Entwicklungspsychologe Moritz Daum: «Jugendliche können sich ihre eigenen Vorbilder aussuchen»
Entwicklung

«Jugendliche können sich ihre eigenen Vorbilder aussuchen»

Der Entwicklungspsychologe Moritz Daum sagt, dass bei der Vorbildsuche älterer Kinder Äusserlichkeiten nicht wichtiger sein müssen als innere Werte. Wesentlich sei für die Orientierung Heranwachsender die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.
Interview: Birgit Weidt
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mentatdgt von Pexels / zVg

Herr Daum, in der Pubertät entwickeln Jugendliche andere Prioritäten für die Auswahl ihrer Vorbilder als in Kinderjahren. Worin liegt der ­Unterschied?

Wenn Kinder älter werden, vergrös­sert sich ihre Lebenswelt und verlagert sich mehr und mehr aus dem Elternhaus in den Kontext Schule, Lehre, Freizeit. Als kleines Kind ist man noch stärker abhängig von den Eltern. Durch den eingeschränkten Bewegungsradius können Kinder in den ersten Lebensjahren ihre Vorbilder noch nicht selbst aussuchen. Somit sind Eltern ganz automatisch Vorbilder. Je älter und unabhängiger die Mädchen und Jungen werden, desto mehr orientieren sie sich an anderen. Jugendliche sind ja mehr und mehr auch kognitiv gereifter und mobil. Sie können stärker ihren eigenen Interessen folgend handeln und sich ihre eigenen Vorbilder aussuchen.

Mit zunehmendem Alter und ­grösserem Aktivitätsradius wird die Rolle von Freunden, aber auch ­bekannter Persönlichkeiten wichtiger. Auch Youtuber sind oft ­Leitfiguren. Was suchen Heranwachsende?

Eine zentrale Frage in dieser Phase der Entwicklung ist: «Wer bin ich?» Es gibt im Grunde zwei Phasen in der Entwicklung des Menschen, in denen sich in sehr kurzer Zeit viel verändert: Im Laufe des ersten Lebensjahres entwickelt sich das Kind vom nicht sprechenden und sich nicht fortbewegenden Säugling zum Kleinkind, das auf seinen Füssen selbständig die Welt entdecken will. In der Pubertät, zu Beginn der Adoleszenz, kommt es zu einem weiteren Wachstumsschub. Im ­Laufe dieser Phase verändert sich auch das Aussehen der Jugendlichen noch einmal substanziell. Sie wachsen in kurzer Zeit nicht nur in der Grösse, sondern auch in Bezug auf das Aussehen – Haare wachsen an Stellen, an denen vorher keine waren, primäre und sekundäre Geschlechts­organe vergrössern sich. Hinzu kommt bei den Jungen, dass die Stimmhöhe um ungefähr eine Oktave sinkt.
Moritz Daum ist Professor für Entwicklungspsychologie am Psychologischen Institut der Universität Zürich.
Moritz Daum ist Professor für Entwicklungspsychologie am Psychologischen Institut der Universität Zürich.

Diese Veränderungen gehen mit einer gewissen Verunsicherung einher.

Genau. Das Kind steckt nun plötzlich im Körper eines Erwachsenen. Peers und Vorbilder können in dieser Phase sinnvolle Hilfsgerüste sein, um mit dieser Unsicherheit umzugehen. Es werden Menschen gesucht, denen es ähnlich geht, um sich auszutauschen, um sich mit ihnen zu vergleichen. Berühmte Persönlichkeiten können dabei zwei Funktionen erfüllen. Einerseits dienen sie der Orientierung, im Sinne von: So gibt man sich gerade, wenn man cool sein möchte. Andererseits dienen sie der Orientierung im ­Sinne von: Diese Musik wird gerade von meinen Kumpels und Freundinnen gehört. Wenn ich dazugehören möchte, sollte ich vielleicht ebenfalls diese Musik hören oder diese Schauspielerin gut finden.

Sie sagen, dass die Bedeutung der äusseren Erscheinung grösser wird, um die eigene Identität nach aussen hin darzustellen. Warum sind ­Äusserlichkeiten in dieser Phase ­wichtiger als «innere» Werte?

