Elternbildung

Typisch Bube, typisch Mädchen? 
7 Mythen auf dem Prüfstand

Was ist dran an den vermeintlichen Unterschieden zwischen Mädchen und Jungen? Und worauf lassen sich diese zurückführen? Wir stellen sieben Geschlechter-Klischees auf den Prüfstand. 
Text: Sandra Casalini
Bilder:
Salvatore Vinci / 13 Photo
Lena*, 14, und Lars, 12, leben mit ihren Eltern Andy und Brigitte Zimmermann in einem Zürcher Vorort. Lena geht in die zweite Sek, Lars besucht die sechste Klasse. Bis vor zwei Jahren haben sie sich ein Kinderzimmer geteilt, hatten immer Zugang zu allen Spielsachen. Lars konnte nie etwas mit Puppen anfangen. Lena auch nicht. Dafür liebte sie ihr rosa Tutu und auch Lars trug als Kleinkind hin und wieder Prinzessinnenkleider.

Heute haben beide die gleichen Hobbys: Sie spielen Fussball und tanzen Hip-Hop. Vater Andy ist selbständig im Finanzwesen tätig, Mutter Brigitte arbeitet in der PR-Branche. Sie haben sich sowohl das Geldverdienen als auch Haushalt und Kinderbetreuung von Anfang an geteilt.

Immer öfter entscheiden sich Paare für das egalitäre Familienmodell und leben ihren Kindern ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Mann und Frau vor.Trotzdem herrschen in unserer Gesellschaft nach wie vor klare Vorstellungen darüber, was «typisch Bub» und «typisch Mädchen» ist.

* Die Namen aller Familienmitglieder wurden von der Redaktion geändert. 

Kinder kommen von Anfang an mit Geschlechterstereotypen in Berührung

Was ist dran an diesen Stereotypen? Wo lassen sich Unterschiede festmachen? Und woher kommen sie? Es gibt unzählige Studien zu diesen Fragen – eine abschliessende Antwort gibt es bis heute nicht. Welche Unterschiede angeboren sind, lässt sich kaum ermitteln, da es sich gar nicht verhindern lässt, dass bereits Babys und Kleinkinder mit stereotypen Rollenbildern in Berührung kommen.

«Wir haben keine Chance, herauszufinden, welche Unterschiede im Hirn für komplexe menschliche Verhaltensweisen verantwortlich sind», sagt die kanadisch-britische Psychologin, Genderforscherin und Wissenschaftsautorin Cordelia Fine. 

Wir stellen sieben Mythen auf den Prüfstand: Zu welchen Erkenntnissen kamen Studien und Umfragen? Was sagen Forscherinnen und Forscher? Ausserdem haben wir erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen um ihre Einschätzung gebeten – und bei Familie Zimmermann nachgefragt,wie das bei ihnen aussieht mit den Geschlechterunterschieden. 

Mythos 1: Buben sind das starke Geschlecht

«Weibliche Individuen haben bei der Geburt einen geringeren Muskelanteil und mehr Fettgewebe als männliche», erklärt die Zürcher Kinderärztin Madeleine Gartenmann Benz. Trotzdem gebe es im Kindesalter kaum Unterschiede bei den sportmotorischen Fähigkeiten, sagt der Berner Sportwissenschaftler Achim Conzelmann. «Die Leistungen in der Leichtathletik beispielsweise unterscheiden sich im Kindesalter nur unbedeutend.»

Das ist auch auf dem Fussballplatz zu beobachten. So rennt Lars zwar schneller als Lena, dafür hat die 14-Jährige den härteren Schuss. Noch. Mit der Pubertät öffnet sich die Schere: «Hinsichtlich der Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer haben erwachsene Männer im Schnitt deutliche Vorteile gegenüber Frauen », sagt Achim Conzelmann.

Wie aber sieht es bei der mentalen Stärke aus? «Grundsätzlich gibt es da keinen Unterschied. Mädchen und Buben können gleichermassen Ehrgeiz entwickeln und sich fokussieren», sagt Melanie Planzer-Mörth, Präsidentin des Schweizer Mentalcoaching-Verbands. «Aber Glaubenssätze, welchen die Kinder schon sehr früh begegnen, haben einen grossen Einfluss. Zum Beispiel, dass Mädchen fein und Jungen hart sein sollen.» 
Wir ermuntern Jungen, sich zu bewegen - und wundern uns dann, wenn sie in der Schule nicht stillsitzen können.
Mädchen würden zum ruhigeren Geschlecht erzogen, Buben dazu animiert, sich zu bewegen – «und dann wundert man sich, wenn sie in der Schule nicht stillsitzen können», sagt Melanie Planzer- Mörth. Sie ist überzeugt, dass Mädchen nicht konzentrationsfähiger sind als Jungen: «Ist das Interesse vorhanden, ist die Konzentration unabhängig vom Geschlecht trainierbar.»

