Elternbildung
Seite 2

Kinder wissen, wie gut sie in etwas sind

Es ist sehr wichtig, zu wissen, dass Lob Kindern keine Qualität vermittelt. Und Kinder ab dem sechsten oder siebten Lebensjahr sind sehr realistisch: Sie wissen, wie gut sie sind, denn sie vergleichen sich mit ihren Freunden. Wenn sie also einen Aufsatz schreiben, wissen sie, dass ihr Aufsatz nicht so gut ausgefallen ist wie der ihres Banknachbarn.

Wenn sie nun nach Hause gehen und die Eltern sagen: «Wie toll dieser Aufsatz ist, den kopieren wir gleich und schicken ihn an alle Verwandten!», dann weiss das Kind, dass dies nicht wahr ist. Es weiss: «Meine Eltern loben mich jetzt so, weil sie mich lieben, und das ist okay! Aber ich weiss, dass dieser Aufsatz nicht gut ist.»

Und dies hat nichts damit zu tun, wie es in der Ratgeberliteratur aus Amerika heisst: «Stell dich jeden Tag vor den Spiegel und sag fünf Minuten lang: Ich bin toll!» Nein, das ist es nicht. Das ist eher Selbsthypnose und kann niemandem wirklich ­helfen.

In diesem Zusammenhang sind die Kategorien «gut/böse» überflüssig. Menschen sind weder gut noch böse – Menschen sind! Kinder sind weder gut noch böse – sie sind! Und ich habe weder gute noch schlechte Eltern kennengelernt, aber ich habe viele Eltern kennengelernt, die ihr Bestes tun, um gute Eltern zu sein. Ich meine, wir müssen das endlich begreifen: Wir sind Wesen, die sich in Beziehungen befinden.
Ich habe weder gute noch schlechte Eltern kennengelernt. Aber viele, die ihr Bestes tun, ­um gute Eltern zu sein.
Dazu möchte ich ein Beispiel anführen: In einem unserer dreijährigen Trainingsprogramme in Dänemark gibt es eine Frau, die gleich im ersten Jahr schwanger wurde und sich kurz danach scheiden liess. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr sieben Monate altes Baby mitzubringen. Und für mich ist dieser kleine Junge der beste Beweis dafür, dass Kinder als soziale, auf andere bezogene Wesen zur Welt kommen. Er sass inmitten der ­Gruppe auf dem Boden und spielte mit allen möglichen Spielzeugen. Klar geschah es im Fünfzehn-Minuten-Takt, dass er sich mit irgend­etwas wehtat. In solchen Momenten richtete er sich auf und schaute seine Mutter an: Wenn er nun beobach­tete, dass seine Mutter gerade beschäftigt war – sie unterhielt sich mit jemandem oder sie dachte angestrengt nach –, dann hat er sich an den nächsten Menschen gewendet und dann weiter an den nächsten und so weiter, bis er jemanden entdeckte, der für ihn zugänglich war. Dort ist er hingekrabbelt, derjenige hat ihn auf den Schoss genommen, der Kleine hat ein bisschen geweint und ist wieder zurück zu seinen Spielsachen. Wenn er allerdings Hunger bekam, dann schaute er ­seine Mutter so lange an, bis sie ihn wahrnahm, denn dafür ist nur sie als Einzige geeignet. 

Dieser Junge hat sich besser in einer Gruppe verhalten, als die meisten Erwachsenen es tun. Warum? Weil seine Mutter Vertrauen in ihn hatte: Er kann sich sozial verhalten. Klar fühlte sie sich am Anfang etwas schuldig, ihr Kind könnte eventuell die anderen stören. Aber nachdem das in der Gruppe offen diskutiert wurde und alle einverstanden waren, dass der Kleine dabei sein darf, ­fühlte sie sich wohl damit. Hätte sie sich nun aber weiterhin schuldig gefühlt und gemeint, ihr Sohn ­würde die anderen stören, wäre es auch genauso gekommen: Es wäre ihm genauso unangenehm geworden wie seiner Mutter. Er kann sich deshalb so sozial verhalten, wie er sich verhält, weil sich seine Mutter mit so viel Vertrauen auf ihn bezieht – der Bezug der Mutter hat also eine hohe Qualität. 

Alles, was sie wissen muss, ist, dass sie ihrem kleinen Sohn dies am Ende jeden Tages bestätigen ­sollte, indem sie ihn umarmt und ihm sagt: «Ich freue mich, dass du dich in dieser Gruppe gut fühlst, denn so kann ich weiterlernen und -arbeiten!» Auch wenn der Junge die Worte nicht begreift, er versteht ihren Ausdruck. Er muss nicht jedes einzelne Wort verstehen. Aber der Ausdruck der Mutter ist ein Feedback, das sein Selbstwertgefühl wachsen lässt. Er fühlt sich wertvoll für seine Mutter. 

Meist reagieren aber Mütter automatisch mit Sätzen wie: «Du bist so ein süsser, braver Bub. Mama liebt dich so sehr!» Und damit wird er kategorisiert. Er wrd in so einem Fall zwar sehr glücklich sein – aber für seine Mutter und nicht für sich selbst. Das ist der Unterschied!

Jesper Juul (1948 – 2019)

Nehmen Sie Ihr Kind ernst – begegnen Sie ihm mit Respekt. Kinder brauchen keine Grenzen – sondern Beziehung. Eltern müssen nicht konsequent sein – sondern glaubwürdig. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer von familylab, einem Beratungsnetzwerk für Familien, schrieb über 40 Bücher («Dein ­kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung»). Er war zweimal ­verheiratet und Vater eines Sohnes.

Mehr lesen von Jesper Juul: 

  • Das Kind wahrnehmen, statt es beurteilen
    Viele Eltern verlieren nach den ersten paar Monaten die Neugier auf ihr Kind und fangen an, es nur noch zu bewerten und zu korrigieren. Sie machen es dem Kind dadurch sehr schwer, ein gutes Selbstwertgefühl zu entwickeln.

  • Liebe Eltern, denkt mehr an euch!
    Viele Eltern fragen sich nur, was sie für ihre Kinder tun können. Mütter und Väter sollten sich aber erst einmal fragen, was sie selber brauchen. 

Anzeige

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.