eines schulpsychologischen Dienstes, der täglich mit abgehängten Kindern zu tun hat, bis zur Pädagogikdozentin, die sich wundert, warum sich schon wieder alles um das männliche Geschlecht dreht: «Es ist wichtig, dass wir differenzieren.»

Klingt langweilig. Doch der Satz ist möglicherweise der Schlüssel. Schule, Gender, Kinder: Es vermischen sich in dieser Debatte Themen, die schon für sich genommen komplex und emotional sind. Schwendimann: «Zweifellos gibt es Buben, die sich in unserem Schulsystem schwertun. Aber die Gründe sind vielfältig. Und die generalisierte Aussage, Buben seien Bildungsverlierer, ist einfach nicht haltbar.»

Er rät mir, Margrit Stamm zu kontaktieren, die Grande Dame der Schweizer Erziehungswissenschaft. Ich erreiche sie in den Ferien, von wo aus sie mir einen Termin ein paar Tage später vorschlägt.

In der Zwischenzeit spreche ich mit Mitarbeitenden der Koordinationsstelle für Bildungsforschung, die alle vier Jahre den Schweizer Bildungsbericht herausgibt. Wenn man irgendwo den Überblick hat, was über Geschlechtergerechtigkeit an Schulen schon alles geforscht wurde, dann dort. 
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