Kinderärztin Madeleine Gartenmann Benz sagt: «Hormonbedingt ist das weibliche Immunsystem stärker als das männliche. Bei Jungen kommt es bei der Geburt häufiger zu Komplikationen und die Säuglingssterblichkeit ist höher.» Das schnell reagierende Immunsystem der Mädchen sei aber nicht nur zu deren Vorteil. So neigten sie schon im Kindesalter zu mehr Autoimmunerkrankungen.

In der Adoleszenz zeige sich dann die sozial bedingte geschlechtsspezifische Komponente stärker. Essstörungen seien bei Mädchen beispielsweise immer noch deutlich häufiger als bei Buben: «Das liegt am gesellschaftlichen Anspruch, als Mädchen schön und schlank sein zu müssen.»

FAZIT: Dass Buben das starke Geschlecht sind, stimmt nur bedingt. Fakt ist: Buben haben mehr Muskelmasse, Mädchen ein stärkeres Immunsystem. 
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Inanna wäre manchmal lieber ein Bub. Auch weil sie in ihrem Ausbildungsbetrieb als Schreinerin immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert wird. Sie und ihre Schwester finden: «Buben sind manchmal ziemliche Kindsköpfe!» Bild: Salvatore Vinci / 13 Photo
Inanna wäre manchmal lieber ein Bub. Auch weil sie in ihrem Ausbildungsbetrieb als Schreinerin immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert wird. Sie und ihre Schwester finden: «Buben sind manchmal ziemliche Kindsköpfe!» Bild: Salvatore Vinci / 13 Photo

Mythos 2: Mädchen sind sozialer, emotionaler und fürsorglicher

Dass Buben weniger Gefühle als Mädchen hätten, gehöre ins Reich der Mythen und Legenden, sagt Entwicklungspsychologe Moritz Daum von der Universität Zürich. Wenn Buben diese weniger zeigen, sei dieses Verhalten gelernt, so Daum. «Die Emotionen sind trotzdem da.»

Auch Brigitte Zimmermann erlebt ihren Sohn nicht als emotionslos. Im Gegenteil: «Ich kenne kaum ein emotionaleres Kind als Lars. Schaut man ihn schräg an, kommen ihm die Tränen. Auf der anderen Seite kann er sich über Kleinigkeiten richtig freuen.»

Fritz Schellenbaum, pensionierter Seklehrer und Präsident der Sektion Sekundarschule des Zürcher Lehrerverbands, hat beobachtet, dass Buben ihre Gefühle einfach anders ausleben als Mädchen: «Wenn sie miteinander rangeln, ist das auch ein Ausdruck von Emotionen.»

Während diese Unterschiede gesellschaftsbedingt sind, sieht Moritz Daum einen biologischen Einfluss im Bereich des Spielens. «Es gibt Studien mit Schimpansen, bei denen man Affenjungen und -mädchen beobachtete, wie sie mit Stöcken spielen. Die Jungen benutzten sie eher als Waffe, die Mädchen wiegten sie im Arm.» Daum glaubt, dass sich bestimmte «geschlechtstypische» Eigenschaften wie Fürsorge aus angeborenen unterschiedlichen Interessen entwickeln würden: «Buben spielen im Allgemeinen wilder. »

Hinzu komme, dass bei Mädchen fürsorgliche Rollenspiele mehr gefördert werden. «Ein Junge lernt, dass der Papa eher mit ihm fechtet, anstatt mit Puppen zu spielen.»

Ist das weibliche also das sozialere Geschlecht? 

Die Ergebnisse einer Studie der Universität im norwegischen Stavanger sprechen dafür. Die Untersuchungen aus dem Jahr 2015 über das Sozialverhalten im Kindergartenalter zeigten, dass Mädchen sich häufiger an Spielen beteiligten und mehr mit anderen interagierten. 

Dieser Unterschied zeigt sich auch bei Zimmermanns: Lena hatte bereits als kleines Mädchen jede Menge Freundinnen und Freunde, während Lars bis ins Kindergartenalter lieber alleine spielte. 

Barbara Schwarz, seit 20 Jahren Kindergartenlehrperson im Zürcher Oberland, macht auch andere Beobachtungen: «Ich stelle sehr wohl fest, dass Jungen eher Konstruktionsspiele machen und Mädchen gemeinsame Rollenspiele lieben. Aber wenn man die Buben zu etwas anderem anhält, gefällt ihnen auch das.» 
 
FAZIT: Mädchen verhalten sich im Durchschnitt tatsächlich emotionaler und fürsorglicher. Woher dies kommt, ist umstritten. Sicher ist: Buben haben nicht weniger Gefühle, aber sie lernen, diese stärker zu unterdrücken und anders auszuleben als Mädchen.

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