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Elternblog

Guilty Pleasure

Vom Versuch, Klatschheftchen vor der Teenager-Tochter zu verstecken. 
Text: Michèle Binswanger
Illustration: 
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Mein Guilty Pleasure sind Klatschhefte. Ich liebe Storys über Models und Schauspielerinnen und Modelschauspielerinnen und über ihre Töchter und unehelichen Kinder. Und je gemeiner darüber berichtet wird, desto besser. Ich informiere mich darüber, wer einen dicken Hintern hat und wer Drogenprobleme, wer bei der Gala das schlimmste Kleid trug und wer von wem betrogen wurde. Dazwischen streife ich durch die Welt der Modestrecken und Rezepte und Fitnessprogramme und Problemzonen. Die reinste Safari der niederen Instinkte. Meine Mutter missbilligte den Konsum von Klatschmagazinen. Sie verbot sie uns nicht, aber brachte ihre Meinung dazu mit minimaler Gesichtsmimik und maximaler Deutlichkeit zum Ausdruck. Doch so sehr mir die Untrüglichkeit ihres Instinkts für richtig und falsch bewusst war, wollte ich nicht auf diese eitle, sinn- und bedeutungslose Beschäftigung verzichten. Ich las die Magazine trotzdem – einfach mit einem schlechten Gewissen. Falls Sie ein Mann sind, muss ich zum Klatsch noch etwas erklären. Das verbreitete weibliche Interesse an Klatschmagazinen hat neurobiologische Ursachen, eine Funktion der ausgeprägten sprachlichen, emotionalen und sozialen Kompetenzen der Frau. Das habe ich zwar frei erfunden, aber es tönt doch einleuchtend. Männer haben den Sport. Sie gucken Fussball, Boxen, Eishockey oder Formel 1, dazu trinken sie Bier und schweigen. Darin findet der gemeine Mann Trost und Entspannung für seine von den Fährnissen des modernen Lebens angespannten Nerven. 
«Die reinste Safari der niederen Instinkte»
Michèle Binswanger
Und wer einen Begriff davon hat, wie viel entspannter Männernerven im Vergleich zu Frauennerven ohnehin schon sind, der sollte verstehen, dass Frauen deswegen auch härteren Stoff brauchen. Natürlich befriedigt Klatsch niedere Instinkte, aber es entspannt so ungemein. Nun habe ich aber eine vierzehnjährige Tochter, und das stürzt mich in ein moralisches Dilemma. Denn ich lese Klatschmagazine ironisch, also im Bewusstsein, dass sie mit der Wirklichkeit so viel wie gar nichts zu tun haben. Aber wie kann ich das meiner Tochter vermitteln? Sie ist in einem sensiblen Alter, in dem die Bewirtschaftung von Problemzonen nicht die beste Lektüre ist. Und weil Erziehung vor allem durch Vorbilder funktioniert, kann ich nicht mehr unschuldig Klatschheftli kaufen. Und so greife ich auf meine bewährte Taktik von früher zurück. Ich lese die Magazine trotzdem, einfach mit einem schlechten Gewissen. Wenn ich fertig bin, vergrabe ich sie in der Papiersammlung in der Hoffnung, dass meine Tochter sie nicht findet. Mit mässigem Erfolg. Denn ihre weibliche Neurobiologie beschert ihr nicht nur die Lust am Klatsch, sondern auch an Geheimnissen. Und so spürt sie die Klatschmagazine mit grosser Treffsicherheit auf. Sofern ich diese Heftchen künftig nicht im Kamin verbrennen will, gibt es nur zwei Lösungen: Die erwachsene wäre Verzicht. Die hoffnungsvolle Vertrauen, dass ihr das nicht mehr schaden wird als mir. Ich entschied mich für Letzteres. Seither lesen wir den Schund zusammen und amüsieren uns köstlich darüber.

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