Lerne, nein zu sagen, fordert Jesper Juul
Elternbildung

Nein sagen – aber richtig!

Es gibt heute kaum noch allgemeingültige Werte, von denen Eltern ein Nein ableiten können. Sie müssen daher ihre innere Orientierung finden und authentisch sein.
Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Nein zu sagen zu einem Menschen, den du liebst, ist sehr schwer – das ist klar. Zu Menschen, die man liebt, möchte man Ja sagen. Das ist auch etwas Wunderbares, denn das Leben jedes Kindes sollte damit anfangen, dass die Eltern ihm vermitteln: «Ja, du bist willkommen! Wir wollen dich!» Jede Generation hatte mit dem Nein Schwierigkeiten und ist damit unterschiedlich umgegangen. 

Die Generation meiner Eltern hat zu allen Gesten, die Eigeninitiative zeigten, automatisch Nein gesagt – ihr Nein klang immer aggressiv, und diese Aggression verriet, wie schwierig es eigentlich für sie war, Nein zu sagen. Erschwerend kam für sie hinzu, dass sie immer plausible Gründe in der Aussenwelt suchten: «Nein, niemand macht das!» 
Die Generation meiner
Eltern hat zu jeder Geste von
Eigeninitiative Nein gesagt.
Unter heutigen Eltern gibt es
fast nur noch Jasager.
Und wenn das von den Kindern nicht ernst genommen wurde, dann kamen sie mit Regeln: «Ich habe einmal Nein gesagt, das sollte reichen! Nein ist Nein!» Es war also auch für sie anstrengend, aber sie haben es konsequent praktiziert. Heute ist es anders – unter den Eltern gibt es fast nur noch Jasager, was in der Beziehung zu den Kindern zu denselben Schwierigkeiten führt. Für diese Umkehrung der Methoden der Elterngeneration gibt es vermutlich zwei Gründe. 

Der eine ist eindeutig: Es ist eine ganz normale Reaktion, genau das Gegenteil von dem zu tun, was die eigenen Eltern praktiziert haben. Der andere Grund ist der, dass die Gründe für die vielen Neins verschwunden sind – zum Beispiel haben heutige Eltern immer Geld für eine Tafel Schokolade. Das war früher wirklich anders. Und was früher auch anders war, ist die Tatsache, dass es unter den Eltern einen Konsens gab. Sie sagten: «Nein, du darfst das in deinem Alter nicht tun!», und wussten, dass das auch die anderen Eltern so handhabten. 

Die eigenen Werte reflektieren, die eigene Meinung vertreten

Also, wenn ich mich mit meinen Freunden traf, stellte ich fest, dass meine Eltern tatsächlich recht hatten: Auch die anderen Kinder durften dies nicht tun. Wenn du das einem Kind heute sagst, kann es dir auf der Stelle mithilfe des Handys beweisen, dass sein Freund das tun darf, was er nicht darf. Für heutige Eltern gibt es diesen Konsens also nicht mehr. 

Das ist eine grosse Herausforderung, denn sie müssen das Nein in sich selbst finden: Sie müssen über ihre eigenen Werte reflektieren, sodass, wenn das Kind kommt und sagt: «Ich möchte meinen Geburtstag mit meinen Freunden bei McDonald’s feiern!», sie dazu ihre eigene Meinung vertreten und nicht eine entliehene. 

Du kannst dann als Vater sagen: «Nein, ich bringe dich und deine Freunde nicht an einen Ort, wo ihr solchen Frass zu essen bekommt.» Oder du sagst: «Okay, das machen wir!» Viele Kinder wollen bei McDonald’s essen, weil auch ihre Freunde das tun. Dann wird es für viele Eltern schwierig, weil sie ja nicht wollen, dass ihr Kind zum Aussenseiter wird. Also erlauben sie es widerwillig, weil ihnen die innere Orientierung fehlt. Denn das Nein, von dem wir sprechen, kannst du nur in dir selbst finden! Du musst dich also entscheiden und die Frage klar beantworten können: Was will ich? – Will ich, dass mein Kind jeden Tag Coca-Cola trinkt? Nein! 

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