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Medienerziehung

Daten schützen? Kinderleicht!

Ein Leben ohne Internet ist heute nicht mehr denkbar. Wie können wir schon Kindern beibringen, ihre Daten online zu schützen? «Seid Abenteurer unter fremden Namen!» und 10 weitere Tipps von Sicherheitsexperte Martin Hellweg. PLUS: 15 Plätze im Elternseminar des Profis gewinnen!
Text: Bianca Fritz
Datenschutz ist ein furchtbar unangenehmes Thema. Viele haben aufgehört, sich mit Sicherheitshinweisen und -tipps zu beschäftigen. Weil diese endlos und widersprüchlich erscheinen und einem unweigerlich das Gefühl geben, dass man das Internet sich und seinen Kindern am besten verbieten sollte. 

Umso erstaunlicher, dass gerade Sicherheitsexperte Martin Hellweg, der seine Daten so leidenschaftlich schützt wie kaum ein Zweiter, beim Treffen mit Fritz+Fränzi Handy und Laptop immer griffbereit hat. «Ich will den Menschen nicht den Spass verderben», betont er. «Ich will sie aber darauf aufmerksam machen, dass im Internet wirklich jeder eine öffentliche Person ist.» 

Normalerweise berät Hellweg Firmen oder Prominente, die Opfer einer digitalen Attacke wurden oder sich davor schützen wollen. Heute aber bricht er seine Tipps für Eltern herunter. «Je früher wir Kindern ein paar praktische Verhaltensregeln für das digitale Leben beibringen, umso besser», sagt er. Denn die Komplexität des digitalen Lebens ist bei Kindern noch überschaubar. Behörden oder Geheimdienste haben an dem, was Kinder tun, noch kein grosses Interesse. «Darum kann man zu­­nächst auf einige wenige Dinge fokussieren und diese Kindern spielerisch nahebringen», sagt Hellweg.
 
Seine zehn Tipps für Kinder und Eltern – plus ein Spezialtipp für die, die langsam erwachsen werden:

1. Seid Abenteurer unter fremdem Namen!

Es muss Kindern Spass machen, erfundene Namen anzunehmen und im Internet zu nutzen wie in einer Abenteuergeschichte. «Es gibt häufig keinen Grund, seinen echten Namen zu benutzen», sagt Hellweg. Die grossen Datenkraken wissen so zwar anhand der Geräte, die wir nutzen, wer da grad aktiv ist – aber jemand, der uns in Google nachschaut, kann uns nicht mehr so leicht auschecken. Das gilt zum Beispiel für den Arbeitgeber, bei dem sich der Jugendliche für eine Lehrstelle bewirbt.

2. Anwendungen nicht miteinander verknüpfen

Anwendungen sollte man niemals verknüpfen. Es sieht immer so harmlos aus und ist so herrlich bequem, wenn ein neues Programm anbietet: Loggen Sie sich mit Ihrem Facebook-Profil ein. Hellweg aber warnt: «Was nicht dort steht ist: Sie erlauben uns damit, Ihre Daten abzusaugen und mit Ihnen Werbung zu machen.» Darum: Für die neue Anwendung einen der zugelegten Fantasienamen mit einem neuen Passwort benutzen.

3. Sichere Passwörter

… haben mehr als zwölf Zeichen, haben nichts mit Geburtstagen oder dem Namen vom Sprössling zu tun, werden regelmässig aktualisiert und sind niemals, wirklich niemals dieselben für mehrere Konten. Wie soll man sich so viele komplexe Codes merken? Hellweg hat eine spannende Methode gefunden: Man stellt sich drei Fragen, davon eine, die sich auf die jeweilige Applikation, die man öffnen will, bezieht. Zum Beispiel: 
 
Was ist meine Lieblingsfarbe? Antwort: Gelb.
Was ist mein Lieblingstier? Antwort: Nashorn.
Was ist der erste Buchstabe der Ap­plikation, die dieses Passwort öffnen soll, und wie viele Buchstaben hat der Name der Applikation? Antwort etwa für Twitter: T und 7.
 
Nun hängt man die ersten beiden Antworten zusammen. Das ergibt: GelbNashorn. Die dritte Antwort fügt man an der Stelle ihrer Zahl ein,  hier also der siebten Stelle. Das  er­gibt «GelbNaT7shorn», ein schwierig zu knackendes Passwort, das noch sicherer wird, wenn man an einer festen Stelle auch noch ein Sonderzeichen einfügt oder z. B. für jedes a ein @, und würde dann so heissen: «GelbN@T7shorn».
  
