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Familienleben

«Geschwister? Nicht so wichtig, wie Eltern glauben!»

Wer mehrere Kinder hat, kennt das Gefühl, nicht jedem gerecht werden zu können. Der Psychologe und Autor Jürg Frick erklärt, warum dieser Anspruch zum Scheitern verurteilt ist.
Interview: Claudia Landolt
Fotos: Gabi Vogt / 13 Photo
Herr Frick, wie wichtig sind Geschwister für die Prägung eines Kindes?
Geschwister sind das erste Trainingsfeld für ein Kind. In der Reibung am Bruder oder an der Schwester üben sich Kinder in wichtigen Fähigkeiten. Selbst ein Geschwister mit sehr grossem Altersabstand oder eines, das oft weg ist, kann ein Vorbild sein.

Fehlt demnach Kindern, die als Einzelkind aufwachsen, dieses wichtige Trainingsfeld?
Zum Gedeihen braucht ein Kind kein Geschwister. Einen Bruder oder eine Schwester zu haben, hat natürlich Vorteile, oft aber auch Nachteile. Ein Einzelkind ist einfach eine Variante.

Viele Eltern haben nun aber ein schlechtes Gewissen, wenn ihr Kind aus welchen Gründen auch immer Einzelkind bleibt.
Dieses Schuldgefühl speist sich wohl eher aus den Wunschvorstellungen oder dem Bild, das Eltern sich von einer Familie malen. Man kann es getrost vergessen. Einzelkinder haben weder mehr Vor- noch mehr Nachteile als Geschwisterkinder. Viel wichtiger als ein Geschwister ist für ein Kind, über die Bedingungen zu verfügen, in welchen es gut gedeihen kann.

Was braucht denn ein Kind?
Es braucht eine verlässliche Bindungsperson, die Zeit für das Kind hat und es in seinen Anlagen nicht über-, aber auch nicht unterfordert. Erziehungswissenschafter würden es so formulieren: Einen autoritativen Führungsstil praktizieren.

Das Kind so zu erkennen, wie es ist, und ihm das zu geben, was es gerade braucht, ist je nach Situation nicht immer einfach.
Natürlich. Ein Verhalten des Kindes zu erkennen, das sich gerade neu entwickelt, ist eine Herausforderung. Wichtig ist es dabei, fair zu sein.

Ein gutes Stichwort. Nun ist es ja gerade bei mehreren Kindern nicht immer einfach, fair zu sein.
Es ist ein Mythos, jedes Kind genau gleich behandeln zu können. Das ist letztlich die ungerechteste Haltung überhaupt!

Eltern bemühen sich ja nun aber, gerecht zu sein.
Kinder wollen und brauchen nicht dasselbe. Ein dreijähriges Kind will anders behandelt werden als ein zwölfjähriges. Fair behandeln ist nicht dasselbe wie gleich behandeln. Jedes Kind hat eigene Bedürfnisse, die gewährt werden müssen. Eltern sollten sich fragen: Was braucht mein Kind, und nicht: Was will ich ihm geben?
Magischer Moment: Sophie und ihr jüngerer Bruder spielen ausgelassen
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Ist eine bewusste Bevorzugung eines Kindes fatal?
Da ist das Spektrum sehr gross. Es gibt die kleinen Bevorzugungen, etwa, dass mit einem Geschwister schneller geschimpft wird als beim andern, wenn es etwas angestellt hat. Dabei kann es sein, dass beide Kinder nur anders reagieren. Das eine gibt seinen Fehler charmant zu, das andere streitet ihn ab.

Was wäre eine grobe Form?

Etwa das Kind aufgrund seines Geschlechts zu diskriminieren. Dass Buben im Haushalt nicht helfen müssen, sondern nur die Mädchen, beispielsweise. Oder dass ein Mädchen nicht Ärztin werden darf, aber der Bruder es werden muss, obwohl das Mädchen viel besser in der Schule ist. Noch immer wird Mädchen mehr Fähigkeit in Empathie zugetraut als Buben. Dabei ist es wichtig, sich dem Kind gegenüber offen zu zeigen und einfach zu schauen, was sich ergibt.

Oft haben Eltern auch ein Lieblingskind. Das verursacht Schuldgefühle.
Dabei ist es schon mal positiv, wenn man das bemerkt! Es ist viel problematischer, wenn man es nicht merkt oder verleugnet.

Ist es nicht normal, dass einem manchmal ein Kind näher ist als das andere?
Das kommt häufig vor. Statt darüber Schuldgefühle zu entwickeln, sollte man sicher besser mit dem Partner oder mit anderen Leuten austauschen. Zudem kann man sich fragen, was solche Gefühle dem Kind gegenüber mit einem selbst zu tun haben.

Wie meinen Sie das?
Warum ist mir das eine Kind sympathischer als das andere? Warum löst ein Verhalten Sympathie, ein anderes Verhalten aber Antipathie aus? Warum rege ich mich darüber so auf? Das hat oft mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Es wäre in solchen Situationen also ratsam, die eigene Biografie und die unverarbeiteten Erfahrungen anzuschauen. Um es mit einem Beispiel zu illustrieren: Vielleicht regt mich ja meine opportunistische Tochter auf, weil ich mir eher eine rote Zora gewünscht habe, genau weil ich selbst keine rote Zora sein durfte.

Wie ist Eifersucht unter Geschwistern zu beurteilen?
Das ist menschlich und gehört dazu. Ein Problem stellt Eifersucht nur dar, wenn sie ein normales Mass übersteigt und die kindliche Entwicklung beeinträchtigt, also beispielsweise psychische oder physische Gewalt oder Drohungen vorliegen.

Nun sind Eifersuchtsattacken gerade bei kleineren Kindern oft mit ganzem Körpereinsatz verbunden. Als Mutter ist es dann nicht gerade leicht, nicht einzugreifen.
Das Problem ist, dass man schnell zum Richter wird. Nicht zu vergessen: Der Beklagte hat im Streit bestimmt auch eine Rolle gespielt. Es ist sinnvoll, statt die Rolle des Richters die Position eines Klärungshelfers einzunehmen. Dazu gehört die Frage: Was braucht es jetzt, damit ihr euch wieder versteht?

Ohne Eingreifen geht es oft nicht.
Natürlich, wenn beispielsweise ein Kind ein anderes beschimpft oder wenn es zu Prügeleien kommt. Dann sollte man die Kinder trennen, damit sie sich abkühlen können. Und dabei klar, freundlich und bestimmt sein, ohne Partei zu ergreifen.

Was tun, wenn sich Geschwister partout nicht verstehen?
Geschwister, die sich einfach so nicht verstehen, gibt es nicht. Dann sollte man sich nicht scheuen, eine Beratung aufzusuchen oder sich bei einer Fachperson Rat einzuholen. Eltern machen es immer so gut, wie sie können. Statt sich mit Schuldgefühlen zu belasten, ist es besser, sich Hilfe zu holen.

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Jürg Frick
Prof. Dr., ist Psychologe FSP, Dozent und Berater an der Pädagogischen Hochschule in Zürich und Autor diverser Publikationen, unter anderem des Geschwisterbuches «Ich mag dich, du nervst mich! Geschwister und ihre Bedeutung fürs Leben», Verlag Huber, 3. Aufl. 2009.



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