Françoise Alsaker: «Es kann jedes Kind treffen»
Entwicklung

Wie werden Kinder zu Mobbingopfern oder -tätern?

Françoise Alsaker, Pionierin der Mobbingforschung in der Schweiz, über Mythen und Fakten: Wie werden Kinder zu Mobbingopfern oder -tätern? Und was haben Elternhaus, sozialer Status oder Geschlechterrollen damit zu tun?
Interview: Virginia Nolan
Bilder: zVg /
pixabay.com/Alexa_Fotos

Frau Alsaker, was macht ein Kind ­anfällig dafür, Mobbingopfer zu ­werden?

Mobbingopfer fühlen sich ohnmächtig, hilflos, in ihrem Selbstwert erschüttert. Sie reagieren darauf unterschiedlich. Manche vermeiden jegliche Nähe zu den anderen, andere reagieren aus Verzweiflung gereizt oder ungehalten. Es ist eine Reaktion auf die Belastung, der sie ausgesetzt sind, die Gemeinschaft aber wertet diese oft als Beweis dafür, dass das Opfer sich auffällig verhalte. Untersuchungen zeigen, dass sich Mobbingopfer im Hinblick auf ihr So­­zialverhalten nicht von anderen Kindern unterscheiden – bis auf den Punkt, dass sie sich etwas weniger gut wehren können. Dieser Befund ist mit Vorsicht zu geniessen, denn die Kinder werden ja erst befragt, wenn sie bereits Opfer geworden sind. Defizite, egal welcher Art, genügen nie, um Mobbing zu erklären. Sie können jedoch das Risiko, gemobbt zu werden, in gewissen Gruppenkonstellationen erhöhen.

Inwiefern?

Das Vorurteil, wonach gewisse Kinder zum Mobbingopfer prädestiniert seien, hält sich hartnäckig. Es ist typisch, dass die Leute ihren Blick auf Persönlichkeits- und Verhaltenseigenschaften des betroffenen Kindes richten. Diese Perspektive ist problematisch, weil sie die Schuld beim Opfer vermutet, vor allem aber hat sie nichts mit der Realität zu tun: Es kann jedes Kind treffen. Fakt ist aber auch: Mobbing macht etwas mit dem Verhalten des Opfers.
Françoise Alsaker ist emeritierte Professorin für Psychologie an der Universität Bern. Sie studierte Psychologie in Bergen, Norwegen, und war danach Teil des Forschungsteams um Dan Olweus, einem Pionier der Mobbingforschung. In den 1990er-Jahren führte Alsaker die erste Mobbingstudie in der Schweiz durch und sensibilisierte im Lauf der Jahre Schulen und Öffentlichkeit für das Thema. 
Françoise Alsaker ist emeritierte Professorin für Psychologie an der Universität Bern. Sie studierte Psychologie in Bergen, Norwegen, und war danach Teil des Forschungsteams um Dan Olweus, einem Pionier der Mobbingforschung. In den 1990er-Jahren führte Alsaker die erste Mobbingstudie in der Schweiz durch und sensibilisierte im Lauf der Jahre Schulen und Öffentlichkeit für das Thema. 

Zum Beispiel?

Mehrere Studien identifizierten ADHS als Risikofaktor. Kinder mit ADHS können ihre Emotionen nicht gut regulieren, sie reagieren unkontrolliert und lassen sich schnell provozieren. Diese Kombination macht sie zu einem gefundenen Fressen für Mobber: Einerseits dienen ihre Wutausbrüche den anderen zur Belustigung, andererseits haben Mobber so im Bedarfsfall leichtes Spiel, dem Opfer die Schuld in die Schuhe zu schieben. Auch Migrantenkinder haben ein leicht höheres Risiko, gemobbt zu werden, weil Sprachschwierigkeiten ihre Integration in die Gruppe erschweren.

Welche Risikofaktoren machen Kinder zum Täter?

Mobber haben im Vergleich zu unbeteiligten Altersgenossen weniger Einfühlungsvermögen und schwächer ausgeprägte moralische Werte. Demgegenüber können sie sich gut durchsetzen, suchen den Kontakt zu anderen, führen gerne an. Ein Kind kann Eigenschaften in dieser Kombination mitbringen, muss deshalb aber noch lange kein Mobber sein. Sein Risiko, in diese Rolle zu geraten, hängt von der Gruppenkonstellation ab: Wenn die Mehrheit der Klassenmitglieder sozial positiv eingestellt ist, wird ein Kind seinen sozialen Status nicht verbessern können, indem es andere plagt. Es würde ihm an Unterstützern und Publikum fehlen.
Anzeige

Inwiefern spielt die elterliche ­Erziehung eine Rolle?

Wir wissen, dass alle Kinder irgendwann im Lauf ihrer Entwicklung aggressives Verhalten zeigen. Dann ist es entscheidend, ob und wie sie lernen, mit diesen Aggressionen umzugehen, dass Eltern ihnen Strategien beibringen, Konflikte zu lösen und ihre Wut so auszudrücken, dass andere davon nicht zu Schaden kommen.
<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/mobbing"><strong>Online-Dossier Mobbing </strong></a>Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: <strong>Wie werden Kinder zu Tätern, warum werden sie zu Opfern?</strong> Und was können Eltern und Lehrpersonen tun?</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Mobbing Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: Wie werden Kinder zu Tätern, warum werden sie zu Opfern? Und was können Eltern und Lehrpersonen tun?
<div>Dieser Text stammt aus dem <strong>Juniheft 2020.</strong> <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/service/ausgabe-bestellen/ausgabe-bestellen"><strong>Sie können das gesamte Heft hier als Einzelausgabe bestellen.</strong></a></div>
Dieser Text stammt aus dem Juniheft 2020. Sie können das gesamte Heft hier als Einzelausgabe bestellen.
<div>Wer hatte auch schon mal mit <strong>Mobbing</strong> zu kämpfen? Wir sammeln <strong>Ihre Erlebnisse, </strong>gerne auch anonym.<br><a href="mailto: online@fritzundfraenzi.ch">online@fritzundfraenzi.ch</a></div>
Wer hatte auch schon mal mit Mobbing zu kämpfen? Wir sammeln Ihre Erlebnisse, gerne auch anonym.
online@fritzundfraenzi.ch

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.