Die ersten paar Male muss man beim Bilden des Passworts noch nachdenken – aber bald geht es von selbst. Man muss sich kein einziges Passwort mehr merken, nur die drei Fragen, und hat dennoch für jedes Konto ein komplett neues Passwort. Und: Will man die Passwörter nach ein paar Monaten wechseln, so legt man sich einfach neue Fragen zu. 
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4. Browse auch mal anonym

Was wir im Internet machen, sagt viel über uns aus. Die klar auf uns zugeschnittene Werbung, nachdem wir ein Produkt gegoogelt haben, ist das eine. Problematischer wird es, wenn Datenkraken diese Infos etwa an Versicherungen oder Banken verkaufen. Plötzlich gibt es dann keine Zusatzversicherung mehr, weil mein Kind sich für Risikosportarten inter­essiert oder ständig schwere Krankheiten googelt. Bringen Sie also Ihrem Kind bei, zwei Browser zu nutzen – den regulären für ungefährliche Anfragen und einen anonymen Browser für sensible Themen. Hellweg empfiehlt den Torbrowser: www.torproject.org.

5. Lerne zu löschen

Gerade Jugendliche sammeln gerne Apps auf ihrem Smartphone. Hinter fast jeder App steckt auch eine Anmeldung zu einem Internetkonto. Je grösser der Speicher des Smartphones, umso grösser die Gefahr, dass nie aussortiert wird. Jede dieser Apps aber sammelt Daten. Machen Sie es sich also zur Gewohnheit, alle paar Monate mit Ihrem Kind dessen Apps durchzugehen und zu fragen: «Was benutzt du noch?» Was nicht gebraucht wird, wird gelöscht. Wichtig: Zuerst das Konto löschen – das geht meist innerhalb der App. Erst dann die App runterwerfen. Dasselbe gilt übrigens auch für Programme auf dem PC. 

6. Sorgenkind WhatsApp

Für Datenschützer wie Martin Hellweg ist ausgerechnet die Lieblings-­App aller Jugendlichen ein Alptraum. WhatsApp ist so aufgebaut, dass es ohne den Zugriff auf alle Nummern im Telefonbuch nicht nutzbar ist. Und alle Daten laufen über Server fern der Heimat, die nicht dem Schweizer Datenschutz unterliegen. Ausserdem gehört das Netzwerk zu Facebook – und dass dieses Megaunternehmen mit den undurchdringlichen Datenschutzerklärungen die wertvollen Daten aus den scheinbar privaten Unterhaltungen nutzt, wissen wir spätestens, seit uns die Zustimmung zur Weiterleitung der WhatsApp-Daten an Facebook abgenötigt wurde. Sicherheitsexperte Hellweg empfiehlt daher ganz klar, auf die sicherere Variante Threema umzusteigen und dies auch allen Freunden zu raten. «Gerade bei Kindern ist der Zeitpunkt perfekt, weil sie sich in WhatsApp noch nicht etabliert haben. Threema kann das Gleiche, speichert aber die Kontaktdaten nicht bei sich. Und wer WhatsApp schon hat, kann ja zunächst beide Messenger parallel nutzen – bis endlich alle die Notwendigkeit erkannt haben.» Hellweg gibt übrigens jedem Freund, der Threema installiert, einen Drink aus – das wirkt.
Martin Hellweg, geboren 1967, gründete 2007 den Virtual Bodyguard - eine Firma, die sich auf den Schutz der Privatsphäre spezialisiert hat. Privat bereist er die Welt und macht Musik.
Martin Hellweg, geboren 1967, gründete 2007 den Virtual Bodyguard - eine Firma, die sich auf den Schutz der Privatsphäre spezialisiert hat. Privat bereist er die Welt und macht Musik.

7. GPS ausschalten

Viele Apps möchten über die Position des Handys Bescheid wissen. Beispiel Instagram: Wenn man es der App erlaubt, erstellt sie im Hintergrund eine Karte, die zeigt, wo welches Foto aufgenommen wurde. Und zwar auf die Hausnummer genau. Wer also oft zu Hause fotografiert, verrät auch seine Privatadresse. Was für Einbrecher besonders dann spannend ist, wenn plötzlich Ferien­fotos live gepostet werden … Also: GPS-Nutzung nur den Apps erlauben, die diese auch wirklich brauchen – zur Navigation zum Beispiel. Oder GPS ganz ausschalten und nur anmachen, wenn man es gerade braucht. Das spart auch Akku.

