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Mediennutzung

Süchtig nach Online-Games?

Bei vielen Jungs sind Online-Games sehr beliebt – vor allem Rollenspiele wie etwa «League of Legends», bei denen sie in Gruppen spielen. Aber wann ist es zu viel? Und was dann? Ein Gespräch mit Isabel Willemse, Psychologin und Onlinesucht-Beraterin.
Text: Michael In Albon

Frau Willemse, Eltern kennen die Situation: Zigmal haben sie ihren Teenager aufgefordert, das Online-Game zu beenden. Aber es nützt nichts, der Sohn spielt und spielt. Das ärgert einen mit der Zeit ganz gewaltig und man möchte am liebsten den Stecker ziehen.

Ich verstehe zwar die Not der Eltern, aber so einzugreifen ist eine schlechte Lösung. Das endet meist in Streit und Aggression. Viele Jugendliche spielen sogenannte Multiplayer-Games, das heisst, sie schliessen sich mit anderen zu einer Gruppe zusammen und erledigen die Spielaufträge gemeinsam. Dabei übernimmt jeder bestimmte Rollen, die mit Verpflichtungen verbunden sind. Wer sich plötzlich aus dem Spiel verabschiedet, macht eine Aufgabe zunichte, welche die Gruppe vielleicht während längerer Zeit aufgebaut hat. Die Spielkollegen fühlen sich verraten, im Stich gelassen. Eltern ist diese Wirkung oft nicht bewusst.

Was empfehlen Sie stattdessen?

Sinnvoll ist es zu verstehen: Was spielt mein Kind, wie funktioniert das Spiel? Und einen Zeitpunkt zu vereinbaren, ab wann kein Durchgang mehr gestartet werden darf. Bei meinen Klienten ist im Moment «League of Legends» das meistgespielte Game, hier dauert ein Durchgang 40 bis 60 Minuten. Wenn also um 22 Uhr Medienschluss sein soll, heisst das: Ihr Kind darf nach 21 Uhr kein Spiel mehr starten.

Und das akzeptieren Jugendliche?

Es ist wichtig, die Rollen zu klären: Wer macht was, wie wird kontrolliert? In der Beratung investiere ich dafür viel Zeit: Eltern und Jugendliche sollen zusammen Regeln aufstellen; definieren, wer sie durchsetzt und wie; Folgen bei Nichteinhalten festlegen. Viele Jugendliche sind froh, wenn ihnen jemand Grenzen setzt. Und wenn sie die Grenzen selber vorschlagen und mitgestalten, nehmen sie diese besser an.

Hilft Gamen nicht auch, Druck abzubauen und sich zu entspannen?

Doch. Aber es darf keine Flucht sein. Fast jeder Jugendliche kennt Stress: in der Schule oder mit Kollegen, Lehrstellensuche, Prüfungen, Eltern, die viel fordern. Beim Gamen erleben Teenager ein Gruppengefühl, sind erfolgreich, erhalten Anerkennung. Sie vergessen dabei den Druck. Das hilft, gibt positive Gefühle. Aber eben nur für kurze Zeit. Denn gleichsam steigt der Druck, je häufiger sie in die Spielwelt flüchten. Und das wiederum lässt sie noch häufiger flüchten. Es ist ein Teufelskreis.
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Wie helfe ich als Mutter oder Vater meinem Kind da heraus?

Indem Sie genau hinsehen und wenn nötig helfen, Alternativen zu schaffen. Es ist einfacher, andere Interessen zu stärken, damit Mediennutzung an Gewicht verliert. Unterstützen Sie Ihr Kind, ein Hobby wiederaufzunehmen, Kollegen wieder zu treffen – so bauen Sie die Stellung des Gamens langsam ab.

Isabell Willemse
ist Psychotherapeutin und Beraterin für Onlinesucht am IAP und an der ZHAW, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften unter anderem Mitautorin der JAMES-Studie.

Neu finden Sie auf der Onlineplattform Medienstark auch das Thema «Gamesucht» mit weiteren Aspekten und Tipps, wie Sie im Familienalltag damit umgehen können.

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Michael In Albon ist Jugend-medienschutz-Beauftragter und Medienkompetenz-Experte von Swisscom. 
facebook.com/michaelinalbon
twitter.com/MichaelInAlbon 

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