Psychologie

«Manche Mütter empfinden ihre Kinder als störend»

Die Psychologin Helen Gavin über die Gründe weiblicher Gewalt – die Britin ist eine der wenigen Frauen weltweit, die zum Thema weibliche Gewalt in Beziehungen und Familie forscht.
Interview: Christine Amrhein
Bilder: Photocase & zVg

Frau Gavin, wie häufig misshandeln Mütter ihre Kinder?

Untersuchungen haben gezeigt, dass zwischen 4 und 16 Prozent der Kinder in unserer westlichen Gesellschaft körperlich misshandelt und weitere 10 Prozent vernachlässigt werden. In etwa der Hälfte der Fälle geht die Gewalt von der Mutter aus. Das hängt auch damit zusammen, dass Mütter meist mehr zu Hause sind als Väter. Sie verbringen also mehr Zeit mit ihren Kindern und haben deshalb mehr «Gelegenheit », Gewalt auszuüben.

Welche Formen von Gewalt kommen vor?

Frauen können an ihren Kindern alle Arten von Gewalt ausüben: schwere körperliche Gewalt, sexuelle Übergriffe, das Missachten körperlicher Bedürfnisse, aber auch emotionale Misshandlungen wie Abwertung, Zurückweisung oder Liebesentzug. Manche Mütter geben ihren Kindern Medikamente, um sie ruhigzustellen. Schliesslich gibt es das Münchhausen- Stellvertreter-Syndrom: Dabei löst die Mutter bei ihrem Kind künstlich – etwa mit Medikamenten – Krankheitssymptome aus, um so Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen.
Zur Person Helen Gavin ist klinische und forensische Psychologin und Gewaltexpertin an der britischen Universität Huddersfield und Mitautorin des Buches «Female Aggression».
Zur Person
Helen Gavin ist klinische und forensische Psychologin und Gewaltexpertin an der britischen Universität Huddersfield und Mitautorin des Buches «Female Aggression».

Warum schlagen Mütter zu?

Oft fühlen sich die betroffenen Mütter überfordert – entweder mit dem Kind oder durch gleichzeitige berufliche Anforderungen. Viele haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle angemessen zu regulieren. Einige empfinden ihre Kinder auch als störend, anstrengend oder schlicht unerwünscht. Dazu kommen bei manchen noch psychische Probleme wie Depressionen, Alkoholmissbrauch oder Persönlichkeitsstörungen.

Wie sehen diese Mütter ihre Kinder?

Viele der betroffenen Mütter wissen nicht, was ein Kind in einem bestimmten Alter kann und was nicht. Sie haben daher unrealistisch hohe Erwartungen und werden wütend, wenn ihr Kind diese nicht erfüllen kann. So erwarten manche Mütter von einem Kleinkind, dass es sich still verhält oder nicht in die Hose macht. Oft sehen sie in einem normalen, alterstypischen Verhalten zu Unrecht eine negative Absicht – zum Beispiel: «Mein Kind weint, weil es mich ärgern will.»
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Wie kommt es zu sexueller Gewalt gegen Kinder?

Sexuelle Gewalt von Frauen ist nicht so ungewöhnlich, wie man glauben könnte: So berichten in internationalen Studien 10 bis 30 Prozent der Frauen, schon einmal sexuellen Zwang ausgeübt zu haben. Sexueller Missbrauch an Kindern geht Schätzungen zufolge zu einem Viertel von Frauen aus.

Welche Motive haben diese Frauen?

Ähnliche Motive wie die Männer, die Kinder sexuell missbrauchen: Manche Frauen fühlen sich sexuell zu Kindern hingezogen. Viele haben wenig Einfühlungsvermögen für ihre Opfer – oder sie glauben, dass Kinder sexuelle Aktivitäten mit Erwachsenen möchten und dass ihnen dies nicht schaden würde. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Viele Opfer berichten über langfristige psychische Beeinträchtigungen wie Depressionen und Beziehungsprobleme.
«Viele gewälttätige Mütter hegen unrealistisch hohe Erwartungen und werden wütend, wenn ihr Kind diese nicht erfüllen kann.» 

Was kann man gegen Gewalt von Müttern tun?

Wichtig ist zunächst, das Thema zu enttabuisieren: Es sollte mehr über solche Vorkommnisse berichtet werden und über Risikofaktoren und Zusammenhänge aufgeklärt werden. Ausserdem sollte ein ausreichendes Angebot an Präventions- und Behandlungsmassnahmen geschaffen werden – vor allem für Mädchen und junge Frauen.

Warum junge Frauen?

Studien haben gezeigt, dass es hilfreich ist, wenn junge Mütter soziale Fähigkeiten einüben, die für Kindererziehung und Partnerschaft wichtig sind: Daraufhin nimmt ihr aggressives Verhalten gegenüber Partner und Kindern deutlich ab. Was Therapien angeht, haben sich Ansätze als wirksam erwiesen, die Einzel- und Familientherapie kombinieren und positive, einfühlsame Beziehungen zwischen Eltern und Kindern fördern.

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