«Kinder brauchen keine  Nonstop-Unterhaltung»
Elternbildung

«Kinder brauchen keine Nonstop-Unterhaltung»

Viele Familien haben das Gefühl, dass sich die Uhren immer schneller drehen und sie selbst kaum Schritt halten können. Doch wie gelingt es, innezuhalten und den Alltag bewusster zu gestalten? Zeitexpertin Anna Jelen über die Frage, worauf es ankommt.
Interview: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
Bild: Rawpixel.com

Frau Jelen, bei Ihnen dreht sich alles um das Thema Zeit. Wie kam es dazu?

Ich bin mit der Faszination für das Thema Zeit geboren. Schon als Kind beschäftigte mich die limitierte Lebenszeit. Ich beobachtete, wie die Erwachsenen mit ihrer Zeit umgingen, und verstand nicht, warum gewisse Menschen «lange» in einer unglücklichen Lebenslage blieben. «Warum ändern sie es nicht?», war eine gängige Frage, die ich meinen Eltern stellte. Ich verstehe heute, dass es mir damals schon das Herz brach, wenn jemand sein Leben nicht voll und ganz auslebte. 

Sie sprechen oft von einem Konzept, das Sie «create moments» nennen. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Als ich 17 Jahre alt war, habe ich mich mit meinem Hund in den Bergen verirrt und wäre fast erfroren. Völlig erschöpft lag ich in der Dunkel­heit im Schnee und dachte, nun sei es vorbei. Da ist mir mein Leben vor dem inneren Auge nochmals gezeigt worden, und zwar in der Form von Bildern. Eins nach dem andern, im Sekundentakt. Da wurde mir klar, dass unser Leben aus Momenten besteht. Doch was mich am allermeisten erstaunte, war, dass es nicht die spektakulären Dinge waren, die ich gesehen habe. 

Sondern?

Es waren vor allem Momente aus meinem Alltag, zum Beispiel, wie ich mit meinem Vater beim Lieblingsitaliener am Tisch sass. Ich erinnere mich an die Tischdeko, an unsere Kleidung, an den Geruch. Erst später begriff ich, dass dieser Moment zwar nicht spektakulär, aber emotional bedeutsam war: weil ich meinen Vater an diesem Abend für mich alleine gehabt hatte und nicht mit meinen Geschwistern hatte teilen müssen. Wir erinnern uns an emotional intensiv erlebte Momente. Und diese können wir täglich erleben. Dafür müssen wir aber einen Rhythmus haben, der dies zulässt. Wenn wir durch den Tag rennen, dann rennen wir an diesen Momenten vorbei. 

Heute leiden viele Menschen unter Zeitnot und dem Gefühl, mit ihren Aufgaben andauernd im Hintertreffen zu sein, sogar Kinder. Wie lässt sich das erklären? 

Dies ist eine subjektive Einschätzung, hat aber viel Wahres in sich. Der Tag hat nach wie vor 24 Stunden, jedoch hat es in den letzten Jahren eine «Explosion an Möglichkeiten» gegeben. Nicht nur das Aufgabenpensum ist höher geworden, sondern auch die Möglichkeiten an Aktivi­täten. Wir glauben, ganz viel tun zu müssen oder zu wollen, auch weil wir durch die Medien täglich daran erinnert werden, was noch alles möglich ist. Es gibt ein Missverhältnis zwischen der tatsächlich zur Verfügung stehenden Zeit und den Erwartungen, und dies frustriert und setzt uns unter Druck – Erwachsene wie auch Kinder. So liegt man abends im Bett und denkt: «Nun kam ich wieder nicht dazu, dies und jenes zu tun …» Es war noch nie so wichtig, zu wissen, wozu man nein, oder wozu man ja sagt.
Anzeige

Wie kann man Kindern einen ­gesunden und reifen Umgang mit der 
Zeit beibringen?

Zuerst muss man selbst die Offenheit haben, über das Leben als grosses Ganzes nachzudenken: Was macht ein erfülltes Leben aus? Mit welcher Haltung möchte ich durch das Leben gehen? Kinder beobachten, was wir ihnen vorleben: Wie gehen wir durch den Tag? Gelassen oder gestresst? Sind wir Opfer oder Mitgestalter? Dann kann man mit Kindern über das Leben philosophieren und gemeinsam träumen. Oder eben «create moments»: bewusst aus kleinen Alltagsmomenten ein emotionales Erlebnis machen, egal ob beim Lernen, beim gemeinsamen Spielen oder beim Kochen und Essen mit der Familie. 

Wie macht man das genau?

