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Kindergarten

Zwillinge zusammen in den Kindergarten oder getrennt?

Trennen oder nicht trennen: Diese Frage stellen sich Zwillings-Eltern spätestens bei der Anmeldung für den Kindergarten. Was sind Vor- und Nachteile vom gemeinsamen Schulbesuch von Zwillingen?
Text: Florina Schwander
Wer Zwillinge hat, der stellt sich die Frage «zusammen oder getrennt» schon relativ bald. Zusammen in einem Bett schlafen lassen? Gleichzeitig stillen/füttern? Unterschiedlich anziehen oder immer im selben Outfit? Alle Spielsachen doppelt oder auch mal getrennt auf den Spielplatz?

Einen grossen Einfluss hat die Entscheidung zusammen oder getrennt spätestens bei der Einschulung. Sollen Zwillinge den Kindergarten oder später dann die Schule zusammen oder getrennt besuchen (vorausgesetzt natürlich, es gibt überhaupt Doppelklassen oder verschiedene Schulhäuser am Wohnort)?

Zwillinge zusammen einschulen oder getrennt? 

Rechtlich gibt es keine Grundlage, jede Schule entscheidet selber, wie Zwillinge gehandhabt werden in der Einteilung. Grundtenor einer unrepräsentativen Stichprobe von der Redaktion in verschiedenen Deutschschweizer Kantonen: Die meisten Schulen lassen die Eltern entscheiden beim Eintritt in den Kindergarten. Immer vorausgesetzt, es gibt mehr als eine Kindergartenklasse. Einige fragen aktiv bei den Eltern nach, wie sie es wünschen, andere weisen daraufhin, man möge doch zusammen mit der Anmeldung ein Gesuch beilegen, wie es sich die Familie wünsche. Doch es gibt auch Schulen, die Zwillinge konsequent trennen bei der Einschulung, also schon auf Kindergartenstufe.

Für Jürg Frick, Kinder- und Jugendpsychologe gibt es bei der Frage «zusammen oder getrennt» keine allgemeingültige Antwort. Man müsse jeden Fall, also jedes Zwillingspaar, individuell beurteilen, so der Psychologe. «Lange hat man die Kinder getrennt, damit sie mehr Möglichkeit hatten, ihre eigene Identität zu entwickeln.» Heute sei man etwas differenzierter. 
Kinder- und Jugendpsychologe Jürg Frick plädiert dafür, die Einteilung von Zwillingen in den Kindergarten am Einzelfall zu beurteilen. 
Kinder- und Jugendpsychologe Jürg Frick plädiert dafür, die Einteilung von Zwillingen in den Kindergarten am Einzelfall zu beurteilen. 
Jürg Frick nennt als Beispiel ein Flüchtlings-Zwillingspaar. Sie sprechen die Sprache schlecht, sind sehr aufeinander fixiert. Es ist das einzige Band, das sie im fremden Land haben. Sie im Kindergarten zu trennen, wäre fatal. 

Damit die beiden Fuss und Vertrauen fassen können, lässt man sie unter enger Beobachtung zusammen in einer Klasse. Immer mit dem Fokus, dass beide auch individuelle Erfahrungen machen können. 

In vielen Fällen macht eine Trennung Sinn

Und doch: Jürg Frick ist durchaus auch der Meinung, dass eine Trennung in vielen Fällen Sinn mache. «Ist der eine Zwilling dominanter, die Beziehung zu symbiotisch, dann kann es beiden gut tun, getrennte Klassen zu besuchen.»

Er empfiehlt Eltern, das Gespräch zu suchen mit dem Kinderarzt, der Betreungsperson in der Krippe oder anderen Bezugspersonen und später unbedingt auch die Lehrpersonen zu integrieren, um eventuell Zwillinge für ein späteres Schuljahr zu trennen oder wieder zusammenzuführen. Zwillinge zu trennen, kann insofern helfen, dass sie sich eigene Freunde suchen, sich unabhängiger entwickeln und keinen direkten schulischen Vergleichen ausgesetzt sind.

Prisca Durrer, Schulleiterin einer QUIMS-Schule (Qualität in multikulturellen Schulen) in Oberglatt Kanton Zürich, setzt sich schon im Kindergarten für eine Trennung ein. «Wenn wir ein Gesuch für die Einteilung im selben Kindergarten erhalten, nehmen wir frühzeitig Kontakt mit den Eltern auf, um die Trennung zu erklären.»

Oft hänge der Wunsch nach einer gemeinsamen Einteilung mit der Organisation zusammen, so Durrer. Die Eltern wünschten sich in erster Linie den kürzesten und den gleichen Schulweg für die Kinder. Oft würden die Kinder dann in zwei Klassen in Doppelkindergärten eingeteilt. Der Weg sei dann zwar vielleicht etwas weiter, dafür gelte für beide Kinder derselbe Stundenplan und die Familienorganisation werde entlastet.

Die Schulleiterin hat die Erfahrung gemacht, dass insbesondere bei Zwillingen mit Deutsch als Zweitsprache eine Trennung der Entwicklung beider Kinder helfe. Zudem sind Zwillinge charakterlich ja meist sehr verschieden, egal ob ein- oder zweieiig. Der eine ist sozialer, der andere zurückhaltend, einer mutig, der andere ängstlich.

«Im Gespräch mit den Eltern frage ich zum Beispiel, ob ein Zwilling zuhause mehr erzählt oder generell mehr spricht», so die Schulleiterin Prisca Durrer. Vielfach bestätigen dann die Eltern, dass ein Kind dominanter sei und gar für das andere spreche. Ein Beispiel aus Durrers Schulalltag: Von einem Schwestern-Zwillingspaar mit Deutsch als Zweitsprache war das Mädchen X robuster, offener und kontaktfreudiger. Es hat die Schwester, Y,  dominiert, ihr alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt, das heisst, für sie die Ämtli und Arbeiten gemacht, für Y entschieden und auch geantwortet. X hat sich gut entwickelt, Fortschritte im Deutsch gemacht und ein gesundes Selbstvertrauen aufbauen können, während Y sich selten äusserte, keine eigene Meinung entwickelte und sich wenig zutraute. Sie blieb ängstlich. Die andern Kinder suchten sich eher X als Spielgefährtin aus und Y entwickelte sich zum Mauerblümchen, das eher zuschaute. 
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Die beiden Mädchen wurden nach einem Jahr Kindergarten getrennt, damit auch Y sich aus eigener Kraft entfalten konnte. Nach anfänglicher Zurückhaltung fand sie neue Spielgspänli. Natürlich wurde sie nicht von einem Moment zum andern extrovertiert, jedoch bedeutend besser integriert. Und sie machte ihre eigenen Entwicklungsschritte ohne ihre Schwester, bemühte sich, sich mitzuteilen und musste darum auch mehr Deutsch sprechen. 

Eine Trennung im Laufe des Kindergartens sei allerdings suboptimal, findet Durrer. Die Kinder sind gewöhnt an die Lehrpersonen und die anderen Kinder, und eine Änderung meist nicht einfach, bevor ein Jahr später meist schon wieder ein Wechsel ansteht für die erste Klasse. Auch deswegen setzt sich Prisca Durrer für eine Trennung schon zum Kindergartenstart ein. 

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