Äusserlichkeiten sind nicht zwingend wichtiger als innere Werte. Sie sind jedoch sichtbarer und stellen dadurch ein deutlich erkennbares Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe dar. Gemeinsame Interessen, ein ähnlicher Musikgeschmack, ein ähnlicher Kleidungsstil und vieles mehr symbolisieren Ähnlichkeiten im Inneren wie im Äusseren. Ähnlichkeiten werden übrigens in der Literatur als zentraler Faktor für die Entstehung und den Erhalt von Freundschaften beschrieben. Dies gilt vermutlich für alle Lebensabschnitte, ist aber besonders im zweiten Lebensjahrzehnt von Bedeutung, wenn die Eltern immer weniger Kontrolle über die sozialen Aktivitäten ihrer Kinder haben und die Jugendlichen eine zunehmend grössere Freiheit bei der Wahl ihrer Freunde und Aktivitäten besitzen.
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Was halten Sie davon, wenn ­Jugendlichen Vorbilder «vorgesetzt» werden, zum Beispiel in öffentlichen Kampagnen? Wenn Olympiasieger gegen Gewaltfreiheit oder Musiker gegen Drogenkonsum werben – zeigt das Wirkung?

Mir fällt dazu eine immer wieder im Fussballstadion gemachte Beobachtung ein. Während eines Spiels kommt es vor, dass die Verantwortlichen des Heimvereins über die Stadionlautsprecher versuchen, die Fans zum Mitsingen eines bestimmten Liedes zu motivieren. Dieser Vorgang ist, zumindest unter den eingefleischten Fans, nicht wirklich beliebt. Als Fan beziehungsweise Fangruppe möchte man auf der Basis des Verlaufs des Spiels selbst entscheiden, ob und wenn ja welcher Gesang angestimmt wird. Das möchte man nicht vorgesetzt bekommen. Jugendliche sind da in ihrem Wunsch nach Autonomie und Selbstbestimmtheit durchaus vergleichbar. Eine Werbekampagne kann dabei den Nerv von Jugendlichen durchaus treffen, kann aber ebenso zu Abwehr und Ablehnung führen.

Jugendliche suchen sich ihre Vorbilder – welche Rolle spielt dabei ­Authentizität einschliesslich das Sichtbarmachen der eigenen ­Unvollkommenheiten?

Aus wissenschaftlicher Sicht zeigen Fehler und Unvollkommenheiten jenes Potenzial auf, das noch erreicht werden kann, und deuten darauf hin, dass nichts in Stein gemeisselt ist. Ein noch zu erreichendes Potenzial ist für die persönliche Entwicklung motivierend. Es schliesst mit ein, dass Eltern ihre Kinder loben. Dabei sollten Mütter und Väter die Dynamik der Veränderbarkeit in das Lob einbeziehen, etwa: «Du hast beim Tanzen diese Schrittfolge toll verbessert!», und dabei weniger auf den statischen Zustand hinweisen, wie: «Du bist eine tolle Tänzerin!».

Was macht den Unterschied?

Ersteres stellt die Veränderbarkeit stärker in den Vordergrund. Ich habe dazu eine interessante Unterhaltung mit meiner 13-jährigen Tochter geführt, die es gut findet, wenn sie Liveaufnahmen ihrer Lieblingsband sieht und es dabei vorkommt, dass einer den Text vergessen hat oder dieser falsch gesungen wird. Meine Tochter hat Authentizität als einen sehr wichtigen Aspekt beschrieben. Zum Abschluss noch eine Anekdote unseres Gesprächs: Ich fragte sie: «Möchtest du sein wie ich?» – «Nein.» – «Warum nicht?» – «Weil ich keinen Bock darauf hab.» – «Wie möchtest du denn sein?» – «Nicht normal.» – «Was heisst ‹nicht normal›?» – «Zum Beispiel auf dem Schiff leben und reisen und nicht den ganzen Tag am Computer arbeiten wie mein Vater im Homeoffice!»

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    Martina
    , 38, Fachfrau Langzeitpflege in der ­Alterspsychiatrie, und Martin Gerber, 40, Automobil­diagnostiker, leben mit ihren Söhnen Timo, 13, und Leo, 11, in Sumiswald BE. Sie wollen den Kindern beibringen, die eigene Meinung zu vertreten, aber auch Kompromisse einzugehen.

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    Marcelle Graf
    , 38, ist Buchhalterin und Assistentin der Geschäftsleitung in einem Planerbüro. Der Vater ihrer Söhne Ariseo, 11, und Nelio, 9, wohnt auch in St. allen und ist trotz ­Trennung für die Kinder präsent.

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    , 16, macht eine ­Ausbildung zur Fachfrau Betreuung und lebt mit ihren Eltern Martina Arpagaus und Curdin Vincenz, beide 47, sowie ihrem Bruder Florian, 14, in Zürich. Sie sagt, ihre Mutter habe ihr vorgelebt, immer sie selbst zu sein.

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