Mobbing: Unser Thema im Juni

Chefredaktor Nik Niethammer stellt Ihnen in unserem Coverfilm die Themen der Juni-Ausgabe vor. Was passiert bei Mobbing? Wie werden Kinder zu Tätern, warum werden sie zu Opfern? Und was können Eltern und Lehrpersonen tun?

Die neue Ausgabe erscheint am Dienstag, 9. Juni 2020. Sie können sie als Einzelausgabe online bestellen.

Auch nach dem Lockdown sind wir noch auf Distanz und haben unseren Coverfilm via Zoom geführt. Sehen Sie in unserem Video, welche Artikel Chefredaktor Nik Niethammer ganz besonders am Herzen liegen und welchen Artikel er seiner Tochter zum Lesen geben würde aus dem neuen Magazin.

Video oben: Film in voller Länge auf Schweizerdeutsch, ohne Untertitel. 
Video unten: Gekürzte Version, mit Untertitel. 

«Ich habe von Frauen 
gehört, die jeden Morgen um vier Uhr aufstehen, 
um Ruhe zum Arbeiten zu haben, bevor in der Familie alles losgeht. Auf Dauer sind solche Belastungen nicht aus­zuhalten.»
Mareike Kunter, Psychologin, auf «Zeit Online»
Liebe Leserin, lieber Leser

Wie wird ein Kind zum Mobbingopfer oder -täter? Welche Rolle spielen Elternhaus, Schule und sozialer Status? «Es kann jedes Kind treffen», sagt Françoise Alsaker, Pionierin der ­Mobbingforschung in der Schweiz. An diesen Satz musste ich denken, als mich neulich die  schmerzlichen Zeilen eines Vaters an die Eltern der Mitschülerinnen und Mitschüler seines Sohnes erreichten. Ich gebe den Brief leicht gekürzt und mit geänderten Namen wieder.

Liebe Eltern der 2. Klasse
Vergangene Woche haben wir Frederik von der Schule genommen. Wann und wo er wieder zum Unterricht gehen kann, wissen wir nicht. Er ist in Therapie, und wir hoffen. Ich schreibe diese Zeilen, um meiner Verzweiflung, Enttäuschung und Wut Ausdruck zu verschaffen. Vor allem aber hoffe ich, mit meinen Schilderungen etwas anzustossen, das mithilft, in der Klasse und vielleicht auch in der Schule Dinge zu verändern.
Frederik leidet den Ärzten zufolge an einer posttraumatischen Störung, die aus wieder­holten Übergriffen – eingesperrt werden, geschlagen werden, gehänselt werden – durch eine Gruppe von Jungen in der 2. Klasse resultiert. Unser Sohn befindet sich in einer Spirale der Angst und traut sich nicht einmal mehr zu Freunden oder auf den Spielplatz. Am liebsten will er mit uns in der Wohnung nur noch Höhlen bauen und seine ­Puppen streicheln. Frederik, wie wir ihn jetzt erleben, ist ein völlig anderes Kind als noch vor einem Jahr. 
Wie ist das alles gekommen?
Zunächst schien in der Schule alles gut zu gehen. Bald jedoch zeigte sich, dass es ein paar wilde Jungs gibt, die immer wieder physische und ­psychische Grobheiten gegen andere Kinder ausübten. Frederik fühlte sich immer unwohler. Ausserhalb des Unterrichts nahm er die Schule als einen unsicheren Ort wahr und dachte mit Angst an das, was jeweils auf dem Pausenplatz passierte. Der Rest der Klasse fügte sich aus Angst zunehmend eher der Hierarchie, statt Frederik beizustehen.
Hierarchische Prozesse sind Teil des sozialen Lernens von Gruppen und wahrscheinlich sind es auch die Gemeinheiten, die Kinder sich gegen­seitig antun. Entscheidend für das soziale Lernen ist, dass Kinder erfahren, dass Gemeinheiten oder Grobheiten nicht von der Gruppe und dem Umfeld geduldet werden. Geschieht dies nicht, kommt es zu fatalen Lernprozessen. Wenn der Rahmen fehlt, um Konflikte zu lösen, entwickelt sich das Recht des Stärkeren. 
Wir sind immer wieder an die Eltern der Kinder gelangt, unter denen Frederik litt. Oft bekamen wir zu hören, das sei doch alles normal, Jungs seien halt so oder wahrscheinlich sei Frederik auch daran beteiligt.
Wir und auch Frederik werden trotz allem viele schöne Erinnerungen an die Schule und an ­viele Eltern und Kinder behalten und hoffen, in Kontakt zu bleiben.

Rolf und Annabelle

Wie es Frederik heute geht, weiss ich nicht. Ich wünsche dem Jungen von Herzen, dass er bald wieder eine Schule besuchen kann und Vertrauen, Fürsorge und eine intakte Klassengemeinschaft erfährt. Wie Mobbing entsteht und was Eltern und Lehrpersonen dagegen tun können, hat unsere Autorin Virgina Nolan untersucht im Dossier «Alle gegen einen».

Herzlichst – Ihr Nik Niethammer