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Elternblog

Für Kokain habe ich meine Kinder verpasst

Marco*, 26 bereut an seiner Drogenkarriere vor allem eines: dass er seine Kinder nicht aufwachsen gesehen hat. Er möchte seine Geschichte hier mit anderen Eltern teilen, um sie zu warnen.
Protokoll: Bianca Fritz
Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem Alkohol eine wichtige Rolle gespielt hat. Ich habe es oft erlebt, das meine Eltern und Freunde oder Verwandte berauscht waren. Mich selbst hat aber Alkohol nicht sonderlich interessiert – mir ist nur schlecht geworden davon. Auch Kiffen habe ich nur einmal probiert und befunden: Das ist nichts für mich. Drogen waren also eigentlich kein Thema. 

Ich wusste sofort: Das wird meine Droge!

Bis ich mit 14 einen Ferienjob gemacht habe und mir ein älterer Kollege, nennen wir ihn einfach mal Luigi, ganz selbstverständlich eine Line Kokain angeboten hat. Kaum hatte ich das geschnupft, wusste ich:  Das wird meine Droge! Sie wird mein Leben verändern. Ich habe mich einfach unbesiegbar gefühlt. Wie der Herrscher der Welt. Und so ungemein männlich! Mir als Mitläufertyp hat das sehr gut getan. Ich wollte immer zu den Coolen gehören. Daraufhin habe ich alles gelesen, was ich über die Droge finden konnte, jeden Film gesehen und jedes Lied gehört, in dem Kokain eine Rolle spielt. Ich habe die Droge verherrlicht, ohne sie zu nehmen. Erst, als ich dann mein erstes Geld verdiente, habe ich mich getraut, den Kollegen von damals wieder zu kontaktieren, und ab da war ich eigentlich dauerhaft high. 

Ich habe 400 Franken am Tag für Kokain ausgegeben – und da man das natürlich als Lehrling nicht verdient, mit dem Dealen von anderen Drogen angefangen. Mein Kollege Luigi wurde so etwas wie ein Ersatzvater. Ich habe zu ihm aufgesehen und ihn bewundert. Dabei hatte ich ja einen Vater – einen guten sogar. Ich kann meinen Eltern keinen Vorwurf machen. Falsche Freunde – das kann in den besten Familien passieren. Jeder kann einem Menschen begegnen, der so eine unfassbare Ausstrahlung hat, eine so erstaunliche Wirkung wie Luigi auf mich hatte. Er war so klein, aber jeder, wirklich jeder, hat auf ihn gehört und gemacht, was er wollte. Dass Luigi mich ausgenutzt hat und ich sein Handlanger war, habe ich erst viel später verstanden. Heute, da ich keine Drogen mehr nehme, habe ich auch keinen Kontakt mehr zu Luigi – das sagt, denke ich, schon alles.
Ich war dabei bei der Geburt meiner Kinder - und habe nichts gespürt.
Ein Blick ins Portemonnaie verrät den Kokainsüchtigen, sagt Marco. 
Ein Blick ins Portemonnaie verrät den Kokainsüchtigen, sagt Marco. 
Für mich begann eine klassische Drogenkarriere – mit Knast und Leben auf der Strasse. Ich führte eine Beziehung und meine Freundin wurde zweimal schwanger - ungeplant. Ich war dabei bei der Geburt – und habe nichts gespürt. Das ist es, was ich heute am meisten bereue an meiner Drogenkarriere – ich bin Vater geworden und habe mich nur betäubt. Die Frau hat mich verlassen und erpresst – die Kinder durfte ich nur sehen, wenn ich ihr regelmässig sehr viel Geld gab. So ging das mit den Drogen und dem Dealen also weiter für mich. Ich bin eigentlich nur noch für das Kokain aufgestanden.

Bis ich meine heutige Frau, meine grosse Liebe, getroffen habe. Erst sie stellte mich vor die Wahl: das Kokain oder ich. Für mich war das eine sehr schwere Entscheidung. Ich begann einen sehr schmerzhaften und qualvollen kalten Entzug – ganz ohne ärztliche oder psychologische Hilfe. Allerdings mit Antidepressiva vom Schwarzmarkt.

Liebe Eltern: Kokain hinterlässt wenig Spuren!

Jetzt bin ich seit 6 Monaten clean. Meine Kinder sind jetzt drei und eineinhalb Jahre alt. Ich sehe sie regelmässig, und ich hoffe, dass ich zu ihnen noch aufbauen kann, was andere Eltern mit ihren Kindern haben. Diese Vatergefühle. Ich mag die Kinder. Sehr sogar. Aber mir fehlt der Bezug zu ihnen, und ich ahne langsam schmerzlich, was ich verpasst habe. Ich habe sie nicht aufwachsen sehen in diesen ersten Jahren. Ich war zwar körperlich dabei – aber zugedröhnt, emotional total betäubt.

Eltern möchte ich vor allem sagen: Es gibt nicht nur Kiffen und Alkohol. Das sind Drogen, die ihr euren Kindern anseht. Kokain aber hinterlässt äusserlich wenig Spuren – ausser vielleicht einer ständig laufenden Nase. Ich war immer gesund und stark. Als ich meiner Mutter gesagt habe, dass ich abhängig von Kokain war, ist sie aus allen Wolken gefallen – sie und mein Vater hatten nichts gemerkt.
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Ob ich meine Kinder von Drogen abhalten kann, weiss ich nicht. Bei mir hätte das niemand geschafft.
Dabei hätte ein Blick in mein Portemonnaie gereicht. Alle Bankkarten waren kaputt vom Zusammenkratzen des Pulvers. Alle Geldscheine waren offensichtlich schon einmal gerollt worden. Ich weiss, dass Pädagogen etwas Anderes sagen, aber ich als ehemals Süchtiger sage: Kontrolliert eure Kinder, wenn sie euch verändert vorkommen! Kontrolle ist schlimm, ja. Aber Kokain ist noch schlimmer. Prävention ist schön – ich hoffe, dass ihr alle euren Kindern das Gefühl gebt, dass sie etwas Besonderes sind. Dass ihr sie immer wieder in den Mittelpunkt rückt. Nur kann es leider trotzdem passieren, dass ein Luigi daherkommt und ihnen noch viel mehr das Gefühl gibt, etwas ganz Einzigartiges zu sein.

Wenn meine Kinder gross sind, werde ich ihnen erzählen, was mir passiert ist. Und vor allem, wie sehr einen die Droge zerstört, warum ich unbedingt aufhören musste. Aber ob ich sie davon abhalten kann, es selbst einmal zu probieren, weiss ich nicht. Ich wünsche es mir! Aber ich glaube, mich hätte niemand aufhalten können.
Bilder: zVg, * Name von der Redaktion angepasst.

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