Herr Hüther, wie lernen Kinder Inspiration?

Eltern stehen heute unter höherem Erfolgsdruck als noch ihre Mütter und Väter. Der Grund hierfür liegt in den stetig steigenden Ansprüchen unserer Leistungsgesellschaft. Warum es aber mehr schadet als nutzt, seine Kinder stetig begleiten und fördern zu wollen, und was diese stattdessen brauchen, um ihr gesamtes geistiges Potenzial entfalten zu können, erklärt der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther.
Ein Dienstagmittag in Stuttgart. Taxis, Busse, der Regen treibt hastende Passanten vor sich her. Nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt liegt das Althoff Hotel am Schlossgarten, die Lobby in warmen Brauntönen gehalten, gemütliche Sessel, gedämpftes Licht – angenehm warm und trocken. Ein gross gewachsener Mann tritt durch die Drehtür, Wassertropfen perlen am Trenchcoat ab, versinken im bordeauxroten Teppich. Er lächelt und streckt die Hand aus: «Gerald Hüther, wohin wollen wir uns setzen?»

Herr Hüther, von Ihnen stammt die Aussage, dass «die Zeit der Einzelkämpfer in der Arbeitswelt vorbei ist». Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten müssen Eltern ihren Kindern vermitteln, damit sie später im Berufsleben erfolgreich und glücklich bestehen können?
Bei den Unternehmen verändert sich vieles. Jene, die zur Erreichung kurzfristiger Ziele auf Peitsche und Incentives setzen, gibt es zwar immer noch, ich sehe aber auch viele, die ganz ernsthaft auf Beziehungskultur setzen. Unternehmen, in denen die Mitarbeiter ihren eigenen Lohn mitbestimmen, in denen Führungskräfte einen Teil der Boni an ihr Team abgeben, die bei ihren Mitarbeitern auf Eigenverantwortung, Eigenständigkeit und Kreativität setzen. Diese neue Arbeitswelt wächst rasch, es ist die Zukunft. Leider stelle ich fest, dass Eltern ihre Kinder nicht nach diesen neuen Massstäben erziehen.

Wonach denn dann?
Nach den Wertvorstellungen und Erziehungsmethoden, die sie selbst in ihrer eigenen Kindheit und Jugend erfahren haben. Dabei stehen Eltern heute unter einem viel höheren Druck als ihre eigenen Eltern damals.

Wie meinen Sie das?

Zum einen haben Kinder eine viel höhere Bedeutung erlangt und sind damit sehr in den Fokus der elterlichen Bemühungen geraten. Zum anderen wissen Eltern um den hohen Konkurrenzdruck, der in unserer Leistungsgesellschaft herrscht, und um die Notwendigkeit, Kinder gut durch unser Bildungssystem führen zu müssen, damit sie später ihren Platz finden. Als ich Kind war, hatten meine Eltern anderes zu tun, als sich dauernd um mein Fortkommen zu kümmern. Somit ist nicht nur der Stellenwert der Kinder gewachsen, sondern auch die Angst der Eltern, dass es nicht klappt. Das ist eine sehr prekäre Mischung, die dazu verleitet – vielleicht wider besserer Vorsätze – auf Bewährtes zurückzugreifen, auf Erziehungsprinzipien, die man selbst in seiner Kindheit erlebt hat.

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