Grenzenlose Liebe ohne Vorurteile?  - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Grenzenlose Liebe ohne Vorurteile? 

Lesedauer: 5 Minuten

Wenn sich zwei Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen ineinander verlieben, stossen sie nicht selten auf Vorurteile. Doch wie entstehen diese? Und wie können Vorurteile überwunden werden?

Freya schwärmt schon lange für Konstantin, 16. Als die 15-Jährige erfährt, dass es ihm ebenso ergeht, ist sie überrascht und glücklich. Als sie Konstantin jedoch ihren Eltern als festen Freund vorstellt, erlebt sie eine herbe Enttäuschung. Dass Konstantin aus dem ehemaligen Jugoslawien kommt und bekennender Muslim ist, spielt für Freya keine Rolle. Sie liebt ihn. Sie selbst war als Diplomatentochter viel in der Welt unterwegs, erst vor zwei Jahren entschieden sich ihre Eltern, zurück in die Schweiz zu kommen. 

Die Mutter kennt Konstantin nur flüchtig. Vertraut aber ihrer Intuition.

Dass sie nun gegen ihre Beziehung sind, weil Konstantin einer anderen Religion angehört, ist für Freya ein Schock. Besonders Freyas Mutter macht ihrer Tochter klar, dass sie nichts gegen eine romantische Beziehung habe, mit der Beziehung zu Konstantin jedoch nicht einverstanden sei. Was sie ihrer Tochter jedoch nicht sagt, ist, dass ihre Reaktion für sie selbst überraschend ist. Als Mutter will sie nur das Beste für ihr Kind. Der Gedanke, ihrer Tochter in Sachen Liebe etwas vorzuschreiben, erschreckt sie, doch fühlt es sich in diesem Fall richtig an. Sie kennt Konstantin nur flüchtig, von einem ersten Treffen abgesehen, sind die Eindrücke spärlich. Die Mutter vertraut mehr ihrer Intuition. Ausserdem ist ihr der Gedanke, dass ihre Enkelsöhne irgendwann beschnitten werden könnten, sehr fremd.

Unsichtbare Mauern

Freya und Konstantin sind nur ein Beispiel. Konstantin könnte auch Yusuf oder Jamal heissen, dunkelhäutig sein oder aus China kommen. Vielleicht spräche er einen arabischen Dialekt oder Swahili. Vielleicht hätte sich die Familie von Konstantin gegen seine Beziehung mit Freya gestellt. Bei allen Kombinationen bleibt, dass Stereotype schnell zu Vorurteilen führen und unsichtbare Mauern zwischen dem «Wir» und «den Anderen» entstehen (siehe Box am Ende des Artikels). Was Freya und Konstantin erleben, kann verschiedene Ursachen haben. Für das Paar ist es in erster Linie eine schmerzhafte Enttäuschung über das Unverständnis für ihre Liebe. Ohne eine bestimmte Absicht durchbricht ihre Zuneigung zueinander die Grenze zwischen dem «Wir» der Mutter und «den Anderen». Nun stehen der Partnerschaft Vorurteile im Weg. Wie kann ein Umgang gefunden werden, der auf beiden Seiten Verständnis schafft?

