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Elternbildung

«Unser Kind war das Opfer»

Ihr Sohn wurde über zwei Jahre lang von seinen Mitschülern gemobbt. Heute wünscht sich die Mutter, die im Interview anonym bleiben möchte, dass Schulen und vor allem Eltern schneller eingreifen – bevor die seelischen Schäden für das Kind zu gross werden. 
Interview: Fabian Grolimund und Stefanie Ritzler 
Bild: Bildbyran / Imago

Frau A., Ihr Sohn wurde über 2 Jahre hinweg gemobbt. Wann hat das angefangen und wie haben Sie davon erfahren? 

Es hat schleichend in der 4. Klasse angefangen. Er hat zuerst nicht viel erzählt, aber er wollte irgendwann nicht mehr zur Schule. Unser Sohn gab vor, krank zu sein und zog sich immer mehr zurück. Er begann auch, aus Frust zu essen. 

Wie wurde Ihr Sohn gemobbt? 

Zuerst wurde er verbal gemobbt. Es gab Beleidigungen, die gegen ihn, aber auch gegen mich und unsere Familie gerichtet waren. Danach kam es immer häufiger zu tätlichen Übergriffen, die gezielt immer dann stattfanden, wenn keine Lehrperson zugegen war. 
 «Die Schule und die Schulleitung waren uns leider gar keine Hilfe». 

Was haben Sie unternommen, um Ihrem Sohn zu helfen? Was hat die Schule getan? 

Ich habe zuerst versucht, mit der Lehrperson zu sprechen. Diese wollte jedoch nichts davon wissen und hatte kein Interesse daran, etwas zu unternehmen. Sie meinte zudem, dass es gar nicht so sei, wie unser Sohn erzähle. Als nächstes wandten wir uns an die Schulleitung. Dort bissen wir jedoch auf Granit. Diese stellte sich auf den Standpunkt, dass sie nichts unternehmen könne, wenn im Vorfeld keine Meldung der Lehrperson eingehe. Die Schule und die Schulleitung waren uns somit leider gar keine Hilfe. Unser Sohn ging dann auf Anraten unseres Kinderarztes zu einer Kinderpsychologin, was ihm und uns gut tat. Wir mussten unseren Sohn jedoch mit 12 von der Schule nehmen, weil sich dort nichts änderte. 

Was war für Sie besonders belastend? 

Am schlimmsten war, dass wir unseren Sohn zwar unterstützen, aber an dieser schwierigen Situation nichts ändern konnten. Unser Kind war das Opfer und hatte scheinbar keine Möglichkeit, dem zu entkommen. 
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«Eltern sollten schnell reagieren, damit es gar nicht so schlimm wird».

Dies muss für die gesamte Familie sehr schwierig gewesen sein ...

Ja. Ein Familienleben hatten wir eigentlich gar nicht mehr. Es wurde nur noch diskutiert, gestritten und wir Eltern versuchten, von morgens bis abends einfach nur zu schlichten. Es gab keine Fröhlichkeit und kein Lachen mehr. Jeder versuchte den Tag einfach zu überstehen und hoffte, dass der nächste Tag besser werden würde. 

Was möchten Sie anderen Eltern und Lehrpersonen mit auf den Weg geben? 

Dass man genau hinschaut und viel früher eingreift, bevor die Seele des Kindes zu viel Schaden genommen hat. Es wäre wichtig, dass die Schule nicht nur auf die Lehrperson hört. Eltern sollten schnell reagieren, damit es gar nicht so schlimm wird. Es sollte auf jeden Fall früh genug externe Hilfe in Anspruch genommen werden.

Dossier Mobbing

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3 Kommentare

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Von Sandra am 29.09.2016 11:24

Diese Geschichte macht mich wütend. Einerseits weiss ich, um die Ohnmacht der Eltern, die ein Kind mit Mobbingerfahrung begleiten und unterstützen wollen. Ich bin selber Mutter eines Mobbingopfers und ich finde es unglaublich schwierig, den Leidensdruck einzuschätzen und damit den richtigen Moment des Einschreitens zu finden. Ich habe damals zu lange gewartet und über Monate versucht, meinen Sohn in der Begegnung mit anderen Kindern zu stärken. - Auch, weil er sich nicht outen wollte.
Die Information der Lehrperson, der Schulsozialarbeit und schlussendlich der Schulleitung habe ich zu spät in Angriff genommen. Mein Sohn musste kurz nach Beginn der 5. Klasse das Schulhaus wechseln. Darüber waren wir aber alle sehr froh.
Andererseits bin ich aber auch Schulsozialarbeiterin. Das Hin- und Hergerissen sein zwischen meinen beiden Rollen als Mutter und Schulsozialarbeiterin hat den Prozess nicht schneller vorangetrieben. Ich wollte den Fachpersonen an der Schule nicht vorschreiben was zu tun ist.

