Mamis Schatten auf der Seele

Wenn Mutter und Vater psychisch erkranken, schlüpfen die Kinder oft in die Rolle des Erwachsenen. So wie die 13-jährige Selma. Als ihre Mutter an Depressionen und Alkoholismus erkrankte, wurde das Mädchen zu ihrer stillen Komplizin. Eine Geschichte voller Wut, Trauer und Überforderung.
Selma* war acht Jahre alt, als sie merkte, dass ihre Mutter ein Problem hat. «Bei einer Geburtstagsparty klappte sie einfach zusammen. Ich sah sie am Boden liegen und bin total erschrocken. Am nächsten Tag sagte sie zu mir, ich dürfe niemandem erzählen, dass sie krank sei. Das habe ich auch nie gemacht», erzählt das hochgewachsene Mädchen. Wenn Selma über ihre Vergangenheit spricht, dann ruhig und abgeklärt. Nur ihre Finger, die sie immer wieder ineinander verknotet, zeigen ihre unterschwellige Nervosität.

Selma ist 13 Jahre alt. Sie liebt ihren Hund Lucky, spielt Volleyball und ist eine richtige Zeichenkünstlerin. «Das Zeichnen ist eine Form, ihre Vergangenheit zu verarbeiten», sagt die Psychologin, zu der Selma alle 14 Tage geht. Gemeinsam sitzen wir an diesem regnerischen Mittwochnachmittag im Büro eines Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes.
Selma möchte mir ihre Geschichte erzählen, «damit ich anderen Kindern helfen kann, die auch so etwas wie ich erleben». Selmas Mutter, Elena, war depressiv und alkoholkrank. Vor zwei Jahren hat sie sich unter einen Zug geworfen. «Als sie mir sagten, wie sie sich umgebracht hatte, wurde ich böse. So haben auch noch andere Leute leiden müssen», sagt Selma bestimmt. Und etwas weicher fügt sie an: «Aber s Mami war halt krank.»

Selma und ihre Mutter Elena waren ein eingeschworenes Team. Die alleinerziehende Mutter, sie trennte sich von Selmas Vater, als Selma dreijährig war, und ihre Tochter machten fast alles zusammen. «Aber als sie krank wurde, musste ich auf sie aufpassen», sagt Selma mit grosser Selbstverständlichkeit. «Und auch auf mich», fügt sie an. «Ich stellte am Morgen meinen Wecker, weil Mami immer länger geschlafen hat. Und ich wollte nicht zu spät in die Schule kommen.»

Wie war das, als das Mami noch gesund war? «Das war lässig. Manchmal nahm sie mich mit, wenn sie Sachen mit dem Lieferwagen auszufahren hatte, dann hatten wir es total lustig. Aber dann wurde sie immer unglücklicher. Sie erzählte mir ein bisschen über ihre Sorgen.» Unwillkürlich überkommt einen das Gefühl, dass Selma anfänglich stolz war, Freundin, Vertraute und Geheimnisträgerin ihrer Mutter zu sein. «Aber es machte mich auch traurig, dass ich ihr nicht wirklich helfen konnte.»

Nach dem Vorfall am Geburtstag ringt Elena dem Mädchen ein Versprechen ab: «Du darfst niemandem sagen, dass ich krank bin. Das ist jetzt unser Geheimnis. Kannst du es für dich behalten?» Und Selma hält dicht. Und wieder schwingt dieser Stolz in ihrer Stimme mit: «Meine Lehrerin hat mir später mal gesagt, man hätte mir nicht angesehen, dass es bei mir zu Hause Probleme gebe.»

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