Psychologie
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Welche Rolle spielt dabei, wie viel Fürsorge beziehungsweise Freiheit man in der eigenen Kindheit erlebt hat?

Wir alle haben ein Grundbedürfnis nach Autonomie und Zugehörigkeitund es ist zentral, wie in frühen Jahren mit diesem Grundbedürfnis umgegangen wurde. Mit der Fähigkeit, einerseits selbständig zu sein und andererseits Bindungen eingehen zu können, hängt unser Selbstwertgefühl zusammen. Es beeinflusst auch massgeblich, ob wir später eher autonome oder angepasste Eltern sind.

Was bedeutet in dem Fall autonom und angepasst?

Autonome Eltern haben ein grosses Freiheitsbedürfnis. Sie überfordern ihr Kind manchmal, indem sie ihm zu viel Selbständigkeit abverlangen. Auf der anderen Seite stehen die angepassten Eltern, die aufgrund ihres grossen Bindungsbedürfnisses manchmal das Bestreben haben, es allen recht zu machen. Es ist beispielsweise häufig so, dass Eltern, die in ihrer Kindheit wenig behütet wurden, später eine überproportional enge Bindung zu ihren Kindern aufbauen. Diese Mütter und Väter wollen ihren Kindern dieses Gefühl des Verlassenseins ersparen, was ja ein liebevoller Gedanke ist. Leider  haben sie dann manchmal Probleme, ihre Kinder gross werden zu lassen und ihnen Freiheiten zuzugestehen. Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch: Einige Eltern, dich ich beraten habe, sind in ihrer Kindheit derart überbehütet worden, dass sie als Erwachsene ein übergrosses Freiheitsbedürfnis hatten. Die fühlten sich durch ihre elterlichen Pflichten sehr eingeengt.
«Je unbewusster Kindheitsprägungen sind, desto mehr Macht haben sie über uns.»

Ist es wirklich so wesentlich, dass man die eigenen Kindheitsprägungen genau aufschlüsselt? Kann es nicht manchmal sogar ganz hilfreich sein, manches zu vergessen?

Wenn man etwas verdrängt, klopft es doch irgendwann wieder an. Und je unbewusster solche Prägungen sind, desto mehr Macht haben sie über unsere Gefühle. Dann laufen emotionale Prozesse automatisiert ab. Die Bewusstwerdung hilft dabei, die eigenen Gefühle zu verstehen. Je nachdem, wie stark man sich als Kind verbiegen musste, kann es als Erwachsener leichter oder schwieriger sein, Zugang zu den eigenen Gefühlen zu bekommen. Das Verständnis für die eigenen Emotionen braucht man aber, um auf seine Kinder einfühlsam eingehen zu können.

Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?

Ein simples Beispiel: Wenn mein Kind weint und mir erzählt, dass an diesem Tag keiner mit ihm in der Schule spielen wollte, muss ich kurz in mich hineinhorchen und spüren, wie es sich anfühlt, wenn man so ganz allein und isoliert ist. Das ist ein Prozess, der idealerweise ganz selbstverständlich und natürlich abläuft. Wenn man dieses Gefühl nachvollziehen kann, fällt es einem leichter, sich in das Kind hineinzuversetzen und es zu trösten und zu beraten. Eltern, die einen Mangel an dieser Fähigkeit haben und sich nur an bestimmten Regeln orientieren, schauen leichter an den Bedürfnissen der Kinder vorbei. Einfühlungsvermögen ist das Königskriterium für Erziehungskompetenz.
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Ist das denn den meisten Eltern bewusst?

Eltern achten heute viel stärker auf ihre eigenen Gefühle und auf die Gefühlswelt ihrer Kinder, als das bei ihren eigenen Eltern der Fall war. Man wirft ihnen dann schnell vor, Helikoptereltern zu sein, aber ich meine, dass es zunächst einmal sehr positiv ist, dass es eine grössere Achtsamkeit gibt. Früher waren negative Emotionen verpönt. Die Eltern haben ihre Gefühlswelt oft nicht so gut verstanden und konnten somit auch ihren Kindern nicht vermitteln, damit reflektiert umzugehen. Gerade bei den Vätern hat es diesbezüglich einen grossen Bewusstseinswandel gegeben. Sie zeigen auch schwache Gefühle wie Schmerz, Angst oder Kummer und vermitteln, dass das so richtig ist. «Indianer kennen keinen Schmerz» ist passé.

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