Verschiedene Arten von Vorurteilen 

Ausgrenzung oder Diskriminierung findet entlang von (aus-)gedachten gesellschaftlichen Grenzen meistens zwischen einer Minderheit und einer Mehrheit statt. Erkennbar ist oft nur das abweisende Verhalten, da die Meinungen, wenn überhaupt, nur im Privaten offengelegt werden. Dabei können das äussere Verhalten und die innere Einstellung in unterschiedliche Richtungen zeigen. Die Sozialpsychologie unterscheidet deshalb bei Diskriminierung verschiedene Arten von Vorurteilen (siehe Box am Ende). Die Ungerechtigkeit für Freya und Konstantin ist, dass Freya als Diplomatentochter die Erwartung hat, seitens ihrer Eltern eine offene Haltung gegenüber einem Partner wie Konstantin zu treffen. Nun erlebt sie die Diskrepanz zwischen der Einstellung ihrer Mutter auf der Arbeit und im Privaten, ihrem beruflichen Umgang mit der Vielfalt der Welt und der Haltung gegenüber einem Mitglied innerhalb der eigenen Familie. Die Haltung der Mutter ist nachvollziehbar, doch wie kommt es dazu? Menschen brauchen, um der Komplexität der Umwelt Herr zu werden, schnell verfügbare und einfach strukturierte Informationen. 
Ohne dass Personen es bewusst bemerken, klassifiziert das Gehirn die soziale Umwelt in Gruppen und versieht sie mit einfach zugänglichen Informationen – den Stereotypen. Solche Stereotype sind hilfreich und notwendig. Sie erlauben schnelle Entscheidungen und geben Sicherheit durch die empfundene Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Sie rechtfertigen und schaffen zum Teil jedoch auch die ungleichen Machtverhältnisse in einer Gesellschaft. Häufig passiert zudem, dass diese «Filter» in der Wahrnehmung neue Informationen über eine soziale Gruppe nur in einer bestimmten Weise interpretieren lassen. Eine besondere Rolle spielen dabei aussergewöhnliche Ereignisse, wobei besonders auffällige Mitglieder einer Gruppe das Bild prägen. Die Mehrheit der Gruppe wird nicht wahrgenommen, bekommt aber dieselbe Bewertung. Einem solchen Urteil zufolge werden auf der einen Seite alle Informationen ausgeschlossen, die der eigenen Meinung widersprechen, und auf der anderen Seite bringen die Neuigkeiten, die in das Muster passen, Bestätigung für die eigenen Stereotypen. Die Welt wird nach einem einfachen und verfestigten Muster wahrgenommen («stereo» kommt vom Altgriechischen und bedeutet «fest, steif, solide»).

Grenzen überwinden

Im sozialen Bereich kann sich etwa ein gesellschaftliches Bild in «Wir» und «die Anderen» verfestigen. Dass Konstantin von Freyas Mutter nicht als Teil der eigenen Gruppe wahrgenommen wird, hat vielleicht mit ihren persönlichen Erfahrungen in der Vergangenheit zu tun. Vielleicht hat sich die Mutter ihre Meinung über die Gruppe «der Anderen» aus den Medienberichten gebildet. Sich einzugestehen, dass dies eine Rolle spielt, ist ein erster Schritt. Danach können viele weitere Schritte erfolgen, die den Weg für einen Abbau von Vorurteilen und Stereotypen ebnen. Als Elternteil können Sie ein Beispiel für die eigenen Kinder sein, wenn Sie an den eigenen Stereotypen arbeiten. In der Sozialpsychologie haben sich über die Zeit einige Empfehlungen herausgebildet, die die unsichtbaren Grenzen zwischen zwei Gruppen überwindbarer machen. Hierzu zählen die bewusste häufige und individuelle Begegnung mit Gruppenmitgliedern «der Anderen» in verschiedenen Situationen. Lassen Sie dabei die Vorurteile in Ihrem Bewusstsein hochkommen. Dabei können Sie Ihre eigenen Emotionen überprüfen.

Chancen und Risiken

Nehmen Sie sich Zeit und lassen Sie Ihre eigenen Eindrücke über die Begegnung mit den Menschen auf sich wirken. Versuchen Sie nicht, etwas «Typisches» zu finden oder den Eindruck entstehen zu lassen, dass gerade diese «Anderen» eine Ausnahme sind und nicht zu der Gruppe gehören, die Sie sonst befremdet. Somit gewinnen Sie neue Erfahrung und können die Gedanken und Gefühle Ihrer Kinder, die solche Begegnungen im schulischen Kontext einer multikulturellen Gesellschaft häufig erleben, aus einer anderen Position besser nachvollziehen. Zum Schluss die Frage: Mit wem konnten Sie sich in dieser Geschichte am besten identifizieren? War es Freya, Konstantin, das Paar oder doch die Mutter? Alle drei haben mit Hürden zu kämpfen. Was die Risiken und die Chancen in solchen Situationen sind, untersucht gerade eine Forschungsgruppe am Institut für Familienforschung und -beratung an der Universität Freiburg zusammen mit dem Institut für Empirische Religionsforschung der Universität Bern in einer Online-Studie (siehe auch Box weiter unten).

