Schnupperlehre: eine Nase voll Arbeitsluft - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Schnupperlehre: eine Nase voll Arbeitsluft

Lesedauer: 4 Minuten

Schritt 4: Die Schnupperlehre

Eine Schnupperlehre ist eine wunderbare Gelegenheit, einen Beruf zu erleben, auszuprobieren und die Stimmung im Betrieb zu spüren. Sie ist der ultimative Realitätscheck für junge Lehrstellensuchende.

Text: Stefan Michel
Bild: Gabi Vogt

Die Schnupperlehre ist oft ein Wendepunkt bei der Berufswahl. Endlich werden aus Vorstellungen, Broschüren und Internetvideos reale Eindrücke; endlich erfährt man am eigenen Leib, was es heisst, als Automechanikerin, Fachperson Betreuung oder Interactive Media Designer zu arbeiten. 

«Das ist es, hier will ich arbeiten», ging Noël Stoffel durch den Kopf, als er das Fahrradmechanik-Geschäft zum ersten Mal betrat, in dem er später seine Lehre begann. Fast alle Lernenden haben sich in einem Berufswahlpraktikum für einen Beruf entschieden, oft auch für den Lehr­betrieb.

8 Tipps für die Schnupperlehre

  1. Bevor Sie die Schnupperlehre antreten: Schreiben Sie auf, was Sie über den Beruf herausfinden wollen.
  2. Nicht alle Fragen klären sich bei der Arbeit. Fragen Sie nach.
  3. Schreiben Sie jeden Abend Ihre Eindrücke auf. Was hat Ihnen gefallen, was nicht? Können Sie sich vorstellen, in diesem Betrieb zwei, drei oder vier Jahre zu verbringen?
  4. Seien Sie Sie selbst. Nur so lernen Ihre Vorgesetzten Sie kennen.
  5. Sind Sie scheu? Dann bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als sich zu überwinden.
  6. Alles erledigt? Fragen Sie nach weiteren Aufgaben oder nach Arbeiten, bei denen Sie zuschauen können.
  7. Nach Beendigung der Schnupperlehre: Bitten Sie um eine schriftliche Beurteilung Ihrer Leistung.
  8. Eine nicht gut verlaufene Schnupperlehre ist kein Unglück. Schreiben Sie auf, was nicht gut war, was Sie verbessern können und was im Betrieb anders sein muss, damit Sie sich wohlfühlen.

«Die Schnupperlehre ist der ultimative Realitätscheck», sagt Berufsberaterin Sigrid Weber. Dass die Tage im Betrieb auch mal unangenehm sein können, die Arbeit keinen Spass macht oder man feststellt, dass man sich den Beruf ganz anders vorgestellt hat, gehört dazu. Es ist sogar entscheidend für eine stimmige Berufswahl, dass man auch herausfindet, was man nicht will.

Es werden drei Formen von Schnupperlehren unterschieden:

  • Im meist eintägigen Schnupperbesuch wollen Jugendliche einen ersten Eindruck von einem Beruf gewinnen. 
  • Die Berufswahlschnupperlehre kann zwei bis fünf Tage dauern und bietet einen vertieften Einblick in die berufliche Realität. 
  • In der Bewerbungsschnupperlehre wollen die Verantwortlichen des Betriebs und ihr Schnupperstift herausfinden, ob sie zueinander passen.

Es empfiehlt sich, von Anfang an klarzumachen, an welchem Punkt in der Berufswahl man steht. Es ist aber auch nach einer positiv verlaufenen Bewerbungsschnupperlehre erlaubt, den angebotenen Lehrvertrag abzulehnen.

Auch für die Lehrbetriebe sind Schnupperlehren wichtig. Sie nehmen aufgrund der Bewerbungsdossiers eine Selektion vor. Wem sie die Lehre zutrauen und einen Vertrag anbieten, entscheiden Lehrbetriebe in der Regel aber erst aufgrund des Eindrucks, den die Kandidatin oder der Kandidat beim Schnuppern in der Werkstatt, im Laden oder in der Klinik hinterlassen hat. 

Noël Stoffel weiss noch genau, was ihm durch den Kopf ging, als er zum ersten Mal in einer Fahrradwerkstatt stand: «Hier will ich arbeiten.» Lesen Sie seine Erzählung «Ich gab Vollgas, wollte zeigen, wie motiviert ich bin».

«In der Bewerbungsschnupperlehre sehen wir, wie eine Person mit den Patienten umgeht, wie sie sich in der neuen Situation mit einem unbekannten Team zurechtfindet, wie belastbar sie ist – genau die Dinge, die danach im Ausbildungsalltag wichtig sind»,  sagt Stephan Nabholz, Leiter Berufsbildung des Universitätsspitals Zürich.

Einmal schnuppern bitte! Der Blick ins Arbeitsleben hilft auch zu sehen, was man nicht will.

Bei Susobike, wo Noël Stoffel die Lehre macht, müssen Schnupperlernende eine Reihe von praktischen Aufgaben lösen wie etwa einen platten Reifen flicken, aber auch Wissensfragen beantworten oder Rechenaufgaben lösen. «Das Wichtigste für uns ist, dass wir sehen, wie der Lernende arbeitet. Wir würden nie jemanden aufgrund der Schulnoten einstellen, wie das immer mehr tun», sagt Ines Untersander, Leiterin des Susobike-Verkaufs­teams.

Eine gut verlaufene Schnupperlehre ist bei der Mehrheit der Betriebe Voraussetzung für die Vergabe der Lehrstelle. Viele Lehrbetriebe wollen deshalb schon für diesen kurzen Einblick eine detaillierte Bewerbung. Dafür geben viele am Ende auch ein fundiertes Schnupperlehrzeugnis ab. Suso Untersander, Inhaber von Susobike, setzt sich mit jedem Jugendlichen am Ende der Schnupperlehre hin und bespricht, was gut lief und woran noch gearbeitet werden muss. 

In sieben Schritten den eigenen Weg finden

Die Wahl der passenden Ausbildung nach der Sekundarschule lässt sich in sieben aufeinanderfolgende Aufgaben einteilen:

Im Unispital bleibt der schriftliche Beurteilungsbogen in der Personalabteilung. «Da es nach der Bewerbungsschnupperlehre darum geht, ob die Person die Lehrstelle erhält oder nicht, rufen wir alle Kandidatinnen und Kandidaten persönlich an», sagt Stephan Nabholz. «Im positiven Fall folgt ein längeres Gespräch. Bei einem negativen Bescheid ist die junge Person oft enttäuscht und im Moment nicht sehr aufnahmefähig. Wir bieten dann an, dass sie später anrufen kann, wenn sie Genaueres über unsere Beurteilung wissen will.»

Sinnvoll ist es, wenn Jugendliche während jeder Schnupperlehre ein Tagebuch führen, in dem sie täglich ihre Eindrücke notieren: was ihnen gefallen hat, schwierig oder unangenehm war. Dies hilft, sich darüber klar zu werden, in welchem beruflichen Umfeld man die nächsten Jahre verbringen will. Die Tagebücher und Beurteilungen früherer Schnupperlehren können auch eine Hilfe sein, wenn es in der Bewerbungsschnupperlehre darum geht, einen guten Eindruck zu machen und sich für eine Lehrstelle zu empfehlen.

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Stefan Michel
ist freier Journalist und Texter und lebt mit seiner Partnerin und zwei Kindern in Zürich.

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