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Lernen

Musik aus und stillsitzen? Lernmythen auf dem Prüfstand

Es gibt viele Vorstellungen und Ratschläge darüber, wie Kinder «richtig» lernen. Dabei zeigt die jüngste Forschung, dass wir unseren Kindern deutlich mehr Freiheiten lassen können als bisher angenommen.
Text: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
Illustrationen: iStock

Wie sieht «richtiges lernen» aus?

Dazu gibt es eine Menge Vorstellungen und Ratschläge, die seit Jahrzehnten weitergegeben werden. Lernt ein Kind oder Jugendlicher auf eine andere Art und Weise, wird er rasch dazu aufgefordert, sich beispielsweise «ordentlich hinzusetzen und nicht herumzuhampeln». Es wird ihm erklärt, dass man sich so «doch nicht konzentrieren kann» und er sich nicht wundern müsse, wenn am Ende nichts hängen bleibe.

Doch dürfen wir den gängigen Lernratgebern trauen, wenn sie einen festen Arbeitsplatz und Ruhe verordnen und betonen, dass das Kind die Hausaufgaben in einer ordentlichen Arbeitshaltung alleine in seinem Zimmer machen soll?
Lerntipps für Jugendliche: Die neue Filmserie mit Adi & Jess 
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Mythos 1: Musik stört die Konzentration! Also schalte sie aus!

Dieser Ratschlag ist für viele Menschen hilfreich. Vor allem introvertierten Personen gelingt es besonders gut, sich zu fokussieren, wenn sie in Ruhe arbeiten können – das zeigt die Forschung eindrücklich.

Es gibt jedoch auch Menschen, die das Arbeiten bei Stille als Qual empfinden. Gerade bei leicht ablenkbaren Kindern wird oft  emp­fohlen, dass die Lernumgebung möglichst reizarm sein soll. Neuere Studien deuten jedoch darauf hin, dass dies kontraproduktiv ist. Die Stille führt bei unaufmerksamen Kindern dazu, dass sie innerlich unruhig werden und unbewusst nach Ablenkung suchen. In Studien machten diese Kinder beim Lösen von Mathematikaufgaben weniger Fehler, wenn sie dazu Musik hören durften. Sie konnten sich bei einem Gedächtnistest auch an mehr erin­nern, wenn während der Lernphase moderate Hintergrundgeräusche zu hören waren.
Neben der Konzen­tration kann auch die Motiva­tion durch die passende Musik gefördert werden.
Viele Jugendliche berichten zu­ dem, dass sie die richtige Musik in die nötige Stimmung versetze, um auch unliebsamen Aufgaben zu Lei­be zu rücken. Neben der Konzen­tration kann also auch die Motiva­tion durch die passende Musik gefördert werden.

Wenn Ihr Kind mit Musik arbei­ten möchte, empfehlen wir Folgen­des: Erstellen Sie gemeinsam eine Playlist mit Liedern, die sich zum Lernen eignen (eher ruhige Stücke ohne Text). Das Drücken der Play­taste kann von diesem Moment an zum Startsignal werden und dem Kind helfen, anzufangen und in die Arbeit einzutauchen. Was jedoch stört, sind Geräu­sche, die zum Hinhören und Mitma­chen einladen – beispielsweise der Ton eines spannenden Films, der im Hintergrund läuft , eine Radioansage oder Gespräche von anderen.

Zum  Thema Musik gilt also: ausprobieren! Wir Menschen reagieren unterschiedlich darauf. Für den einen ist sie eine Lernhilfe, für den anderen eine Belastung und Ablen­kung.

Mythos 2: Kinder benötigen einen fixen Arbeitsplatz – am besten in ihrem Zimmer!

Wenn der Schuleintritt bevorsteht, haben die Möbelhäuser einmal mehr Hochkonjunktur. Scharen an enga­gierten Müttern und Vätern pilgern mit dem Nachwuchs in die Büroabteilungen, um ergonomisch geform­te Schreibtischstühle, höhenverstell­bare Pulte und augenfreundliche Leselampen auf Herz und Nieren zu prüfen. Kurze Zeit später ist der opti­male Arbeitsplatz im Kinderzimmer eingerichtet. So weit, so gut. Vieles spricht dafür, die Hausaufgaben stets im Kinderzimmer zu erledigen: das Kind kann sich zurückziehen, wird nicht von den Geschwistern bei der Arbeit unterbrochen und sollte nach und nach lernen, selbständig zu arbeiten.