Indem man eben nicht den gesamten Tag eng durchtaktet. Es ist wichtig, zwischen der Disziplin auch den ungeplanten Momenten Platz zu geben. Denn darunter könnten Momente sein, die das Leben formen und es lebenswert machen.  

Was raten Sie Familien, um von der ganzen Hektik, dem Tempo und dem Druck nicht mitgezogen zu werden?

Eine zentrale Frage ist: «Wozu sagen wir ja und wozu nein?» Dieser Diskussion darf man sich in der Familie immer wieder stellen. Dabei macht es Spass, wenn man seinen Fokus von Zeit zu Zeit neu ausrichtet und auf unterschiedliche Aktivitäten setzt. Vielleicht sagen wir diesen Monat ja zu ‹die Stadt entdecken›. Nächsten Monat könnte es sein: ‹die Natur hautnah erleben›. Dabei sollten wir auch Platz lassen für die unerwarteten Momente oder sie vielleicht sogar selbst kreieren. 

Haben Sie ein Beispiel für uns?

Wenn mein Mann und ich mit unserer Tochter Nina an den freien Tagen aus dem Haus gehen, stehen wir am Ausgang und fragen: Links oder rechts? Dann sagt Nina: Links. Bei jeder Kreuzung aufs Neue: Links oder rechts? So erleben wir sensationelle Tage, gefüllt mit unerwarteten Momenten. Die Frage lautet doch: Müssen wir unseren Kindern möglichst viel anbieten? Müssen wir jedes Wochenende mit Aktivitäten füllen wie Europapark oder Zoobesuchen? Braucht es überhaupt die Nonstop-Unterhaltung für Kinder (und Erwachsene) oder reichen womöglich die einfachen «banalen» Momente auch aus? 

Wenn man darüber spricht, wie ­wichtig ein bewusster Umgang mit Zeit ist, kommt oft der Einwand, dass viele Menschen wenig Wahlfreiheit haben und ihren Verpflichtungen nachkommen müssen. Wie sehen ­Sie das? 

Egal in welcher Situation man ist, es liegt immer noch an einem selbst, zu entscheiden, mit welcher Haltung man durchs Leben gehen möchte. Wenn ich die Haltung habe, den Alltag zu zelebrieren, dann hole ich das Beste aus meiner Arbeit heraus, pflege den Umgang mit Menschen und auf dem Nachhauseweg lasse ich mir etwas mehr Zeit, sitze beim Abendessen noch eine Weile am Tisch und unterhalte mich. Das mag kitschig klingen, aber am Ende besteht das Leben aus solchen Momenten. 

Zur Person: 

<div><strong>Anna Jelen, </strong>42, eine typische ­Schwe-Schwe* ist Zeitexpertin, Keynote-Speakerin und Podcasterin. Sie hat ein Bonuskind** namens Nina, 12 Jahre alt, und lebt mit ihrem Ehemann Samuel in Arosa und teilweise in Schweden. <br><em><br>* &nbsp; Schweizerin/Schwedin<br>** nennt man in Schweden ein Kind, das der Partner mit in die Beziehung bringt</em></div>
Anna Jelen, 42, eine typische ­Schwe-Schwe* ist Zeitexpertin, Keynote-Speakerin und Podcasterin. Sie hat ein Bonuskind** namens Nina, 12 Jahre alt, und lebt mit ihrem Ehemann Samuel in Arosa und teilweise in Schweden.

*   Schweizerin/Schwedin
** nennt man in Schweden ein Kind, das der Partner mit in die Beziehung bringt

Mehr lesen zum Thema verträumte Kinder: 

  • Verträumte Kinder unter Druck
    Sich konzentrieren, zuhören, selbständig arbeiten: Manchen Schulkindern bereitet das grosse Mühe. Warum neigen Kinder zum Tagträumen? Wie gehen Eltern und Lehrpersonen am besten mit einem verträumten Kind um? Und wie schaffen es Familien, im Alltag innezuhalten und gemeinsam zu träumen?

  • Verträumte Kinder in der Klasse
    Stille Kinder, die Schwierigkeiten haben, sich auf den Unterricht zu konzentrieren gehen im ­Schulalltag häufig unter. Wie es Lehrpersonen gelingen kann, diese Kinder dort abzuholen, wo sie stehen, zeigen die folgenden Beispiele aus dem Schulalltag.

  • So unterstützen Sie verträumte Kinder
    Kleine Träumer sind kreativ und fantasievoll, aber oft vom Alltag überfordert. Und in der Schule wird ihre Neigung zum Problem. Wie Eltern ihrem verträumten Kind helfen und es unterstützen können.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.