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Psychologie

Übergewicht – wenn Essen krank macht 

Warum werden Kinder wie der zehnjährige Luca übergewichtig? Welches sind die Folgen einer Adipositas? Und was könnte Luca helfen? 
Text: Nadine Messerli-Bürgy und Simone Munsch
Luca ist 10 Jahre alt und übergewichtig. Er leidet unter seinen Gewichtsproblemen und hat schon oft versucht, abzunehmen. Bisher ohne Erfolg. Oft wird er von seinen Mitschülern wegen seiner Gewichtsprobleme gehänselt. Der Bub fühlt sich daher häufig wertlos und wirkt traurig. Luca ist mit seinen Gewichtsproblemen nicht alleine. Nahezu jedes fünfte Kind in der Schweiz ist übergewichtig oder erreicht ein Gewicht, das im Verhältnis zu seiner Körpergrösse deutlich erhöht ist und damit für Fachpersonen in den Bereich der Adipositas fällt.

Adipöse Kinder leiden häufig an depressiven Stimmungen und an vermehrten Ängsten.
Angststörungen wie soziale Phobien, Trennungsängste, aber auch Depressionen sind keine Seltenheit. Fachpersonen gehen davon aus, dass sich Depressionen und Angstprobleme aufgrund der erhöhten psychischen Belastung durch die Adipositas und die damit einhergehende Stigmatisierung entwickeln können.
Negative Gefühle bewältigen adipöse Kinder mit emotionalem Essen, was das Problem zusätzlich verstärkt.
Die Körperfülle macht das Gewichtsproblem für die Mitmenschen sichtbar. So führen Hänseleien in der Schule, Ausgrenzung durch Mitschüler, Ausschluss von bestimmten Freizeitaktivitäten wie Sport, aber auch Einschränkungen im Alltag für das Kind zu einer ständigen Auseinandersetzung mit der Gewichtsproblematik. Die Sitze im Bus sind zu klein, die Schulbänke zu eng.

Sich als Versager fühlen

Diese Auseinandersetzung ist für ein adipöses Kind sehr belastend. Im Vergleich zu gleichaltrigen Normalgewichtigen sind solche negativen Erlebnisse bei übergewichtigen Kindern weitaus häufiger zu beobachten und damit die psychische Belastung höher. Die Folgen dieser Belastung sind ein geringer Selbstwert und ein negatives Bild der eigenen Person und des Körpers. Nicht selten entwickeln Kinder in der Folge Ängste oder depressive Verstimmungen. Kinder mit Gewichtsproblemen nehmen sich oft als Versager wahr. Diäten beinhalten meist rigide Einschränkungen und sind somit selten über längere Zeit von Erfolg gekrönt. Solche wiederholten erfolglosen Diätversuche führen häufig dazu, dass adipöse Kinder sich als willenlos einschätzen und den Mut verlieren, sich mit ihren Gewichtsproblemen auseinanderzusetzen. 
Wenn Eltern sich zu wenig bewegen, tragen sie dazu bei, dass ihr Kind an Gewicht zunimmt.
Als Folge werten sich adipöse Kinder selbst ab, sind frustriert und haben Angst, sich mit Gleichaltrigen zu treffen. Dieser Rückzug begünstigt den «Teufelskreis», indem Frust und Enttäuschung zu emotionalem Überessen führen. Emotionales Essen bei adipösen Kindern dient dazu, Stress oder negative Gefühle mit Essen zu bewältigen, was das Gewichtsproblem zusätzlich verstärkt. Einige adipöse Kinder neigen auch zu erhöhter Impulsivität und Hyperaktivität und haben Schwierigkeiten, zu kontrollieren, was und wie viel sie essen. Die Folge davon kann eine übermässige Kalorienzufuhr sein. Treten solche Essanfälle regelmässig auf und werden von Gefühlen des Kontrollverlusts sowie von starken Schuld- und Schamgefühlen begleitet, sollten weitere Hinweise auf eine zusätzliche Essstörung, die Binge-Eating-Störung BES, abgeklärt werden. BES ist eine Essstörung, bei der es immer wieder zu Heisshungeranfällen kommt.
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Was sind die Gründe für Übergewicht?

