Helle Köpfe, dunkle Aussichten? Drei Mythen über Hochbegabung - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Helle Köpfe, dunkle Aussichten? Drei Mythen über Hochbegabung

Lesedauer: 4 Minuten

Über angebliche Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen Hochbegabter existieren zahlreiche Mythen. Wir haben uns drei davon genauer angesehen.

Mythos 1: Hochbegabung kann man am Verhalten erkennen

Bemühungen, Hochbegabung mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen in Verbindung bringen zu können, gibt es in der Wissenschaft schon lange. Dabei prägte vor allem der polnische Psychologe Kazimierz Dabrowski die Literatur, der in den 1960er Jahren den Begriff der «Overexcitability » begründete. In dieser Übererregbarkeit sah Dabrowski jene Eigenschaft, in der sich Hochbegabte von Normalbegabten am meisten unterscheiden. Im Wesentlichen nahm er dabei an, dass Hochbegabte über eine erblich bedingt erhöhte Erregbarkeit des zentralen Nervensystems verfügen und deshalb zu erhöhter Sensitivität neigen. 

Dabrowski zufolge gehen die sinnlichen und emotionalen Wahrnehmungen Hochbegabter deshalb weit über das übliche Mass hinaus, was sich in charakteristischen Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensweisen äussere. Die Liste dieser Merkmale ist lang. Zu den meistzitierten gehört etwa ein hohes Energielevel, das sich in rasantem Sprechtempo, Rastlosigkeit, aggressivem Verhalten oder einem geringen Schlafbedürfnis äussern kann. Auch will Dabrowski beobachtet haben, dass hochbegabte Kinder häufig über grossen Wissensdurst, ausgeprägte Fantasie, einen starken Sinn für Gerechtigkeit sowie über einen kritischen Geist verfügen. 

«Hochbegabte Kinder sind in erster Linie Kinder – mit Schwächen und Vorzügen, wie sie ihre Altersgenossen auch haben»

Detlef H. Rost, Professor für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg. 

Was hat es damit auf sich? «Für Dabrowskis Annahme, es bestehe ein Zusammenhang zwischen Hochbegabung und solchen Persönlichkeitsmerkmalen ausserhalb der kognitiven Fähigkeiten, existierten keine empirischen Beweise», sagt Letizia Gauck vom Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie an der Universität Basel.

«Trotzdem sind entsprechende Checklisten, die sich etwa an Eltern richten, in der Beratungspraxis gang und gäbe.» Dass deren Auswertung keine verlässlichen Rückschlüsse auf Unterschiede zwischen Normal- und Hochbegabten zulässt, zeigte unter anderem Christoph Perleth, Psychologieprofessor an der Universität Rostock. Sein Forschungsbericht legt nahe, dass weder ein verminderter Schlafbedarf noch Perfektionismus, Gerechtigkeitssinn oder das Auflehnen gegen Autoritäten brauchbare Hinweise für Hochbegabung sind. Von «unausrottbaren Mythen» spricht Detlef H. Rost. 

«Es gibt keinen belastbaren neuropsychologischen Befund, der Dabrowskis Spekulationen bestätigt. Wir haben empirisch zeigen können, dass sein Konzept der Übererregbarkeit zur Identifizierung von Hochbegabten unbrauchbar ist», sagt der Professor für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg. Rost leitet das Marburger Hochbegabtenprojekt, eine der grössten Langzeitstudien zum Thema Hochbegabung. Das hochbegabte Kind brauche nicht weniger Schlaf als andere, es sei weder hochsensibel noch wolle es unentwegt über Erwachsenenthemen reden, sagt Rost: «Hochbegabte Kinder sind in erster Linie Kinder – mit Schwächen und Vorzügen, wie sie ihre Altersgenossen auch haben.»


Dossier: Hochbegabung

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Als hochbegabt gilt ein Kind, wenn es einen IQ von mehr als 130 Punkten hat. Was bedeutet dies für seine schulische Laufbahn? Und wie muss es gefördert werden? Antworten und ­Hintergründe zum Thema Hochbegabung in unserem grossen Dossier.  


Mythos 2: Man sollte Hochbegabung möglichst rasch abklären

Die begabungsdiagnostische Beratungsstelle «Brain», die Rost an der Universität Marburg leitet, verzeichnet immer mehr Anrufe von Eltern, die ihren Nachwuchs optimal fördern möchten. «Viele sind verunsichert und wollen die Intelligenz ihres Kindes möglichst früh testen lassen», sagt Rost. «Aber man geht ja auch nicht zum Arzt, um ‹nur so› messen zu lassen, wie gross die Milz ist.» Eine Begabungsdiagnostik sei dann angezeigt, wenn etwa die Frage im Raum stehe, ob ein Kind eine Klasse überspringen oder frühzeitig eingeschult werden soll. Die weit verbreitete Annahme, wonach Langeweile in der Schule ein Indiz für Hochbegabung sei, lässt Rost nicht gelten. 

