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«Wir machen Homeschooling - für viele eine Provokation»

Céline und ihre fünf Geschwister werden zu Hause unterrichtet – von ihrer Mutter. Wie funktioniert Homeschooling? Ein Besuch bei der Familie Hanhart in Lyss BE.
Text: Martina Bortolani
Fotos: Tomas Wütrich / 13 Photo
Es fühlt sich an, wie in ein Schulzimmer zu platzen, in dem gerade unterrichtet wird – und einen plötzlich 22 Schüler anstarren. Hier im bernischen Lyss nahe Biel starren nicht 22, sondern lediglich 4 Schüler. Aber das Empfinden, einen konzentrierten Unterricht gestört zu haben, ist dasselbe. Die Kinder schauen kurz auf, sagen höflich «Grüessech» und beugen gleich wieder die Köpfe über die Bücher. Es ist kurz nach zehn Uhr an diesem Freitag; unterrichtet wird Mathematik. Das Ambiente wirkt familiär, aufgeräumt, strukturiert und auf jeden Fall: schweizerisch-unauffällig.

Und sogleich schämt man sich still für seine exotischen Vermutungen vor diesem Besuch. Womöglich auf tanzende Hippie-Eltern zu treffen, die ihre Kinder im Wohnwagen unterrichten. Oder eine klandestine Sektengemeinschaft vorzufinden, in der die Frauen lange Röcke tragen und die Männer wirre Dogmen predigen. So stellt man sich landläufig Eltern vor, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, sondern zu Hause unterrichten. Aber auf keinen Fall stellt man sie sich so vor wie Therese und Marcel Hanhart. Nicht wie einen Bundesbeamten für Eisenbahnsicherheit und eine gelernte Hauspflegerin. Sie haben sechs Kinder, ein Haus, einen Familien-Van und sind überzeugte Homeschooler, also Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten.

Nach den ältesten Töchtern Céline (20) und Gwenaëlle (18) sind es aktuell noch Naïm (16), Ruven (13), Josia (11) und Rabea (7), deren Schulweg kürzer kaum sein könnte: die Treppen von den Kinderzimmern hinunter ins Untergeschoss des Hauses. Hier haben die Hanharts zwei Schulzimmer eingerichtet – inklusive Unterrichts-Cachet. Ein grosser Tisch zum Arbeiten, eine Art Wandtafel, Fächer, Mäppli, Schulmaterial, Hefte, Lernkarten, Buchstabentafeln, Etuis und mit Namen beschriftete Kartonschachteln. Willkommen im Heimunterricht einer besonderen Familie.

Der Unterricht beginnt spätestens um acht Uhr – manchmal sogar früher. Dann wird den ganzen Vormittag gearbeitet, die drei Kleinen zusammen, der ältere, Naïm, geht den Oberstufenstoff separat durch. Es gibt normale Znünipausen, und wenn die Kids konzentriert gearbeitet haben, steht der Nachmittag zur freien Gestaltung. Respektive ist ziemlich vollgestopft mit Sport- und Musikstunden. Das alles liest sich wie das Programm an einer Kinderakademie: Flöte, Hornussen, Hockey, Ballett, Fussball, Geige, Curling, Rhythmik und Schwimmen. Das fördere nebenbei die sozialen Kontakte, sagt die Mutter.
Bei Hanharts wird der Hausflur zum Schulzimmer umfunktioniert.
Bei Hanharts wird der Hausflur zum Schulzimmer umfunktioniert.
Die Eltern wundern sich, dass sie sich immer gegen den Vorwurf wehren müssen, ihre Kinder «zu isolieren, zu behüten oder weltfremd aufwachsen zu lassen», sagt der Vater. Das vorgegebene Bildungssystem als Imperativ zu verstehen, sei in unserer Gesellschaft stark verankert. Sie halten dagegen. Jedes ihrer Kinder habe ein anderes Arbeits- und Lerntempo, das könne man zu Hause besser berücksichtigen. Die Schule, ergänzt die Mutter, gelte als eine «der letzten Tabuzonen» unserer Zeit. «Wer hierzulande aus dem Schulsystem ausbricht, ist per se suspekt», sagt Marcel Hanhart.