8. Bist du es wirklich?

Wenn jemand nach Informationen, Bildern oder gar Geld fragt, ist immer Skepsis angebracht. Selbst wenn die Nachricht vom Handy oder von der E-Mail-Adresse eines Freundes kommt. Handys können gestohlen und Mailkontos gehackt sein. Was hilft, ist die Bitte um einen kurzen Videochat. Oder man ruft auf dem Festnetz an, um nachzufragen.

9. Gegen unerwünschte Einblicke...

… hat Martin Hellweg ein einfaches Mittel: Kamera überdecken. Die Webcam an seinem Laptop ist mit einem kleinen Klebepunkt blockiert, den er nur abnimmt, wenn er die Kamera gerade benutzt. So kann ihn niemand in seiner Wohnung sehen, wenn er ihn nicht sehen soll – denn für Hacker ist das Aktivieren der Kamera ein Leichtes. Auch beim Smartphone braucht es ein Bewusstsein dafür, dass dieses jederzeit spicken und die Bilder verbreiten könnte. Eine Klapphülle schützt vor dem ständigen Blick der Frontkamera, und wenn das Handy mit der Rückenkamera auf dem Tisch liegt oder in der Tasche bleibt, gibt das ebenfalls nur langweilige Bilder. 

10. Die erste eigene E-Mail-Adresse

Diese sollte laut Martin Hellweg nicht von einem Gratisanbieter sein. Denn diese leben vom Auswerten der Informationen, die sie aus den privaten E-Mails ziehen und an grosse Anbieter verkaufen. Dazu werden sie immer wieder von Hackern geknackt, die damit Schlimmes anstellen können. Um das zu verhindern, reserviert man sich für wenig Geld eine eigene Domain, z. B. mit VornameNachname.ch, und richtet dort E-Mail-Adressen ein, also zum Beispiel Rolf@RolfMuster.ch. «Eine Webseite muss man nicht aufschalten – aber später wird der Jugendliche dankbar sein, wenn er eine seriö­se Visitenkarte im Netz aufbauen möchte und die passende Domain schon besitzt», sagt Hellweg.

11. Spezialtipp: Tu nur, was du nicht lassen kannst!

Wird aus dem Kind ein Jugendlicher, wird es immer wichtiger, an die eigene Zukunft zu denken. Bei Erwachsenen ist dies der erste Tipp, den Hellweg gibt: Bei allem Handeln abwägen, ob das digitale Risiko und die möglichen Kosten in einem gesunden Verhältnis zum Nutzen stehen. «Es ist manchmal erschreckend, dass wir für einen digitalen Kick bereit sind, uns eine mögliche Zukunft zu ruinieren», sagt Hellweg. Hier sieht er aber auch eine der grössten Herausforderungen für die Eltern – und deshalb steht der Tipp hier zum Schluss: Wie macht man Jugendlichen klar, dass ihr Handeln im Internet wie ein digitales Tattoo ist? Das Bikinibild zu posten, mag sich für den Moment cool anfühlen und Komplimente einbringen. Aber das Bild kann einen auch ein Leben lang begleiten und ist potenziell für jeden sichtbar. Also fragen Sie Ihr Kind doch mal: «Würdest du dieses Bild auch im Grossverteiler platzieren, wo es dein Leben lang aufhängt?»

Bild: iStockphoto

Karten gewinnen! Elternseminar mit Martin Hellweg

Am Freitag, 7. April 2017, von 16 bis 19 Uhr gibt Martin Hellweg in Zürich gemeinsam mit dem Rechtsexperten Matthias Schwaibold  einen Workshop für Eltern zur Internetsicherheit von Kindern. Hier können auch individuelle Bedenken und Probleme angesprochen werden. Und das Buch «Safe Surfer» gibt es noch obendrauf. Fritz+Fränzi verlost 15 Karten für den Workshop (im Wert von je 80 Franken für einen Elternteil oder 120 Franken für ein Elternpaar).

Teilnahme auf www.fritzundfraenzi.ch/datenschutzseminar.

Die Gewinner werden Anfang März benachrichtigt. Wer kein Glück hatte, kann auch Tickets kaufen auf: www.vbodyguard.com/elternseminar.

Diese Tipps stellen nur eine Auswahl dar. Wenn aus Kindern Erwachsene werden, werden nach und nach immer mehr Sicherheitstipps wichtig. 52 hat Martin Hellweg in seinem Buch zusammengefasst:

Martin Hellweg: Safe Surfer. 52 Tipps zum Schutz Ihrer Privatsphäre im Digitalen Zeitalter. Econ, 2014. 190 Seiten, rund 18 Franken.

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