Peter Geering: «Den verlorenen Anschluss wiederzufinden, ist schwierig»
Schule

«In Mathe aufzuholen, ist schwierig»

Peter Geering, emeritierter Professor für Mathematikdidaktik, unterrichtete ­angehende Lehrfachkräfte darin, Kinder in der Mathematik zu unterstützen. Er sagt, dass Erfolge die Freude an Mathe fördern und die Kinder vor allem eines brauchen: mehr Zeit.
Interview: Sarah King
Bild: Rawpixel / zVg

Herr Geering, Sie waren Lehrer für Mathematik und Mathematikdidaktik. Welche Erfahrungen prägten Sie besonders?

Am Lehrerseminar erlebte ich viele Schülerinnen und Schüler, die eher Mühe hatten mit Mathematik – eine Mühe, die manche Kinder bereits in der Primarschule bekunden. Sie können im Mathematikunterricht nicht mehr folgen, verlieren das Interesse, das Selbstvertrauen und können eine Abneigung gegen das Fach entwickeln. Das veranlasste mich, meine Herangehensweise zu ändern. Ich wollte meinen Schülerinnen und Schülern positive Erlebnisse in der Mathematik vermitteln, statt sie auf ein mathematisch-naturwissenschaftliches Studium vorzubereiten.

Was sind mögliche Auslöser für die Abneigung von Schülerinnen und Schülern gegenüber der Mathematik?

Von der ersten Klasse an haben ­viele Kinder zu wenig Zeit. Das Lern­tempo ist durch die Lehrmittel vorgeschrieben. Ende Jahr muss die Lehrperson mit dem vorgesehenen Stoff durch sein, denn es geht gleich weiter. Einige Kinder brauchen aber länger für gewisse Lernschritte. Ihnen fehlt die Zeit, um diese genügend zu verarbeiten. In der Folge bricht bei diesen Kindern die Entwicklung in diesem Fach ab. Sie tun nur noch, was der Lehrer sagt, ohne wirklich zu verstehen, was sie tun. Das macht Angst. Die Angst wird durch Prüfungssituationen verstärkt. Die Kinder wissen, dass sie nicht alles können, was von ihnen verlangt wird. Der Druck steigt, denn wer schlecht ist in Mathematik, der hat erschwerten Zugang zu weiterführenden Schulen: Mathematik ist ein bequemes Selektionsfach.
Peter Geering war Professor für ­Mathematik, Physik und Fachdidaktik. Er arbeitete 30 Jahre am Lehrerseminar ­Rorschach und dann bis zur Pensionierung an der Pädagogischen Hochschule ­Zürich. Mit dem Sonderpädagogen ­Werner Fessler entwickelte er das ergänzende Lehrmittel «Atlas Mathematik», das entwicklungs­orientierten Unterricht ermöglichen soll.  www.atlasmathe.net
Peter Geering war Professor für ­Mathematik, Physik und Fachdidaktik. Er arbeitete 30 Jahre am Lehrerseminar ­Rorschach und dann bis zur Pensionierung an der Pädagogischen Hochschule ­Zürich. Mit dem Sonderpädagogen ­Werner Fessler entwickelte er das ergänzende Lehrmittel «Atlas Mathematik», das entwicklungs­orientierten Unterricht ermöglichen soll.  www.atlasmathe.net

Resignieren Kinder, die nicht ­mithalten können?

Sie entwickeln Überlebensstrate­gien. Sie begründen zum Beispiel ihr Versagen mit ihrer Veranlagung: «Ich bin halt nicht begabt» oder «Meine Mutter war ja auch schlecht im Rechnen». Diese Einstellung ist natürlich kontraproduktiv. Sie versuchen nicht anzuecken, mogeln sich mit Tricks und auf Umwegen durch den Unterricht. Sie leisten möglichst das Minimum, lernen alles auswendig. So wird Mathematik zum unverstandenen Regelspiel. Das Problem ist: Wer Unverstandenes auswendig lernt, hat in der Mathematik kein Fundament für schwierigere Inhalte.

Wie können Lehrerinnen und Lehrer das Verständnis der Kinder fördern?

Ich sehe die primäre Aufgabe der Lehrperson darin, dem Kind zu ­zeigen, dass es etwas kann, und nicht auf Fehlern herumzureiten. An gewissen Schulen werden ausserdem noch Rechenverfahren instruiert, die undurchsichtig und schlecht erklärbar sind. Die abgekürzten Verfahren stammen aus einer Zeit, in der es darum ging, möglichst wenig aufzuschreiben. Das Verrückte ist: Man passt das Verfahren nicht den ­Kindern an, sondern das Kind den ­Verfahren.
Anzeige

Haben Sie ein Beispiel für ein solches Rechenverfahren?

Zum Beispiel die schriftliche Multiplikation: Mit einer Zeile mehr ist für die Lehrperson ersichtlich, wenn etwas nicht stimmt. Auch für das Kind ist es wichtig zu sehen, wo es sich verrechnet hat. Schreibt es einen Text, braucht es eigene Wörter und kann damit eine Vielzahl von richtigen Sätzen schreiben. In der Mathematik gibt es aber nur eine richtige Lösung. Darum müssen wir Fehler sichtbar machen.

<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/angstfach-mathe"><strong>Online-Dossier «Angstfach Mathe».</strong></a> <strong>Lesen Sie hier</strong></div><div><strong>warum sich so viele Kinder mit der Mathematik schwertun</strong> – und wie Eltern und Lehrkräfte sie unterstützen können.</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier «Angstfach Mathe». Lesen Sie hier
warum sich so viele Kinder mit der Mathematik schwertun – und wie Eltern und Lehrkräfte sie unterstützen können.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.