Es sind die unterschiedlichsten Überlegungen, die Eltern dazu bewegen, ihre Kinder daheim zu unterrichten. Die Hanharts betonen, dass sie das Modell weder aus religiösen (wie oft in den USA) noch aus volksschulfeindlichen Motiven gewählt haben, wie beispielsweise in einigen skandinavischen Ländern, in denen Homeschooling oft aus Protest gegen staatliche Bildunsgmonopole betrieben wird. Norwegens Bildungsministerin Kristin Clemet, die bis 2005 im Amt waltete, wurde durch ihre radikale Parole «Homeschooling ist ein Menschenrecht» berühmt.

Eine kleine Minderheit, die provoziert

«Wir trennen Erziehung und Bildung nicht so sehr», sagt Therese Hanhart. Für sie sei das Unterrichten im privaten Umfeld nicht nur reine Stoffvermittlung, sondern sie empfinde es vielmehr als Privileg, die Kinder so ganzheitlich ausbilden zu können. Jedes von ihnen könne kochen, putzen, selbständig reisen und wisse über vieles Bescheid, was im Alltag hilfreich sei. «Das ist unser Verständnis eines gesunden gesellschaftlichen Fundaments», sagt die Mutter.

In der Schweiz bewegen sich die Homeschooler – die übrigens in keinem Kanton finanzielle Unterstützung beanspruchen – statistisch in der unauffälligen Zone. Bei derzeit 707 196 schulpflichtigen Kindern werden, so schätzt der Dachverband bildungzuhause.ch, etwa 500 Kinder von ihren Eltern oder von privaten Lehrern unterrichtet. «Das sind etwa 0,7 bis 0,9 Prozent», sagt Marcel Hanhart, und: «Für viele sind wir eine Provokation.» Das reiche von den Politikern bis zu Familien im Dorf. «Weil wir dauernd hinterfragt werden, hinterfragen wir uns aber selber viel stärker», sagt er. Auch sie würden ab und zu zweifeln, gesteht er. Viele verstünden ihre Argumente nicht. Oder wollten sie nicht verstehen. Fakt ist, sie polarisieren mit ihrer Entscheidung. Homeschooling ist bis dato in der Schweiz ein hochemotionales Thema.

In der Schweiz kann übrigens nicht jeder, der will, seine Kinder zu Hause unterrichten. Jeder Kanton hat variierende Auflagen. Im Kanton Zürich muss man ausgebildeter Lehrer sein, im Tessin ist es wiederum gar nicht erlaubt. In Bern, dem Aargau, der Waadt oder Appenzell Ausserrhoden dürfen auch Eltern ohne Lehrdiplom unterrichten. Der Anteil der Homeschooler im Kanton Bern ist mit rund 220 (von total 104 533) Kindern entsprechend hoch.

Die Pflichtfächer sind, analog zur Volksschule, Lesen, Schreiben, Rechnen, Natur-Mensch-Umwelt und – bis zur Oberstufe – eine bis zwei Fremdsprachen. Daneben dürfen musische und sportliche Fächer nicht zu kurz kommen. Überprüft werden die heimische Stoffvermittlung sowie die sozialen Kompetenzen der Kinder von regionalen oder kantonalen Aufsichtsbehörden, die regelmässig vorbeischauen.

Auch kochen für alle gehört dazu

Im Kanton Bern sind prüfungsfreie Übertritte ans Gymnasium oder eine Fachmittelschule nur ab der Volksschule möglich. Kinder ab Privatschulen oder Privatunterricht müssen entsprechende Übertrittsprüfungen absolvieren. Grundsätzlich ist es möglich, die Vorbereitung auf die Matura zu Hause zu machen. Im Anschluss ist dann die CH-Maturaprüfung zu bestehen – extern an einer Schule.

