Elternbildung

Wie wird mein Kind selbstbewusst? 

Kinder brauchen kein übertriebenes Lob, um sich ihrer selbst sicher zu werden, sondern die authentische Reaktion ihrer Eltern.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Familylab.ch
Das Selbstbewusstsein – sich seiner selbst bewusst sein – ist so etwas wie eine Funktion des Selbstwertgefühls. Kinder und Jugendliche zum Beispiel haben heute mehr Selbstbewusstsein: Sie sind sich ihrer Existenz gewahr. Aber das heisst noch lange nicht, dass sie auch ein gutes Selbstwertgefühl haben. Diese jungen Menschen wissen ­heute, dass sie einen Wert haben – einfach weil sie menschliche Wesen sind. Und es macht mich sehr glücklich, zu sehen, wie sie mit erhobenem Kopf auf der Strasse herumlaufen, während meine Generation mit gesenktem Kopf schüchtern entlang den Mauern ging. Früher hat man jungen Menschen eingebläut, dass sie nur eine Existenzberechtigung haben, wenn sie brav sind. Und dass sie wie alle Kinder auf dieser Welt vieles anstellten, was nicht als «brav» gelten konnte, war klar, sodass sie sich ständig schuldig fühlten und den Blick verschämt auf den Boden richteten.

So werden zum Beispiel Jugendliche, die einen Amoklauf begangen haben, meist als unauffällig, angepasst, nett, anständig beschrieben. Und natürlich: Sie kommen aus guten Familien, die ein gutes Verhältnis zu allen Nachbarn haben. Typisch für «gute Familien» – vor allem für die amerikanischen – ist, dass sie die ganze Zeit Loblieder auf ihre Kinder anstimmen. Und was diese Kinder dann entwickeln, ist kein gesundes Selbstwertgefühl, ­sondern sind angeheizte, aufgeblasene Egos. Da braucht nur eine Kleinigkeit vorzufallen, und schon lösen sich diese Egos in nichts auf. Eine kleine Enttäuschung, dass die Noten nicht gut genug sind, dass er nicht ausgewählt wurde fürs nächste Fussballspiel und so weiter, das reicht diesem jungen Menschen, um in Wut auszubrechen. 
Kinder, auf die ständig ­Loblieder gesungen werden, entwickeln kein gesundes Selbstwertgefühl, sondern aufgeblasene Egos.  
Diese Kinder wurden dauernd gelobt und mit grossen Worten betört: «Du bist wunderbar! Ganz erstaunlich, was du da machst! Wie fantastisch du bist!» Aber sie haben keine Wärme und authentische Nähe erfahren. Mit anderen Worten: Diese Kinder sind von ihren Eltern konsequent betrogen worden.

Persönliche Reaktion statt leeres Lob

Mich persönlich macht es immer sehr traurig, wenn mir jemand ein positives Label verpasst: Ich fange an, innerlich zu weinen, weil das ein Label ist, das mich schmerzhaft ­daran erinnert, wie sehr ich mich nicht wahrgenommen gefühlt habe. Es war der Fehler meiner eigenen Therapeuten, dass sie meinten, ich müsse lernen, Lob zu akzeptieren. Aber nicht das war der Punkt, sondern der, dass ein solches Label völlig ohne Inhalt daherkommt und dich nichts als einsam macht. Wenn mir jemand sagt: «Du bist toll!», dann sagt er damit gar nichts aus. Es hat keinen Wert. Es ist nicht leicht, sich das stets zu vergegenwärtigen, dass man dabei im Grunde nichts gesagt hat. 

Wenn ich dies zum Beispiel Lehrern oder Eltern beibringen möchte, dann mache ich immer folgenden Vergleich: Stell dir vor, dass dein bester Freund Künstler ist. Du hast ihn sehr lange nicht mehr gesehen, und nun lädt er dich auf eine Vernissage ein, wo er seine neuesten Bilder präsentiert. Und nun gehst du da hin, und er fragt dich, wie du ­seine Bilder findest. Es ist doch ganz klar, dass er weder übertriebenes Lob noch eine niederschmetternde Kritik hören möchte, sondern er möchte als dein alter Freund wissen, was dir seine Bilder sagen, was sie in dir auslösen. Er will eine persönliche Reaktion, selbst wenn die dann vielleicht ganz knapp lautet: «Entschuldige, deine Bilder sagen mir gar nichts!» Diese Antwort ist aber für ihn okay. Der Satz «Ganz toll, was du da machst!» wäre es hingegen nicht. Und wenn du genügend persönliche Reaktionen erhältst, kannst du dann auch irgendwann selber entscheiden, ob du gut bist oder nicht.

So auch, wenn ich einen Vortrag halte. Wenn mir einer sagt: «Du bist ein brillanter Redner!», gibt mir das gar nichts. Wenn aber jemand wiederkommt und mir sagt, dass dieser und jener Satz von mir etwas in seinem Leben verändert hat, dann weiss ich, ob ich ein «guter oder schlechter Lehrer» war. Das ist der wesentliche Unterschied!

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