Schulsozialarbeiterin Veronica Graber: «Egal wie schambesetzt ein Thema ist, die Kinder können mit allem zu mir kommen»
Schule

«Egal wie schambesetzt ein Thema ist, die Kinder können mit allem kommen»

Die Schulsozialarbeiterin Veronica Graber setzt auf eine gute Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern. Sie spricht über Eltern, die sie für die KESB halten, nächtliche Anrufe und die Zunahme an psychischen Problemen während der Pandemie.
Interview: Evelin Hartmann 
Bilder: Herbert Zimmermann / 13 Photo
Drogen, Gewalt, Mobbing, Konflikte unter Schülerinnen und Schülern, Probleme im Elternhaus: Mit diesen Themen hat Schulsozialarbeiterin Veronica Graber täglich zu tun. Die eindrücklichsten Aussagen sehen Sie hier als Bildergalerie, das ganze Interview lesen Sie gleich im Anschluss:

Frau Graber, mit welchen Themen haben Sie zu tun?

Mit allem rund um soziale Auffälligkeiten und mit Problemen, die Schülerinnen und Schüler sowohl im Schulkontext als auch zu Hause haben. Es geht um Drogen, Gewalt, Konflikte unter Kindern und Jugendlichen, Mobbing, Probleme im Elternhaus. In den letzten Jahren haben die Themen Aufklärung und digitale Medien stark zugenommen, da geht es beispielsweise um Sexting, Pornografie oder Cybermobbing. Ebenso merken wir eine klare Zunahme an psychischen Problemen oder an Fällen in den Bereichen Integration, Migration und kulturelle Unterschiede. Mobbingsituationen sowie der gestiegene Leistungsdruck sind allgegenwertig.

Ein weites Feld.

Ein sehr weites Feld. Hier an meiner Arbeitsstelle in Rothrist bieten ­meine beiden Kollegen und ich ein Beratungsangebot für 15 Schulhäuser. Daneben leisten wir Präventionsarbeit, Früherkennung, Intervention und Krisenintervention. Diese Vielfalt erfordert eine Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Anspruchsgruppen. Da ist zum einen das schulische Umfeld mit Lehrpersonen, Schulleitung, Heilpädagogen, Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern beziehungsweise Erziehungsberechtigten. Und zum anderen das behördliche mit Sozialarbeitern, der KESB, den verschiedenen Psychologischen Diensten, den fachspezifischen regionalen Beratungsstellen, der Polizei und so weiter.
Veronica Graber leitet seit 2017 den Fachbereich der Schulsozial- und Jugendarbeit in der Gemeinde ­Rothrist AG und ist als Schulsozialarbeiterin zuständig für die Oberstufe. Zuvor baute sie die Schulsozialarbeit in der Gemeinde Arth SZ (Kindergarten und Primarschulstufe) auf und war auch in Brunnen SZ auf der Oberstufe tätig. Sie ist Vorstandsmitglied im Schulsozialarbeitsverband SSAV und zuständig für das Ressort Projekte. Veronica Graber besitzt einen Bachelor in Erziehungswissen­schaften und einen Master in Sozialer Arbeit.
Veronica Graber leitet seit 2017 den Fachbereich der Schulsozial- und Jugendarbeit in der Gemeinde ­Rothrist AG und ist als Schulsozialarbeiterin zuständig für die Oberstufe. Zuvor baute sie die Schulsozialarbeit in der Gemeinde Arth SZ (Kindergarten und Primarschulstufe) auf und war auch in Brunnen SZ auf der Oberstufe tätig. Sie ist Vorstandsmitglied im Schulsozialarbeitsverband SSAV und zuständig für das Ressort Projekte. Veronica Graber besitzt einen Bachelor in Erziehungswissen­schaften und einen Master in Sozialer Arbeit.

Sie haben viele verschiedene Rollen.

Das ist richtig. Mal sind wir Schulsozialarbeitenden die Vermittelnden zwischen Elternhaus und Schule, mal Türöffner, mal sind wir die Anwälte für das Kind, mal für die Lehrperson, mal leisten wir Präventionsarbeit. Und wir versuchen möglichst eine neutrale Haltung einzunehmen.
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Was macht einen guten ­Schulsozialarbeiter, eine gute Schulsozialarbeiterin aus?

Erfahrungen in der Präventionsarbeit, der systemischen Beratung, eine hohe Flexibilität und Selbständigkeit. Ich bin auch Vorstandsmitglied des Schulsozialarbeitsverbands SSAV, der sich für eine Professionalisierung der Schulsozialarbeit einsetzt. Uns ist es wichtig, dass ein Studium der Sozialen Arbeit abgeschlossen wurde, Freude an und Erfahrung mit der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen besteht sowie fundierte Gesprächsführungstechniken und Methodenkenntnisse vorhanden sind.

Wie reagieren Mütter und Väter in der Regel auf Sie?

Das hängt beispielsweise davon ab, ob sie uns am Elternabend persönlich kennengelernt haben und wissen, wer wir sind beziehungsweise wofür wir zuständig sind. Viele reagieren recht offen und sind froh um eine Kontaktaufnahme unsererseits. Andere verwechseln uns mit anderen Stellen wie der KESB oder dem Schulpsychologischen Dienst und fürchten, dass ihr Kind abgeklärt oder weggenommen werden soll. Aber das ist gar nicht unsere Aufgabe. Ein gutes Zeichen ist immer, wenn sich Eltern auch direkt an uns wenden, weil sie sich Sorgen machen oder nicht ­weiterwissen. Oft werden wir auch zu Elterngesprächen hinzugebeten, sei es von den Eltern oder den Kindern selbst oder von den Lehrpersonen. Dann schauen wir, wie wir unterstützen können.

Wann sollte ich mich als Mutter oder Vater an die Schulsozialarbeit in der Schule meines Kindes wenden?

Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind sich immer mehr zurückzieht. Wenn es häufig über Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen klagt und vermehrte Absenzen hat, wenn es schwänzt oder sich nicht in die Schule traut. Wenn es mit Ihnen nicht mehr über seine Sorgen spricht und Sie nicht weiterwissen.

Nehmen wir an, ich entdecke auf dem Smartphone meiner 13-jährigen ­Tochter pornografische Bilder im ­Klassenchat und benachrichtige Sie als zuständige Schulsozialarbeiterin. Wie würden Sie vorgehen?

Ich würde mit Ihnen und der Klassenlehrperson das weitere Vorgehen absprechen und meinen Besuch in der Klasse ankündigen. Entweder gleich mit der Polizei, sofern es sich um illegales pornografisches Material handelt und diese informiert worden ist, oder erst einmal allein. Die Klasse kennt mich und meine Funktion durch die Vorstellung zu Beginn des Schuljahres. Nach der Begrüssung würde ich die Klasse fragen: «Habt ihr eine Idee, warum ich hier bin?», und je nachdem das Stichwort Klassenchat nennen. Dann thematisiere ich den Vorfall allgemein, ohne Namen zu nennen, und versuche damit auch zu sensibilisieren und Wissen zu vermitteln, damit dies nicht wieder vorkommt. In jedem Klassenchat kommt es zu Vorfällen wie Cybermobbing oder es tauchen Videos beziehungsweise Bilder auf, die nicht in Ordnung sind. Und es ist wichtig, dass die Jugendlichen wissen, worum es sich handelt und wie sie sich verhalten sollten, wenn so etwas passiert.

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