Bild: fotolia.com


Stereotyp und Vorurteil

  • Stereotypen: Annahmen über eine soziale Gruppe. Sie beinhalten Überzeugungen über typische Merkmale und Verhaltensweisen der Gruppe, die entweder (teilweise) zutreffen, aber auch gänzlich falsch sein können. Was immer zutrifft, ist, dass sie übertrieben und bewertend sind. Die Bewertung einer Gruppe aufgrund von verbreiteten Annahmen führt schliesslich zu Vorurteilen. 
  • Vorurteile: Eine positive oder negative Bewertung einer sozialen Gruppe und ihrer Mitglieder. Vorurteile führen seltener zu bevorzugendem, oft zu benachteiligendem Verhalten gegenüber einer Gruppe oder einem Gruppenmitglied.

    Arten von Vorurteilen

    Klassisches Vorurteil: Jemand ist gegen bestimmte Menschen, äussert es öffentlich und verbirgt seine innere Einstellung nicht. Dass dabei bestimmte Menschen diskriminiert werden, ist dieser Person klar.

    Modernes Vorurteil: Jemand ist negativ eingestellt gegenüber einer bestimmten Gruppe von Menschen, möchte dies jedoch nicht öffentlich zeigen. Er oder sie verbirgt seine innere Einstellung und leugnet dabei die Tatsache der Diskriminierung.

    Aversives Vorurteil: Jemand hat eine negative Einstellung gegenüber einer bestimmten Gruppe Menschen, sagt nach aussen jedoch, dass diese Menschen diskriminiert werden und deshalb positiv gesehen werden müssen. Er oder sie muss sich anstrengen, seine/ihre innere Einstellung zu verbergen. Der Widerspruch zwischen innerer und äusserer Einstellung wird in diesem Fall als Aversion bezeichnet.


Studie: Ein Paar – zwei Religionen 

In einem interdisziplinären Projekt untersuchen Psychologen und Religionswissenschaftler, was zum Gelingen einer interreligiösen oder interkulturellen Partnerschaft beiträgt und welche Risiken zum Scheitern führen. In einer breit angelegten Online-Umfrage werden individuelle und paarpsychologische, religiöse sowie soziologische Aspekte untersucht. Paare und Einzelteilnehmer bekommen ein wissenschaftlich fundiertes Feedback zu ihren Angaben. Die Studie wird vom Schweizerischen Nationalfonds gefördert und läuft ab sofort bis Ende 2018. Gesucht werden Paare, die einen unterschiedlichen religiösen oder kulturellen Hintergrund haben, oder Personen, die in einer solchen Partnerschaft waren. Die Studie führen das Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg und das Institut für Empirische Religionswissenschaft der Universität Bern duch.

Mehr Informationen sowie den Link zur Studie finden Sie unter: www.paare.unibe.ch.


Die Autoren:

Maximiliane Uhlich ist Psychologin und Doktorandin im Forschungsprojekt «Interkulturelle und interreligiöse Partnerschaften» am Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg. Sie forscht über das Funktionieren von Beziehungen.
Maximiliane Uhlich ist Psychologin und Doktorandin im Forschungsprojekt «Interkulturelle und interreligiöse Partnerschaften» am Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg. Sie forscht über das Funktionieren von Beziehungen.
Michael Ackert hat Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. Er promoviert zurzeit am Institut für Familienforschungund -beratung der Universität Freiburg zum Thema Wertetransformation in interreligiösen Partnerschaften.
Michael Ackert hat Psychologie an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. Er promoviert zurzeit am Institut für Familienforschung
und -beratung der Universität Freiburg zum Thema Wertetransformation in interreligiösen Partnerschaften.

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