«Schick mir ein Foto. Gerne im Bikini!» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

«Schick mir ein Foto. Gerne im Bikini!»

Lesedauer: 4 Minuten

Das Internet bietet Pädophilen Idealbedingungen, um unbeobachtet nach Opfern zu suchen. Wie Cybergrooming abläuft und was Eltern zum Schutz ihrer Kinder beitragen können.

Text: Thomas Feibel
Bild: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Unternahm ein Pädophiler früher Annäherungsversuche bei Kindern, bestand für ihn ein erhebliches Risiko, beobachtet zu werden. Zum Beispiel von Passanten auf der Stras­se. Heute bietet das Internet Tätern Idealbedingungen. Es erlaubt ihnen, sich auf der Suche nach Opfern in der Öffentlichkeit unsichtbar zu machen. «Cybergrooming» lautet dazu der englische Fachbegriff, der für die Annäherung pädophil veranlagter Menschen steht, die Kinder über das Web mit sexuellen Absichten ansprechen.

Mühelos stellen sie Fake-Profile ins Netz, mit falschen Fotos, Namen und Hobbys. Meist geben sie sich als Gleichaltrige oder als nur wenig älter aus. Die digitalen Spielplätze der Kinder zählen zu ihrem bevorzugten Revier: Tiktok, Instagram und Games mit Chatfunktion. Die Methoden der Anbahnung sind ­subtil: Über Wochen bauen sie eine feste Beziehung zu Buben und Mädchen auf, geben sich als empathische Freunde, Tröster und Ratgeber. Haben die Pubertierenden erst ­einmal Vertrauen gefasst, rücken sie bedenkenlos ihre Handynummer heraus, um miteinander über Whatsapp zu schreiben. Dass der neue «Freund» aus unterschiedlichsten Gründen nicht telefonieren kann, wird nicht hinterfragt.

Mädchen, die sich in sozialen Netzwerken in sexy Posen zeigen, haben nie das Gefühl, so bestimmte Signale auszusenden.

Laut der nationalen Plattform Jugend und Medien des Bundesamts für Sozialversicherungen wurden hierzulande bereits 13 Prozent der 12- bis 13-Jährigen, 23 Prozent der 14- bis 15-Jährigen sowie 33 Prozent der 16- bis 17-Jährigen schon einmal übers Internet von einer Person mit sexuellen Absichten angesprochen.

Sprechen über Cybergrooming – ein Leitfaden für Eltern

Auch wenn es für Eltern unangenehm ist, über das Thema Pädophilie im Netz zu reden, muss es immer wieder angesprochen werden. Doch wie macht man das?

Ab wann sollten Eltern mit ihren Kindern über dieses Thema sprechen?
Es gibt keine klare Altersempfehlung. Spätestens sobald Kinder ein eigenes Smartphone, Tablet oder einen PC besitzen. Wer alt genug ist, ins Internet zu gehen, ist auch alt genug, mit der Wahrheit konfrontiert zu werden.

Wie konkret sollte man das Problem beim Namen nennen?
Drumherum reden ist nicht zielführend. Ich rate zu folgendem Wortlaut: «Im Internet gibt es Erwachsene, die sich mit Kindern über Sex unterhalten oder verabreden wollen. Das ist nicht in Ordnung.»

In welchen Abständen sollte man Cybergrooming thematisieren?
Eltern sollten ohnehin alle sechs Monate mit ihren Kindern ein Gespräch über ihr Verhalten im Netz führen, denn die Angebote ändern sich schnell und die Kinder auch. Dabei sollte Cybergrooming eines von vielen Themen sein, die den Schutz betreffen. Der wichtigste Satz: «Ruf mich, wenn dir etwas komisch vorkommt.»
Sollte ich das Handy meines Kindes von Zeit zu Zeit kontrollieren, um es zu schützen?
Ja, wenn es zu den gemeinsam getroffenen Vereinbarungen zählt, dass gemeinsam draufgeschaut wird. Ab 10 oder 12 Jahren ist das schwierig, weil Kinder sich für private Nachrichten oder Fotos genieren könnten. Darum ist es wichtig, dass das Kind ein gutes Vertrauensverhältnis zu seinen Eltern besitzt und sie im Notfall anspricht.
Was, wenn mein Kind mich darüber informiert, dass ihm etwas komisch vorkommt?
Anbahnungen oder formulierte Aufforderungen sind sehr eindeutig. In so einem Fall sollten Eltern Beweise sichern, also Screenshots machen und damit zur Polizei gehen. Doch zuvor muss das Kind entlastet werden, indem ihm versichert wird, dass es keinerlei Schuld an dem Geschehen hat.