Übergewicht und Adipositas entstehen durch eine erhöhte Energiezufuhr im Vergleich zum Energieverbrauch. Die überschüssige Energie, zugeführt durch Nahrungsmittel, wird im Körper in Fettdepots umgewandelt und gespeichert. Nebst der genetischen Veranlagung zur Fettspeicherung sowie einer erhöhten Ansprechbarkeit auf Nahrungsreize, die dadurch als besonders positiv empfunden werden, spielen Lernmechanismen im Umfeld und in der Familie der Kinder eine wichtige Rolle. So lernt ein Kind bereits von früh an am Modell der Bezugspersonen, welche Nahrungsmittel bevorzugt werden, welche Portionengrössen geschöpft werden oder wie schnell gegessen wird. Auch der Umgang der Eltern mit ihrem eigenen Körper und Gewicht spielt eine Rolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Gewichtsproblemen der Kinder. So können stetige Gewichtssorgen der Eltern die Gewichtsprobleme von Kindern beeinflussen. Die ständige Beschäftigung mit Gewicht und Diät kann dazu führen, dass Kinder den natürlichen Zugang zu Nahrungsmitteln verlieren.
Adipöse Kinder haben aufgrund häufiger Ausgrenzung ein höheres Risiko, Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln.
Weiter beeinflussen Stress in der Familie, wie beispielsweise die Krankheit eines Elternteils oder schwere Lebensereignisse, aber auch finanzielle Sorgen der Eltern den Umgang des Kindes mit Nahrung, Körper und Gewicht. Zudem spielt eine eingeschränkte Bewegungsaktivität eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Übergewicht und Adipositas. Geringe Möglichkeiten, sich frei zu bewegen, ein fehlender Zugang zu einem Spielplatz, Sportplatz oder offenem Gelände und bewegungsarme Freizeitaktivitäten der Eltern beeinflussen die Gewichtsproblematik des Kindes. Häufige sitzende Tätigkeiten wie Fernsehen, Lesen, Computerspiele und so weiter begünstigen die Gewichtszunahme ebenfalls.

Unbehandeltes Übergewicht hat gesundheitliche Folgen 

Werden Übergewicht oder Adipositas nicht behandelt, kann das zu Beeinträchtigungen im psychischen und auch im körperlichen Bereich führen. Adipöse Kinder haben aufgrund häufiger Ausgrenzung ein höheres Risiko, Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln. Zudem weisen adipöse Kinder im Verlauf häufiger Depressionen und Angststörungen auf. Weiter steigt mit dem Gewichtsproblem das körperliche Gesundheitsrisiko. Adipöse Kinder leiden häufiger an Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Diabetes Typ II oder am Schlaf-Apnoe-Syndrom (Beschwerdebild, das durch Atemstillstände, Apnoen, während des Schlafs verursacht wird). Die schweren psychischen und körperlichen Folgen machen deutlich, wie wichtig die Früherkennung und die Behandlung sind. Bisherige Untersuchungen haben gezeigt, dass etablierte Behandlungsprogramme eine kurzfristige und langfristige Gewichtsreduktion des Kindes bewirken und damit Gesundheitsfolgen verhindern können.

Bild: iStockphoto

Welches Behandlungsprogramm ist bei Kindern erfolgreich? 

In der Schweiz bietet unter anderem der Schweizer Fachverband Adipositas im Kindes- und Jugenalter Informationen über Behandlungsprogramme für unterschiedliche Altersgruppen an, www.akj-ch.ch. Ein weiteres, auf seine fünfjährige Wirksamkeit geprüftes Behandlungsprogramm, Training für adipöse Kinder und deren Eltern, TAKE, liegt von Roth und Munsch (2010) vor. Es richtet sich an Kinder im Alter von acht bis zwölf Jahren und deren Eltern.

Dabei werden die Eltern zu verschiedenen Themen der Gewichtsproblematik geschult. Ziel ist, den Eltern Informationen und Strategien zu vermitteln, um ihre Kinder bei der gesunden Ernährung und gutem Essverhalten sowie bei der Bewegungsförderung zu unterstützen. Des Weiteren sollen Eltern als wichtigste Trainer ihrer Kinder ausgebildet werden, wenn es darum geht, die psychische Belastung des Kindes zu vermindern. Themenbeispiele sind Umgang mit Hänseleien, Aufbauen des Selbstwertgefühls, bessere Akzeptanz des eigenen Körpers. Im Zentrum für Psychotherapie an der Universität Freiburg (www.unifr.ch/psychotherapie/de) wird TAKE je nach Alter des Kindes nur mit Eltern oder als Eltern-Kind-Programm durchgeführt. Bei älteren Kindern oder Jugendlichen werden entsprechende Inhalte direkt mit dem Jugendlichen erarbeitet.

Wann spricht man bei einem Kind von Übergewicht oder Adipositas?

Das Vorliegen von Übergewicht oder Adipositas wird durch die Berechnung des Body-Mass-Indexes (Körpergewicht geteilt durch Körpergrösse im Quadrat) festgestellt. Bei Kindern und Jugendlichen werden das Alter und das Geschlecht in der Beurteilung berücksichtigt. Gemäss Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter gelten Kinder ab der 90. Perzentile (Gewichtskurve) als übergewichtig, ab der 97. Perzentile als adipös. BMI-Rechner: www.akj-ch.ch/de > Familien > BMI-Rechner

Die Autorinnen

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Nadine Messerli-Bürgy, PD Dr. phil., Mutter von zwei Kindern, arbeitet seit 2014 als Senior Researcher in der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie am Departement für Psychologie sowie am Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg. Sie ist klinische Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schweizer Kinderstudie «Swiss Preschooler’s Health Study» (SPLASHY).
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Simone Munsch, Prof. Dr. phil., Mutter von drei Kindern, ist seit 2011 Ordinaria für Klinische Psychologie und Psychotherapie am Departement für Psychologie der Universität Freiburg. Sie ist Präsidentin des Instituts für Familienforschung und -beratung und Co-Leiterin der Akademie für Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen. Simone Munsch ist klinische Psychologin, Psychotherapeutin BAG und Supervisorin.

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