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«Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme»

Lesedauer: 1 Minuten

Im Rahmen seines Herzensprojekts «Kids, ab an den Herd» besucht Spitzenkoch Rolf Caviezel Schulklassen, um mit ihnen zu kochen. Dabei sollen sie die Grundlagen einer ausgewogenen Ernährung kennenlernen.

Interview: Virginia Nolan
Bilder: Digitale Massarbeit & zVg

Herr Caviezel, Sie sind Spitzenkoch, Kochbuchautor, führen ein Foodlab und ein Kochstudio. «Kids, ab an den Herd» ist Ihr Herzensprojekt. Worum geht es?

Ich besuche Schulen, um mit Kindern und Jugendlichen zu kochen. Jetzt sind wir gerade zurück von einer einwöchigen Tour durch Schulen in verschiedenen Kantonen. Wir machten erstmals auch Halt in einem Heim für Jugendliche mit Verhaltensproblemen. Die Zusammenarbeit mit diesen jungen Menschen hat mich verblüfft: Beim Kochen blühten sie richtig auf. Die Eins-zu-eins-Betreuung, die sie sonst kennen, war nicht nötig, sie arbeiteten so engagiert mit.

Spitzenkoch Reto Caviezel will Kinder für saisonale Gerichte und Food waste sensibilisieren.

Was hat Ihr Projekt zum Ziel?

Mich stimmt nachdenklich, dass viele Kinder den Bezug zu Nahrungsmitteln verloren haben, etwa keine Ahnung haben, was ein Knollensellerie oder ein Kopfsalat ist. Sie lernen es nicht von den Eltern, weil diese beruflich ausgelastet sind und kaum Zeit zum Kochen haben. In der Schule kommt Hauswirtschaft auch zu kurz – dabei sollte das Fach mindestens so wichtig sein wie Sport.

Einerseits müssen Kinder irgendwoher die Grundlagen einer ausgewogenen Ernährung lernen, weil sie sonst Gefahr laufen, krank zu werden. Andererseits ist Essen mehr nur als Nahrungsaufnahme: Es bringt Menschen zusammen, schult unsere sozialen Fähigkeiten. Ein Teenager aus dem Jugendheim sagte mir, dass er erst jetzt realisiere, wie wichtig gemeinsame Mahlzeiten zu Hause für ihn gewesen wären – so hätte er womöglich früher Gelegenheit gehabt, über Probleme zu sprechen. Das hat mich berührt.

Was erwartet Klassen in Ihren Kursen?

Ein Kurs dauert gut drei Stunden und startet mit Warenkunde, also Wissen zu heimischen Nahrungsmitteln. Dann kochen wir in Gruppen einen Dreigänger – ohne Rezept, ich will Raum lassen für Experimentierfreude. Wir arbeiten mit saisonalen, heimischen Produkten, verwenden Rapsöl statt Olivenöl.

Auch Themen wie Lebensmittelverschwendung greifen wir auf, etwa, indem wir aus Altbrot und Äpfeln einen süssen Auflauf herstellen oder aus Gemüseschale eine Bouillon. Ich baue auch Elemente aus der Molekularküche mit ein: Glace machen mit Stickstoff, essbare Perlen oder Pulver herstellen – das finden Kinder super. Für einen Unkostenbeitrag von fünf Franken pro Kind führe ich auch Kochkurse in meinem Foodlab durch.

Mehr Informationen: www.kids-ab-an-den-herd.com

Virginia Nolan
ist Redaktorin, Bücherwurm und Wasserratte. Sie liebt gute Gesellschaft, feines Essen, Tiere und das Mittelmeer. Die Mutter einer Tochter im Primarschulalter lebt mit ihrer Familie im Zürcher Oberland.

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