Einzelkind? Zwei? Oder gar drei?

Kaum ist das erste Kind da, fragt das Umfeld nach Geschwistern. Michèle Binswanger macht sich Gedanken, ob es Sinn macht weitere Kinder in die Welt zu setzen.
Wer ein Kind bekommt, sieht sich meist schneller als ihm lieb ist vor die Frage gestellt, ob es ein Einzelkind bleiben soll. Nüchtern betrachtet spricht wenig für Geschwister, die nur weitere Einschränkungen auf der ganzen Linie bedeuten: noch weniger Zeit für Karriere, Selbstverwirklichung und Spass, ganz zu schweigen davon, dass man nochmals mehr Platz, Geld und Nerven braucht. (Oder schon zu alt, alleinerziehend oder gesundheitlich nicht in der Lage ist.) Das sind gute Gründe. Aber noch bessere sprechen für mindestens ein zweites Kind.
 
Natürlich bedeuten mehr Kinder auch mehr Arbeit. Zudem steht die Entscheidung für das Zweite meist genau dann an, wenn man gerade abgestillt, zum ersten Mal seit Monaten wieder durchgeschlafen und sich im allgemeinen Baby-Chaos eingerichtet hat. Kommt dann das Zweite, hat dieses grundsätzlich andere Startbedingungen. Während die Erstgeborenen von allen Englein des Himmels mit allergrösster Sorgfalt auf dem wunderzarten Blumenbett der ersten elterlichen Liebe sanft darniedergelegt werden, landen die Zweiten, vom Bomberpiloten per Schleudersitz abgeworfen, im Schlachtfeld einer schon existierenden Familie. Da heisst es dann: Oh, schön, dass du da bist. Aber jetzt auf in den Kampf. Erstaunlicherweise scheint das die perfekte Vorbereitung fürs spätere Leben.
Einzelkinder wirken oft wie besonders pflegeaufwändige Haustiere.
Als ich mir die Frage nach dem zweiten Kind stellte, warnte mich ein Freund: Es gibt nichts Spiessigeres als Einkindfamilien. Damals hatte ich keine Ahnung, was er meinte. Was spiessig genau bedeuten soll, weiss ich zwar nach wie vor nicht. Dennoch beneide ich die Eltern von Einzelkindern kein bisschen. Und noch weniger das Einzelkind, das in solchen Konstellationen oft wie ein besonders exotisches und pflegeaufwändiges Haustier wirkt.
 
Was die Einzelexistenz für ein Kind selbst bedeutet, hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Das Vorurteil besagt, sie seien egoistischer, schlechter angepasst, altklug, erwachsenenorientiert und verwöhnt. 

Belegen lässt sich, dass Einzelkinder häufiger in weniger stabilen Familien aufwachsen und als Erwachsene tendenziell weniger Freunde und Bekannte haben, als Kinder aus grösseren Familien. Sicher ist, dass ihnen ein gewisser Narzissmus in die Wiege gelegt wird, weil ihr Status in der Familie nie grundlegend relativiert wird. Ihre Position ist immer entweder zu stark oder zu schwach: das dritte Rad am Fahrrad, sofern die Partnerschaft lebendig ist, und wo das nicht der Fall ist, dient das Kind allzu oft als emotionaler Blitzableiter.

 
Vom meinem völlig unwissenschaftlichen aus, kann ich die zeitliche, finanzielle und emotionale Investition in ein zweites Kind nur empfehlen. Nicht nur zum Wohle des Kindes, sondern auch zum eigenen. Denn will man dem Einzelkind eine «artgerechte» Entwicklung ermöglichen, braucht es sowieso weitere Investitionen: Freundschaften mit anderen Kindern müssen gepflegt, Sozialkompetenzen trainiert werden. Und das obliegt dann natürlich alles den Erwachsenen.

Ich jedenfalls bin froh, kann ich die Kinderwelt meinen Kindern überlassen. Und mit meinem Mann (der übrigens ein Einzelkind war), die Erwachsenenwelt zelebrieren.

© Tages-Anzeiger/Mamablog


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Lesen Sie in unserem Dossier, ob Geschwister wichtig für die Entwicklung eines Kindes sind, fünf Mythen über Geschwister und wie man mit dauerndem Streit zwischen Bruder und Schwester umgehen kann. 


Zur Autorin
Michèle Binswanger ist Philosophin, Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel. 

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