Warum Langeweile so wichtig ist - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Warum Langeweile so wichtig ist

Lesedauer: 3 Minuten

Können Sie es noch? Einfach nur warten, an der Haltestelle, der Kasse. Dastehen und nichts tun, bis es weitergeht. Oder, noch schwieriger: Bewusst Zeit verstreichen lassen, Langeweile aushalten. Was banal klingt, ist eine Schlüsselkompetenz fürs Leben, die es früh zu üben gilt.

Text: Christian Hugi
Bild: Rawpixel.com

Zugegeben: Mir persönlich fällt Warten – und vor allem: bewusstes Innehalten – heute schwerer als früher. Zu sehr habe ich mich an den elektronischen Tausendsassa in meiner Hand gewöhnt, der unablässig mit News, sozialen Medien, Spielen, Gesundheitstipps und mehr lockt.

Verbrachte ich vor 15 Jahren Fahrten im öffentlichen Verkehr meist noch damit, aus dem Fenster zu blicken, meine Gedanken schweifen zu lassen und allenfalls Musik zu hören, kauere ich heute oft hinter meinem schier allmächtigen Telefon und vertreibe mir damit die Zeit. Der gelegentliche Blick in die Umgebung zeigt: Ich bin damit bei Weitem nicht der Einzige.

Marshmallows als Indikator für Lebenserfolg

Dabei sind Warten und das Aushalten von Langeweile überaus bedeutende Fähigkeiten, die es ab Kindesalter zu lernen gilt. Warten zu können ist in vielen Lebenslagen wichtig, manchmal geradezu entscheidend. Im Strassenverkehr etwa, um ein besonders offensichtliches Beispiel zu nennen, aber auch bei der Freundschaftspflege, im Vergnügungspark genauso wie am Esstisch und natürlich in Beruf und Schule.

Warten und sich auch mal zurückzustellen, ist eine Lebenskompetenz. Es bedeutet in der Regel, die sofortige Bedürfnisbefriedigung zugunsten eines übergeordneten Ziels aufzuschieben, nicht jedem Impuls nachzugeben. Also etwa die heisse Suppe trotz Hunger erst dann zu kosten, wenn sie etwas abgekühlt ist, mit Reden zuzuwarten, bis das Gegenüber ausgesprochen hat, obwohl man selbst etwas sagen möchte.

Christian Hugi ist Primarlehrer in der Stadt Zürich, Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands (ZLV) und Mitglied der Geschäftsleitung des Dachverbands ­Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH).

Wer warten kann, läuft somit seltener Gefahr, sich die ­Zunge zu verbrennen, hat höhere Chancen, gehört zu werden und kommt sicherer ans Ziel. So zahlt es sich meist aus, dem inneren Drang nicht sofort zu folgen, sondern abzuwarten, einen kühlen Kopf zu bewahren und erst dann zu handeln, wenn die Zeit dafür reif ist.

Es zahlt sich meist aus, einen kühlen Kopf zu bewahren und erst dann zu handeln, wenn die Zeit dafür reif ist.

Tatsächlich geht die Fähigkeit zu warten aber weit über diese alltäglichen Beispiele hinaus, wie Untersuchungen zeigen. Vielleicht kennen Sie den Marshmallow-Test, erstmals durchgeführt im Jahr 1968. Man setzt kleinen Kindern eine Süssigkeit vor die Nase und gibt ihnen zwei Optionen: Sie können den Gaumenschmaus sofort vernaschen – oder aber zuwarten, um später als aufgeschobene Belohnung eine zusätz­liche Süssigkeit zu erhalten.

Auch wenn der Versuchsaufbau und die Ergebnisse dieses Experiments ­heute umstritten sind, legen die Beobachtungen der Forscherinnen und Forscher folgende Vermutung nahe: Probandinnen und Probanden, die schon in jungen Jahren gut warten und ihre Bedürfnisbefriedigung zugunsten eines zweiten Marshmallows aufschieben können, haben später im Erwachsenenalter generell weniger Probleme und signifikant höhere Chancen auf Erfolg – sowohl beruflich als auch im Sozialleben.

Übungsfelder im Alltag

Wie gut wir warten können, hängt von unserer Impulskontrolle ab, die zu den sogenannten exekutiven Funktionen gehört. Als solche bezeichnen Wissenschaftler geistige Fähigkeiten, die unser Denken und Handeln steuern. Sie beeinflussen die soziale und emotionale Entwicklung und haben einen grossen Einfluss auf die Lernleistung und das Sozialleben.

Wir Erwachsene sind gefordert, unseren Kindern gute Vorbilder zu sein.

Die Fähigkeit, sich zurückzustellen und zu warten, hängt mit der Entwicklung des Gehirns, genauer des präfrontalen Kortex, zusammen. Dieser steuert bewusste, rationale Gedanken und Handlungen. Anders das limbische System, welches ab Geburt alle überlebenswichtigen Körperfunktionen steuert und schnell, instinktiv sowie emotional reagiert. Es unterstützt uns etwa dabei, mögliche Gefahren und Vorteile rasch einzuschätzen und sofort zu reagieren.

Zwei besonders typische derartige Reaktionen sind Angriff oder Flucht. Rationales, vorausschauendes, planendes Denken und Handeln sind im Unterschied dazu nicht von Geburt an möglich. Das zuständige Stirnhirn, eben der präfrontale Kortex, bildet sich im Lauf der ersten 25 Lebensjahre nach und nach voll aus.

Die Fähigkeit, sich zurückzustellen, hängt mit der Entwicklung des Gehirns, genauer des präfrontalen Kortex, zusammen.

Eigene Bedürfnisse aufschieben, planen, die Aufmerksamkeit gezielt einsetzen und Emotionen regulieren: All dies müssen Kinder zuerst lernen. Dennoch ist es möglich und sinnvoll, sie früh mit Geduld und Ausdauer darin anzuleiten und ihnen Gelegenheit zu geben, solche Fähigkeiten zu trainieren.

Altbekannte Spiele wie Verstecken, viele Brett- oder Kartenspiele und vor allem auch alltägliche Aufgaben bieten dafür zahlreiche Übungsmöglichkeiten. Der klassische Adventskalender ist zum Beispiel eine schöne Wartehilfe: Noch gibt es zwar keine Geschenke, aber man erlebt doch, wie sich das Warten aushalten lässt, Weihnachten täglich naht und die Vorfreude steigt. 

Nicht immer gibt es solch prak­tische Hilfen. Trotzdem lohnt es sich, dranzubleiben und mit den Kindern zu üben, damit sie immer besser warten können: beim Zuhören, am Esstisch, bei Wortmeldungen in der Schule, beim Sparen, im Spiel mit anderen. Nicht zuletzt ist es auch im Streitfall wichtig, sich zurücknehmen zu können.

Wer ­seine Wut zügeln, Kritik akzeptieren und sein Verhalten so steuern kann, dass Kooperation wieder möglich wird, ist klar im Vorteil. Doch Frustra­tionstoleranz und Impulskontrolle müssen geübt werden, und wir Erwachsene sind gefordert, Kindern darin gute Vorbilder zu sein.

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