Die Diskussion über Hochbegabung wird meist nur am problematischen Einzelfall statt mit Bezug auf die aktuelle Forschungslage diskutiert.

Für die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm lautet die entscheidende Frage, wie es dem Kind geht. «In unserem Land wird Hochbegabung mit Hochgefährdung gleichgesetzt», sagt Stamm. «So ist es verständlich, dass Eltern oder Lehrkräfte schon beim geringsten ‹Verdacht› nach diagnostischer Abklärung suchen, ohne zu überlegen, ob eine nachfolgende Förderung erwünscht, möglich oder  jedoch aus verschiedenen Gründen überflüssig oder problematisch sein.

Überflüssig sei sie etwa, wenn sich das Kind insgesamt problemlos entwickle oder sich gegen eine Abklärung ausspreche, problematisch dann, wenn die Feststellung der Hochbegabung zu einer Etikettierung, nicht aber zu geeigneten Fördermassnahmen führe.

Eine Tendenz, hinter unerwünschten Verhaltensweisen eine Diagnose zu vermuten oder dafür wenigstens ein Etikett zu bemühen, beobachtet Gauck in ihrer Beratung: Das kann in Pattsituationen münden, wo die Lehrperson zum Beispiel vorschnell auf ADHS schliesst und die Eltern mit dem Verdacht auf Hochbegabung dagegenhalten.

Konzentrationsstörungen, Aggressionen, sozialer Rückzug oder Unwohlsein
: Träten solche Verhaltensweisen häufiger auf als bei Gleichaltrigen und belasteten das Kind oder sein Umfeld, sei dies ein guter Grund für den Gang zur Psychologin – aber für Laien noch kein Anlass, eine Diagnose in den Raum zu stellen.

Mythos 3: Hochbegabte haben es im sozialen Miteinander schwer

Die angeblich von Aristoteles formulierte Behauptung, wonach besonders helle Köpfe immer mit einem Schuss Wahnsinn ausgestattet seien, hält sich bis heute hartnäckig. So ist es wenig erstaunlich, dass man Hochbegabten nachsagt, sie seien anfällig für soziale oder psychische Probleme. Die Wissenschaft zeigt aber ein anderes Bild: Abgesehen von ihren hohen kognitiven Fähigkeiten unterscheiden sich Hochbegabte kaum von anderen Menschen.

Hochbegabung sei in der Regel kein Problem-, sondern ein Glücksfall, so Wissenschaftler. Dies zeigt bereits die älteste Langzeitstudie, die der US-Psychologe Lewis Terman 1921 startete. Die Probanden, etwas über 1500 hochbegabte Kinder, wurden bis ins hohe Alter regelmässig untersucht. 

Der Befund? Sie erzielten überdurchschnittlich gute Schul- und Studienleistungen, und ein überproportional hoher Anteil von ihnen arbeitete später in hochqualifizierten Berufen. Die Terman- Studie stellte auch fest, dass Hochbegabte in der Regel über einen besseren Gesundheitszustand verfügten und weniger von ihnen unter emotionalen Problemen oder Persönlichkeitsstörungen litten als durchschnittlich Intelligente. 

Abgesehen von ihren hohen kognitiven Fähigkeiten unterscheiden sich Hochbegabte kaum von anderen Menschen. 

Ähnliche Schlüsse zieht Rost aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt. Zusammenfassend können Hochbegabte als sozial unauffäullig, psychisch stabil und selbstbewusst charakterisiert werden, sagt der Forscher. Die Frage, ob sie Schwierigkeiten im sozialen Umgang hätten, verneint Rost klar. So sähen sich hochbegabte Kinder und Jugendliche nicht als soziale Aussenseiter, auch ihre Lehrer bewerteten ihre Integration im Klassenverband als gut.

Die Diskussion über Hochbegabung werde meist ausschliesslich am problematischen Einzelfall statt mit Bezug auf die aktuelle Forschungslage diskutiert, moniert Erziehungswissenschaftlerin Stamm: Dadurch entstehen neue ‹Theorien›, die zwischen Verklärung und Problematisierung schwanken und sich zu Alltagsvorstellungen über das hochbegabte Kind verdichten.

Problematisch seien diese Vorstellungen deshalb, weil sie auf der Erfahrung mit Klienten aus Beratungspraxen beruhten. Sie basierten damit auf Daten, die nicht repräsentativ, sondern vorselektioniert seien, was zu systematisch verzerrten Ergebnissen führe: Diese berücksichtigen kaum, dass diejenigen Kinder und Jugendlichen, die keine Probleme mit ihrer Hochbegabung haben, nicht einbezogen werden. Solche einseitigen Standpunkte tragen dazu bei, dass Hochbegabung zunehmend als Ursache für eine breite Palette von Problemen herangezogen wird, sagt Stamm.


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