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Psychologie

«Jeder kann Achtsamkeit lernen» 

Der US-amerikanische Paar- und Familientherapeut Daniel Rechtschaffen hat «Mindful Education» gegründet, eine Plattform für Achtsamkeit sowie soziales und emotionales Lernen für Erzieher. Er erklärt, wie er Lehrpersonen hilft, in ihrem stressigen Berufsalltag besser zu bestehen, und wie selbst  Teenager für das Thema begeistert werden können. 
Interview: Claudia Füssler
Bilder: Roshan Adhihetty / 13 Photo, Herbert Zimmermann/13 Photo

Herr Rechtschaffen, Sie sagen, Achtsamkeit helfe den Lehrenden und den Lernenden gleichermassen. 

Achtsamkeit kann uns allen helfen, entspannter, konzentrierter und emotional ausgeglichener durch den Alltag zu gehen. Lehrende haben einen sehr anstrengenden Beruf, in dem es wichtig ist, nicht-reaktiv und mitfühlend agieren zu können. Achtsamkeit kann sie vor einem Burnout bewahren und ihnen gleichzeitig dabei helfen, sich besser auf ihre Schüler einzustellen. Schüler wiederum können sich dank der Achtsam­keits­praxis besser auf den Unterricht und ihre Aufgaben konzentrieren. Sie verbessert ausserdem ihre sozialen Beziehungen. Allgemein kann man sagen, dass Achtsamkeit Kindern dabei hilft, glücklicher und weniger selbstkritisch zu sein. In Schulen, in denen Achtsamkeit gelehrt wird, erleben wir weniger Streit und ein insgesamt positiveres soziales Umfeld. 

Immer mehr Einrichtungen springen auf den Achtsamkeitszug auf und wollen Kurse für Kinder und Jugendliche anbieten. 

Dagegen ist an sich nichts einzuwenden. Doch es ist essenziell, dass jeder, der Achtsamkeit lehrt, sie vorher selbst gelernt hat. Unsere Kinder lernen am besten durch das, was wir sind, nicht durch das, was wir sagen. Der beste Weg, Achtsamkeit zu lehren, ist also, selbst achtsam zu sein. Dann, wenn wir selbst Mitgefühl und Aufmerksamkeit verkörpern, können wir die Lehren der Achtsamkeit weitergeben.

Kann denn wirklich jeder Achtsamkeit lernen? 

Wirklich jeder, ja. Es ist so einfach wie einen tiefen Atemzug zu nehmen oder kurz innezuhalten und auf ein Geräusch zu hören. Natürlich sind Zeit zum Üben und ein gut ausgebildeter Lehrer hilfreich. Aber für einen Einstieg können mitunter auch schon angeleitete kurze Übungen, wie es sie zum Beispiel in Apps gibt, genügen. Das kann durchaus auch Kindern helfen, ein bisschen runterzukommen und sich mit sich selbst zu verbinden.

Achtsam sein und in sich hineinhorchen – gerade Jugendliche verbinden damit oft eine Art esoterischen Hokuspokus und reagieren ablehnend. Wie gewinnen Sie diese für die Achtsamkeit? 

Für jüngere Kinder gilt: Wir müssen dieses Achtsamkeitsding lustig gestalten, sie sollen Spass haben. Sie imitieren zum Beispiel den Elefanten-Atem, den Spiderman-Atem oder den Prinzessinnen-Atem und lernen dabei, die unterschiedlichen Bewegungen zu spüren. Für Kinder und Jugendliche allgemein halten wir uns an die Regel, Achtsamkeit zu einem Spiel zu machen. Sie lernen am besten, wenn wir Gespräche über die Dinge führen, die sie beschäftigen. Wir reden über Beziehungen, Sport oder worüber auch immer sie reden möchten. Wir wecken ihr Interesse, indem wir ihnen zeigen, wie die innere Haltung der Achtsamkeit ihnen zum Beispiel dabei helfen kann, besser Fussball zu spielen oder mit mehr Selbstvertrauen in Gespräche zu gehen. 
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Sie unterrichten Achtsamkeit auf vielen Wegen – im Sport, durch Musik, durch das Erzählen von Geschichten. Ist eine dieser Methoden besser als die anderen? 

Nein, wir tun das, weil jeder auf eine unterschiedliche Art und Weise lernt. Daher ist es wichtig, auch Achtsamkeit auf verschiedene Weise zu lehren. Manchmal erkläre ich sogar, was bei Achtsamkeit im Gehirn passiert – manchen Kindern hilft es, die Idee zu verstehen. Andere Kinder begeistert es, wie Sportstars Achtsamkeit nutzen. Wieder andere lernen am besten, indem sie achtsame Bewegungen durchführen. Es ist sinnvoll, verschiedene Einstiege zur Achtsamkeit anzubieten. Sie führen alle zum selben Ort: der Präsenz im Hier und Jetzt. 

Wie kann Achtsamkeit eine Klasse oder gar eine ganze Schule verändern? 

Die Schulen, die Achtsamkeit integriert haben, berichten von einer insgesamt ruhigeren und entspannteren Atmosphäre. Das erreichen wir oft dadurch, dass wir einen Raum oder auch nur eine Ecke als «Achtsamkeitsort» einrichten. Das ist eine grossartige Möglichkeit für die Kinder: Sie können hierherkommen und Ruhe finden, wenn sie sich gestresst fühlen. Wir sollten Kindern mehr solche Angebote machen, die ihnen dabei helfen, sich selbst zu ordnen, wenn sie merken, dass sie gerade zu viel Energie haben.

Welche Rolle spielen die neuen Medien? Sie stehen ja den Ideen der Achtsamkeit völlig entgegen. 

Unsere moderne, durch Medien gesteuerte Kultur hat einen zutiefst ablenkenden, ja sogar süchtig machenden Charakter. Gerade hier kann aber die Achtsamkeit nützlich sein. Sie hilft Kindern und Erwachsenen zu erkennen, wann sie abgelenkt werden, und sich wieder auf das zu konzentrieren, was wichtig ist. Wenn wir merken, dass wir nicht da sind für uns selbst, unsere Freunde, unsere Familie und die wunderbare Welt um uns herum, ist das der erste Schritt, um es zu ändern. 

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Zur Person: 

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Daniel Rechtschaffen ist Gründer des Mindful Education Institute. Der Familien­therapeut gilt als einer der Pioniere in der Achtsamkeitsbewegung für Schüler und Lehrer und ist Verfasser des Ratgebers «Die achtsame Schule».

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