Bei den Homeschoolern gibt es Familien, die den Tages- und Lernrhythmus locker gestalten, und solche, die einem straffen, strukturierten Plan folgen. Wie die Hanharts. «Ich verbringe viel Zeit mit dem Eigenstudium, dem Suchen nach geeigneten Lehrmitteln und der dazugehörenden geeigneten Vermittlung», sagt die fröhlich wirkende Frau, die langsam an das Mittagsmenü denken muss. Doch nicht sie kocht, sondern der elfjährige Josia. «Das tut er oft. Er kauft mit seinen Brüdern ein. Die Jungs kennen sich bei den Aktionen in der Migros besser aus als ich», sagt die Mutter so, als sei dies selbstverständlich für präpubertierende Jungs im Fussballalter mit Zahnspange und Gelfrisur.

Die Kinder hier wirken nicht so, als würden sie das nur machen, weil gerade Besuch da ist. Josia bindet sich die Küchenschürze um und fängt an, Toastbrote für das Menü Toast Hawaii zu bestreichen. Er sagt, dass sich seine Freunde «gar nicht mehr interessieren dafür, wo ich zur Schule gehe. Solange ich gut Fussball spiele im Training.» Derlei kompetitives Verhalten bestätigt auch die Mutter: «Die Gielen wollen sich immer messen!» Darum gebe sie ihnen auch Noten. «Die brauchen das.» Bei den Mädchen seien Noten nicht so wichtig, wie ihre Erfahrung mit den grossen Töchtern gezeigt habe. Die bestätigen rückblickend übrigens beide etwas Ähnliches: ihre hohe Kompetenz zur Selbständigkeit. Céline, die kurz vor dem Abschluss zur Fachbetreuerin für Behinderte steht, sagt: «Dank Homeschooling habe ich gelernt, dass ich für mich lerne und somit Eigenverantwortung trage.» Die 18-jährige Gwenaëlle, die derzeit die Vollzeit-BMS in Biel absolviert, erinnert sich, dass sie früh selbständiges Arbeiten gelernt hat: «Von fehlender Sozialisierung, Isolation oder ähnlichen oft genannten Nachteilen hab ich so gut wie gar nichts mitbekommen.»

Und apropos weltfremd: Gwenaëlle hat die Schule ein Jahr früher als ihre Freundinnen abgeschlossen. Und vor einem Jahr die Lehre zur Staudengärtnerin bestanden. Mit einer Gesamtnote von 5,3.
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Von Andrea am 05.06.2016 19:08

Home- oder Unschooling kann vorübergehend eine gute, ideale Lösung sein, gerade auch für Kinder, die an der öffentlichen Schule Probleme haben, dort unter- oder überfordert sind. Doch Freilernen eigenet sich nicht für alle Familien und Kinder. In Familien, wo beide Elternteile arbeiten (wie bei uns) ist dieses Modell weder denk- noch machbar. Ich ziehe den Hut vor alljenen, die neben den erzieherischen noch die bildungsmässigen Herausforderungen vollumfänglich übernehmen. Ich gestehe, dass mir dies zu viel würde, wir alle mit diesem System über kurz oder lang einen wahren "Overkill" hätten. Zudem arbeite ich Teilzeit. Die Teilzeitstelle ist für mich ein idealer Ausgleich und willkommene Abwechslung zum nicht immer einfachen Mutteralltag. So wie unsere Kinder brauche auch ich gewisse Freiheiten, Distanzen, Freiräume und "Oasen". Die Kinder gehen sehr gerne zur Schule und haben dort sehr viele Freunde. Sich in andere Gruppen und Strukturen mit anderen Regeln integrieren müssen, halte ich ich im Hinblick auf die Zukunft als sehr wichtig und richtig. Und so wie die vorgestellte Homeschooler-Familie besuchen auch unsere Kinder in der Freizeit Vereine, treiben Sport und halten sich draussen in der Natur auf - gerade und vor allem auch als idealer Ausgleich zur Schule. Zudem finde ich es toll, wenn die Kinder noch andere Bezugs-, Kontakt- und Betreuungspersonen kennen als ausschliesslich wir Eltern und allenfalls Geschwistern. Nichtsdestotrotz soll aber auch Home- bzw. Unschooling seine Berechtigung haben. Dass somit alternative Schul- und Bildungsmodelle vorgestellt werden, finde ich sehr gut! Letztendlich soll jede Familie für sich entscheiden dürfen, wie und wo sie ihre Kinder zur Schule schicken möchten - ohne sich stets rechtfertigen und erklären zu müssen!

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