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Psychologie

«Wenn man sich wirklich wehtut, darf man auch als Bub weinen»

Matti, 8, geht in die erste Klasse und lebt mit seinen Eltern und seinem Bruder Lenny, 10, in Chur GR. Er glaubt, dass Mädchen sich besser konzentrieren können und ruhiger sind als Buben. Dafür kämen Mädchen öfter zu spät zum Unterricht, weil sie so viel quatschen.
Aufzeichung: Sandra Casalini
Bilder: Salvatore Vinci / 13 Photo
«Ui nein, ich möchte sicher kein Mädchen sein. Buben machen krassere Sachen, sind frecher und lustiger. Einige Mädchen sind Tussis und schreien gleich los, wenn sie mal in den Schnee fallen, weil sie nicht nass und dreckig werden wollen. Die Buben sind grösser und stärker als die Mädchen. In der Schule sind wir immer schneller fertig mit unseren Aufgaben. Wir haben noch keine Noten, aber bekommen Smileys für unsere Leistung.

Die Buben bekommen nicht mehr Smileys als die Mädchen. Aber ich habe immer viele. Meine Lieblingsfächer sind Turnen, Religion und Mathe. Singen mag ich nicht so gern. Und Lesen finde ich schwieriger als Rechnen. Ich kann es besser mit Zahlen als mit Buchstaben. Aber vielleicht wird das ja noch anders. Im Unterricht strecken die Mädchen öfter auf. Ich glaube, für uns Buben ist es mühsam, so lange aufzustrecken und zu warten, bis man drankommt. Wir wollen lieber gleich sagen, was wir wissen.
Weil ich lange Haare habe, denken die Leute manchmal, ich sei ein Mädchen. Das stört mich nicht. Andere Buben sagen, ich sehe aus wie ein Mädchen, um mich zu ärgern, aber mir ist das egal. Deswegen schneide ich die Haare nicht ab. Ich hatte sie mal kurz und ich finde, das sah doof aus.

Wir spielen auch manchmal Rundlauf oder Sitzball mit den Mädchen, aber die heulen immer gleich los, wenn sie umfallen. Buben halten da mehr aus. Aber wenn man sich wirklich wehtut, darf man auch als Bub weinen. Auch wenn einen etwas traurig macht, zum Beispiel wenn jemand stirbt oder man Streit hat, darf man Tränen vergiessen. Da wird man nicht ausgelacht. 
Buben sagen, ich sehe aus wie ein Mädchen, um mich zu ärgern, aber mir ist das egal.
Ich spiele Unihockey und letztes Jahr hatten wir ein Mädchen in unserem Team. Mädchen können auch gut schiessen, aber nicht so gut dribbeln. Buben sind schneller, aber im Turnen nicht besser. Aber Fussball ist etwas für Buben. Da wird gefoult und die Mädchen sind dann beleidigt und spielen nicht mehr mit. Deshalb spielen wir nicht so gern mit ihnen.

Ich finde schon, dass die Mädchen ab und zu in der Schule bevorzugt werden, obwohl sie nicht besser sind. Vielleicht haben die Lehrerinnen und Lehrer sie manchmal lieber, weil sie ruhiger sind. Ich finde es nicht immer einfach, mich zu konzentrieren. Es kommt zum Beispiel vor, dass ich im Deutschunterricht noch an einem Buchstaben herum­studiere und dann nicht richtig mitkriege, was wir machen müssen.

Dafür kommen die Mädchen öfter zu spät, weil sie immer so viel schwatzen. Keine Ahnung, was die immer zu besprechen haben. Da ist es doch einfacher, ein Bub zu sein!»

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