Teilen

Einzelkind? Zwei? Oder gar drei?

Lesedauer: 3 min
Kaum ist das erste Kind da, fragt das Umfeld nach Geschwistern. Michèle Binswanger macht sich Gedanken, ob es Sinn macht, weitere Kinder in die Welt zu setzen.
Text: Michèle Binswanger

Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Wer ein Kind bekommt, sieht sich meist schneller als ihm lieb ist vor die Frage gestellt, ob es ein Einzelkind bleiben soll. Nüchtern betrachtet spricht wenig für Geschwister, die nur weitere Einschränkungen auf der ganzen Linie bedeuten: noch weniger Zeit für Karriere, Selbstverwirklichung und Spass, ganz zu schweigen davon, dass man nochmals mehr Platz, Geld und Nerven braucht. (Oder schon zu alt, alleinerziehend oder gesundheitlich nicht in der Lage ist.)

Das sind gute Gründe. Aber noch bessere sprechen für mindestens ein zweites Kind. Natürlich bedeuten mehr Kinder auch mehr Arbeit. Zudem steht die Entscheidung für das Zweite meist genau dann an, wenn man gerade abgestillt, zum ersten Mal seit Monaten wieder durchgeschlafen und sich im allgemeinen Baby-Chaos eingerichtet hat.

Kommt dann das Zweite, hat dieses grundsätzlich andere Startbedingungen. Während die Erstgeborenen von allen Englein des Himmels mit allergrösster Sorgfalt auf dem wunderzarten Blumenbett der ersten elterlichen Liebe sanft darniedergelegt werden, landen die Zweiten, vom Bomberpiloten per Schleudersitz abgeworfen, im Schlachtfeld einer schon existierenden Familie. Da heisst es dann: Oh, schön, dass du da bist. Aber jetzt auf in den Kampf. Erstaunlicherweise scheint das die perfekte Vorbereitung fürs spätere Leben.

Als ich mir die Frage nach dem zweiten Kind stellte, warnte mich ein Freund: Es gibt nichts Spiessigeres als Einkindfamilien. Damals hatte ich keine Ahnung, was er meinte. Was spiessig genau bedeuten soll, weiss ich zwar nach wie vor nicht. Dennoch beneide ich die Eltern von Einzelkindern kein bisschen. Und noch weniger das Einzelkind, das in solchen Konstellationen oft wie ein besonders exotisches und pflegeaufwendiges Haustier wirkt.

Narzissmus in die Wiege gelegt

Was die Einzelexistenz für ein Kind selbst bedeutet, hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Das Vorurteil besagt, sie seien egoistischer, schlechter angepasst, altklug, erwachsenenorientiert und verwöhnt.

Belegen lässt sich, dass Einzelkinder häufiger in weniger stabilen Familien aufwachsen und als Erwachsene tendenziell weniger Freunde und Bekannte haben, als Kinder aus grösseren Familien.

Sicher ist, dass ihnen ein gewisser Narzissmus in die Wiege gelegt wird, weil ihr Status in der Familie nie grundlegend relativiert wird. Ihre Position ist immer entweder zu stark oder zu schwach: das dritte Rad am Fahrrad, sofern die Partnerschaft lebendig ist, und wo das nicht der Fall ist, dient das Kind allzu oft als emotionaler Blitzableiter.

Von meinem völlig unwissenschaftlichen Standpunkt aus, kann ich die zeitliche, finanzielle und emotionale Investition in ein zweites Kind nur empfehlen. Nicht nur zum Wohle des Kindes, sondern auch zum eigenen. Denn will man dem Einzelkind eine «artgerechte» Entwicklung ermöglichen, braucht es sowieso weitere Investitionen: Freundschaften mit anderen Kindern müssen gepflegt, Sozialkompetenzen trainiert werden. Und das obliegt dann natürlich alles den Erwachsenen.

Ich jedenfalls bin froh, kann ich die Kinderwelt meinen Kindern überlassen. Und mit meinem Mann (,der übrigens ein Einzelkind war,) die Erwachsenenwelt zelebrieren.

Dieser Text erschien zuerst im Mamablog des Tages-Anzeigers.