Für einen fixen Arbeitsort schei­nen auch Konditionierungseffekte zu sprechen: Wird immer am glei­chen Ort gearbeitet, verbindet das Gehirn diesen Ort nach und nach mit dieser Tätigkeit. Das kann sehr nützlich sein: Sobald Sie sich ins Büro setzen und den Computer hochfahren, fühlen Sie sich in Arbeitsstimmung versetzt.

Zudem zeigen Studien aus der Gedächtnisforschung, dass man sich besser an Inhalte erinnert, wenn man diese mehrmals am gleichen Ort lernt und dort abruft . Zu diesem  Thema wurden einige interessante Experimente durchgeführt. So konnten beispielsweise Taucher, die sich unter Wasser Listen mit Wör­tern eingeprägt hatten, diese unter Wasser besser erinnern als an Land und umgekehrt. Diese Wirkung der Umgebung auf die Lern­- und Abruf­leistung wird als kontextabhängiges Erinnern bezeichnet.

Genau diese beiden Effekte kön­nen aber auch zur Falle werden. Der Mechanismus des kontextabhängi­gen Erinnerns spricht nicht unbedingt dafür, immer am gleichen Ort zu lernen. Prägt man sich den Stoff  immer in derselben Umgebung ein, kann man sich dort zwar besser an das Gelernte erinnern – dafür wird es an allen anderen Orten schwieri­ger. Wenn man also nicht die Chan­ce hat, genau dort zu lernen, wo auch geprüft wird, kann man sich stärker auf Wissen verlassen, das man an unterschiedlichen Orten gelernt hat.
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Ein Orts­wechsel kann dem Kind dabei helfen, neue, positivere Erfahrungen mit dem Lernen zu verknüpfen.
Ähnlich verhält es sich mit Kon­ditionierungseffekten: Macht ein Kind regelmässig sehr positive Erfahrungen beim Lernen, hilft  ihm ein  fixer Arbeitsort, in seine Arbeits­stimmung zu kommen. Bei vielen Kindern, die das Lernen eher mit Frust und Mühsal verbinden, passiert genau das Gegenteil. Kaum sitzen sie auf ihrem Bürostuhl am Pult, kann man zusehen, wie sie innerlich abschalten und körperlich erschlafen. Das Gesicht schläft ein, der Blutdruck sinkt ab und sie beginnen zu gähnen.

In diesem Fall kann ein Orts­wechsel einen Neustart mit sich bringen und dem Kind dabei helfen, neue, positivere Erfahrungen mit dem Lernen zu verknüpfen.

Konditionierungseffekte machen auch das eigene Zimmer für viele Kinder und Jugendliche zum un­günstigsten Lernort überhaupt. Denn was tut das Kind normaler­weise in seinem Schlafzimmer? Spielen! Dieser Ort ist demnach mit Freizeitstimmung assoziiert. Kaum rollt Ihr Kind mit dem ergonomisch geformten Stuhl an den höhenver­stellbaren Tisch, fallen ihm die spannenden Spielsachen ins Auge. Die Sehnsucht, aufzustehen und sich damit zu beschäftigen, wächst.

Nun benötigt das Kind eine gros­se Portion Selbstdisziplin, um seine Aufmerksamkeit weiterhin auf die Aufgaben zu lenken. Es sagt sich vielleicht: «Eigentlich wür­dest du am liebsten am Raum­schiff  weiterbauen, aber du musst jetzt Hausaufgaben machen. Wo war ich nochmal? Ah ja, hier.» Sol­che inneren Konflikte lenken ab und sind zermürbend. Hierzu ein kleines Beispiel aus der Erwachsenenwelt: Es ist vielleicht etwas ungünstig, sich zum Kaffee in einer Konditorei zu verabreden, wenn man gerade auf Diät ist. Wie lange braucht es wohl, bis der Blick zu den Rahmtorten wandert und man der süssen Ver­führung nachgibt?

Welche Plätze würden sich für Ihr Kind eignen? Kann es auch einmal in der Küche oder im Wohnzimmer lernen? Die Vokabelliste auf die Ter­rasse, in die Badewanne oder in den Zug mitnehmen? Oder ist es schon älter und darf in der Schule oder in der Bibliothek arbeiten?

1 Kommentar

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Von Sandy am 23.08.2017 08:38

Kompliment für Ihre neue Serie Adi & Jess! Habe sie meinen Söhnen auch gezeigt und sie fanden es noch cool.
Ich warte gespannt auf die weiteren Episoden. Danke.

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