Es muss alles geheim bleiben

Wenn die Täter Kindern das Versprechen abringen, mit niemandem über ihre «Freundschaft» zu sprechen, löst das bei den Kindern und Jugendlichen kein Misstrauen aus, sondern geht als Vertrauensbeweis durch. Unaufhörlich loben die Täter ihre Opfer und attestieren ihnen eine grosse geistige oder körperliche ­Reife. «Wie alt bist du? 12? Du siehst ja wie 20 aus!» Eine solche Anerkennung von einem fremden Freund hat deutlich mehr Gewicht als die gewohnte Bestätigung vonseiten der Eltern. Nach und nach spornen die Täter zum Beispiel Mädchen an, sich noch freizügiger und lasziver zu ­zeigen, jedoch nicht bei Instagram, sondern direkt – über Whatsapp. Gerne im Bikini oder mit noch weniger an. Von all dem können Eltern nichts ahnen. Auch nicht, dass der falsche Freund durch geschickte Manipulation die Freundschaft in eine Liebesbeziehung umwandelt. Ebenfalls streng geheim. Und wer sich liebt, muss sich natürlich auch mal im «Real Life» sehen. Das ist vielleicht der Punkt, der am meisten erschreckt: Kinder und Jugendliche, die sich dann mit dem «Freund» treffen, wissen ungefähr, was passieren wird, auch wenn sie sich das nicht wirklich in allen Details vorstellen können. Ist die grosse Liebe bei der realen Begegnung nun deutlich älter, insistiert der Täter: «Aber du kennst mich doch! Wir lieben uns doch!» Das Opfer ist oft viel zu paralysiert, um zu gehen.

Die Täter sammeln Munition

Jugendliche sind meist leichte Beute. Wie alle anderen ihrer Peergroup betrachten sie das Internet und seine sozialen Netzwerke als kunterbunte Spielwiese, wo sie sich ausprobieren, mit Looks experimentieren und schauen, wie sie bei anderen ankommen. Gerade Mädchen zeigen sich auf diesen Netzwerken häufig in sexy Posen, weil das Freundinnen oder Vorbilder so machen. Sie selbst haben dabei jedoch keine Sekunde auch nur annähernd das Gefühl, auf diese Weise bestimmte Signale auszusenden. Durch Make-up, Posen und Filter streifen sie ihr Kindsein für diese Zeit wie eine Schlangenhaut ab, um in der Erwachsenenwelt mitzuspielen. Meist folgenlos. Was wäre aber, wenn ein fremder Mensch in ihnen etwas ganz Besonderes sehen würde? Jemand, der ihnen Mut macht, Kraft gibt und der sie vielleicht sogar liebt? Genau das machen sich Pädophile zunutze. Sie bauen Kinder und Jugendliche nicht nur (vermeintlich) auf, sondern sammeln dabei die ganze Zeit Munition: Mit den anvertrauten Geheimnissen, Chatverläufen oder den offenherzigen Bildern werden die jungen Opfer erpresst, falls sie etwa den Wünschen des Täters nicht zustimmen. Was diese Kinder und Jugendliche dann an inneren Konflikten durchleben müssen, ist für sie kaum verkraftbar. Bin ich schuld? Habe ich etwas falsch gemacht? Werden meine Fotos und Geheimnisse wirklich vor aller Welt ausgebreitet?

Thomas Feibel
ist einer der führenden ­Journalisten zum Thema «Kinder und neue Medien» im deutschsprachigen Raum. Der Medienexperte leitet das Büro für Kindermedien in Berlin, hält Lesungen und Vorträge, veranstaltet Workshops und Seminare. Zuletzt erschien sein Elternratgeber «Jetzt pack doch mal das Handy weg» im Ullstein-Verlag. Feibel ist verheiratet und Vater von vier Kindern.