Als Schulsozialarbeiterin mit der Erfahrung als Mutter eines Mobbingopfers weiss ich,
- dass frühzeitiges Reagieren sehr wichtig ist.
- Mobbing ist nie für alle Beteiligten sichtbar.
- Oftmals Lehrpersonen wenig davon mitbekommen.
- Kinder ihr Leiden aus Angst keine Freunde mehr zu haben oft verharmlosen.
- Eltern unglaublich mitleiden und die Belastung in der Familie gross ist.
- Eltern der Klassengspändli mit ihrem Verhalten teilweise auch Mobbing unterstützen.
- Plagen und Mobbing oftmals vermischt werden und es unterschiedliche Interventionen fordert.

Ich arbeite oft mit der Methode 'No blame Approach' und gleichzeitig auch mit einzelnen Kindern, Eltern und den Lehrpersonen die im konkreten Mobbingfall involviert sind. Ich habe sehr gute Erfahrung damit gemacht. Es ist wichtig, Transparenz in diesem Thema zu schaffen. Eltern einer Klasse aufzuklären, falls diese involviert sind. Dabei ist wichtig zu vermeiden, dass ein Gesichtsverlust stattfindet. Ein Täter wird schnell zum Opfer und umgekehrt. Dies aufzuzeigen ist wichtig, um zur Mitarbeit zu motivieren.

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Von Katharina am 23.09.2016 16:05

Der Artikel erschüttert mich zutiefst...ich bin selber Mutter eines gemobbten Sohnes, und was ich hier lese, entspricht haargenau dem, was mein Sohn und damit auch ich erleben musste.

Ich kann nicht mehr nachvollziehen, wann genau das Unheil seinen Lauf nahm, doch im Rückblick dauerte die Odyssée ca. von der 3. bis zur 7. Klasse, Nachwehen nicht mit eingerechnet. Niemand, aber gar niemand, nahm die Sache ernst! Auch mir wurde das ganze Ausmass erst klar, als er sich mit Krankheit zu wehren resp. zu verweigern versuchte. Ich musste die Notbremsung einleiten, es folgten Arztbesuche, Spital, Psychologe, und ich konnte für meinen Sohn den üblen Kreislauf nur so unterbrechen, indem ich ihn an eine andere Schule schickte.

Tönt einfach, doch das ist es keineswegs! Die Behörden waren wenig kooperativ und ich hatte stark das Gefühl, es gehe hier nur ums Geld und nicht um das Wohl des Kindes! Unglaublich!! Nur mit "List", d. h. als Wochenaufenthalter im Nachbarsort, wo der Vater wohnte, lenkte man ein.

Das ist mittlerweile 3 1/2 Jahre her und wir beide, mein Sohn und ich, sind noch immer geprägt von den Vorfällen. Er kämpft sich langsam wieder "zurück", versucht Vertrauen in Gleichaltrige zu fassen und geht vereinzelt "raus", d. h. an Veranstaltungen, Treffen, etc. Seine Arbeit daran wird noch ein wenig dauern... Die Mobber übrigens kamen mit einer sanften Rüge davon und ich muss mir sehr viel Mühe geben, sie nicht zu hassen...

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Von Lucia am 13.09.2016 22:33

Ich kann ihnen nur zu gut nachfühlen...unsere Tochter ist fadt daran zugrunde gegangen...allein gelasden wurden wir sogar von der Schuksozialarbeiterin...Mobbing sei es nur dann, wenn die ganze Klasse gegen einen agiere...solche Aussagen von einer Fachperson hören zu müssen führte zu zusätzlichem Schmerz - bei uns allen...wieviele Nächte ich am Bett unserer verzweifelten Tochter verbracht habe, beide vor Verzweiflung und Schmerz weinend....zum Glück kam in dieser Zeit ihr Pferd dazu...dieses Tier hat ihr geholfen, das alles zu überstehen.....nicht einmal dem ärgsten Feind wünsche ich diese schmerzvolle Erfahrung....

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