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Psychologie

Frühintervention bei Autismus: Die Eltern sind die Experten

Eine spezielle Frühintervention unterstützt bei autistischen Kindern eine normale Entwicklung. Mifne heisst der Ansatz. Ein Besuch bei der Mitbegründerin Hanna Alonim in Israel gibt Einblick in eine Therapie, bei der Eltern die Experten sind.
Text: Sarah King
Bild: Daniel Auf der Mauer / 13 Photo
Vorbei an Orangenbäumen und Lavendel führt eine Strasse steil durch die kleine
israelische Ortschaft Rosh Pina hinauf. Da, wo sie endet, soll für Eltern mit autistischen Kindern ein neues Leben beginnen. Das zumindest verspricht der Name des Mifne-Zentrums. Mifne heisst übersetzt «der Wendepunkt». Das grosse Backsteinhaus ruht erhaben auf dem
Hügel. In der Ferne erstreckt sich die Chulaebene, hinter ihr die Golanhöhen. Das einzige Geräusch erklingt von einem hölzernen Windspiel. 
Essprobleme gehören zu den
acht Frühzeichen bei
autistischen Störungen.
Das ist die Kulisse eines intensiven Therapieprogramms: 3 Wochen, 7 Tage die Woche, 8 Stunden am Tag arbeiten hier Eltern mit ihren autistischen Kleinkindern und therapeutischen
Fachpersonen. Dafür reisen sie oft von weit her an und zahlen 25 000 US-Dollar. Was ist die Besonderheit des Mifne-Ansatzes? Warum nehmen Eltern diesen Aufwand auf sich? Eine Besonderheit offenbart sich auf dem Schreibtisch der Autismusexpertin und Direktorin des Mifne-Zentrums, Dr. Hanna Alonim. In einem kleinen Fernseher läuft die Life-Aufnahme aus dem Therapieraum. Der 35-jährige Diego Barbosa* aus Brasilien ist mit seinem Sohn Rafael* ins Spiel vertieft. Rafael ist 1,5 Jahre.

Zeichen lassen sich früh erkennen

«Das Alter ist zentral», sagt Hanna Alonim. «Wir nehmen nur Kleinkinder bis 2-jährig.» Das war nicht immer so. Als die Psychologin 1987 das Mifne-Zentrum in Israel mitbegründete,
nahm sie auch ältere Kinder in Therapie. In ihrer 30-jährigen Arbeit mit autistischen Kindern und ihren Familien hat sich jedoch die Autismuslandschaft stark verändert – nicht zuletzt das Diagnosealter.
«Wir geben die Diagnose auch 1- bis 1,5-jährigen Kleinkindern», sagt Hanna Alonim. «Manche sagen, ein Kind so früh zu ‹etikettieren›, sei unverantwortlich. Wir wissen aber aus unseren Studien, dass 89 Prozent von 110 autistischen Kindern bereits im ersten Lebensjahr Frühzeichen aufgewiesen hatten.
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Und 2016 konnten wir mit einer Folgestudie nachweisen, dass bei einer Frühintervention in den ersten 24 Monaten ein Grossteil der Kinder eine altersentsprechende Entwicklung zeigt.» Hanna Alonim untermauert ihre Beobachtungen mit Studien aus der Hirnforschung. «Bis zum zweiten Lebensjahr wird das neuronale Netzwerk ausgebildet, auf dessen Grundlage sich die Persönlichkeit, die Lernfähigkeit und der IQ entwickeln. In dieser Zeit können wir am meisten Einfluss nehmen.» Die US-amerikanische Autismusforscherin Geraldine Dawson spricht im Zusammenhang mit Frühintervention gar von einer «präventiven Massnahme».

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