Alle Artikel von Thomas Feibel

Lesen Sie mehr zum Thema Medienerziehung:

Advertorial
Sattel-Hochstuckli – der Familienberg für Gross und Klein
Der Familienberg Sattel-Hochstuckli mitten in der Zentralschweiz bietet, was Kinder und Eltern glücklich macht.
Thomas Feibel Medienexperte
Medienerziehung
Die grosse Ratlosigkeit ohne Handy
Kinder zu schelten, wenn sie ohne Handy nichts mit sich anzufangen wissen, greift zu kurz. Wir Erwachsenen müssen ihnen alternative Angebote unterbreiten.
Thomas Feibel Medienexperte
Medienerziehung
Medienquiz: Das sind die richtigen Antworten
Haben Sie nur Bahnhof verstanden oder die Antworten aus dem Ärmel geschüttelt? Hier folgt die Auflösung unseres Medienquiz.
Thomas Feibel Medienexperte
Medienerziehung
Medienquiz: Testen Sie Ihr digitales Wissen
Keine Sorge – dieses Medienquiz will Sie nicht vorführen. Vielmehr geht es darum, Sie zu sensibilisieren für die digitale Welt.
03-24-Essstörungen-Umgang mit Social Media und Smartphone Christine Amrhein Elternmagazin Fritz Fraenzi HG
Ernährung
Der Einfluss von Social Media auf Essstörungen
Social Media vermittelt oft falsche Körperideale. Das können Eltern tun, damit Kinder nicht in eine Essstörung abrutschen.
Thomas Feibel Medienexperte
Medienerziehung
Wenn Kontrolle nur noch ein frommer Wunsch ist
Kinder und Jugendliche nutzen digitale Geräte immer umfassender – in der Schule und zu Hause. Das erschwert es Eltern, ihre Bildschirmzeit regulieren zu können.
03-24-Dossier-Essstörung-Dossier-Panikattacken-Christine-Amrhein-Elternmagazin-Fritz-Fraenzi-HG
Ernährung
«Jede Mahlzeit wurde von Panikattacken begleitet»
Paula, heute 16, erkrankte mit 14 an einer Magersucht mit bulimischen Phasen. So gelang ihr Weg aus der Essstörung.
SRF erklärt künstliche Intelligenz, KI.
Lernen
Sind wir nun nicht mehr die Klügsten?
Die künstliche Intelligenz ist in aller Munde und macht auch nicht halt vor Kindern. Das sind die wichtigsten Fragen dazu.
Medienkompetenz
Lernen
Das kritische Denken als Kompass
Damit sich Kinder und Jugendliche in der digitalen Welt zurechtfinden, müssen Schule und Eltern sie auf dem Weg zur Medienkompetenz begleiten.
Medien
«Kinder sollen sich nicht mit einfachen Antworten zufriedengeben»
Der Krieg in Nahost wird auch in sozialen Netzwerken ausgetragen und macht nicht halt vor Kindern und Jugendlichen. Medienexperte Thomas Feibel über verstörende Bilder, den richtigen Umgang mit Antisemitismus im Netz und die Rolle der Eltern.
Familienleben
«Kinder wollen mitreden können»
Sollen Eltern ihre Kinder vor der Flut an schlechten Nachrichten abschirmen? Bloss nicht, sagt Sozialwissenschaftlerin Gisela Unterweger.
Elternbildung
Wenn das Handy zur Waffe wird
Cybermobbing ist für betroffene Jugendliche und deren Angehörige extrem belastend. Doch wie kommt es überhaupt dazu? Wie lässt sich das üble Treiben stoppen? Und welche Rolle spielt die Schule?
Medien
Medienerziehung
Medien: 10 Fragen zu Handy, Tablet und PC
Ihr Kind von den digitalen Medien konsequent fernzuhalten, gelingt längst nicht mehr? Das ist völlig in Ordnung. Elektronische Medien gehören heute zum Alltag.