Ernährung

Heuschnupfen: Immuntherapie und weitere Behandlungsmöglichkeiten

Jedes fünfte Kind in der Schweiz leidet an einer Pollenallergie. Die Symptome treten meist im Frühjahr oder Sommer auf, eine spezifische Immuntherapie sollte im Herbst gestartet werden. Alternativ oder ergänzend gibt es weitere Behandlungsmöglichkeiten, die gut und vor allem nebenwirkungsarm helfen können.
Text: Anja Lang
Bilder: Getty Images
Völlig gerädert tappt Lena ins Bad. Sie hat kaum geschlafen, ihre Nase ist zu, die Augen jucken und sind rot verquollen. Seit letztem Jahr hat die Siebenjährige Heuschnupfen, und wenn die Birkenpollen fliegen, sind die Beschwerden besonders schlimm.

«Erste Symptome um den Einschulungstermin herum sind inzwischen schon fast typisch für den Beginn von Heuschnupfen», weiss Dr. Miriam Hoernes, Kinderallergologin mit Praxis in Zürich. «Heuschnupfen hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen, und die Patienten werden immer jünger.»

Inwiefern helfen antiallergische Medikamente?

Auch wenn Heuschnupfensymptome vergleichsweise harmlos sind, sollten sie frühzeitig ärztlich behandelt werden. «Zum einen belasten die Beschwerden den Alltag der Kinder stark», sagt Hoernes, «zum anderen kann es zu einem ‹Etagenwechsel› kommen, bei dem sich aus dem allergischen Schnupfen ein allergisches Asthma entwickelt.»

Wie bei jeder Allergie sollten auch Heuschnupfen-Patienten den Kontakt mit dem allergieauslösenden Stoff meiden. In der Praxis ist das aber nicht immer möglich. «Um die Heuschnupfen-Symptome zu lindern, stehen für Kinder deshalb antiallergische Medikamente in Form von antihistaminhaltigen Augentropfen sowie kortisonhaltigen Nasensprays zur Verfügung, die lokal gut wirken», erklärt Hoernes. «Darüber hinaus kann der Wirkstoff Antihistamin auch als Tablette, Saft oder Tropfen eingenommen werden, um das Auftreten allergischer Symptome, verursacht durch die körpereigene Ausschüttung von Histamin, schnell und langandauernd im ganzen Körper zu unterdrücken.»

Welche Nebenwirkungen haben konventionelle Medikamente?

Wie jedes Medikament können aber auch Antiallergika unerwünschte Nebenwirkungen verursachen. «Kortisonhaltige Nasensprays können auf Dauer die Nasenschleimhaut verändern und Allergietabletten können müde machen», sagt Prof. Ursula Wolf, Direktorin des Instituts für Komplementäre und Integrative Medizin an der Universität Bern. «Deshalb ist es sinnvoll, auch weitere Behandlungsmöglichkeiten zu kennen, die besonders nebenwirkungsarm helfen und ergänzend oder alternativ zur Behandlung mit konventionellen Medikamenten eingesetzt werden können.»

«Als besonders wirksam gegen Heuschnupfen hat sich zum Beispiel ein pflanzliches Medikament aus Pestwurz erwiesen», erklärt Wolf. «Es wirkt ähnlich wie Antihistaminika, macht aber deut­lich weniger müde.» Eingesetzt wer­ den können auch homöopathische Präparate. «Gerade bei kleinen Kin­dern kann eine deutliche Besserung der Symptome bereits nach zwei bis drei Tagen beobachtet werden.» Positive Erfahrungen hat die Insti­tutsdirektorin auch mit einem anth­roposophischen Medikament auf Basis von Zitronen­ und Quitten­extrakt gemacht. «In einer Studie konnte eine Verbesserung der Sym­ptome bei zwei Drittel der Patienten gemessen werden», so Wolf. «Dar­über hinaus können Heuschnupfen­beschwerden auch durch Akupunk­tur gut und nebenwirkungsarm gelindert werden.»

Kindliche Fantasie unterstützt die Wirkung von Hypnose

Was weniger bekannt ist: Auch Hyp­nose wird gegen Heuschnupfenbe­schwerden eingesetzt. «Die Wirkung beruht auf Autosuggestion, also Selbstbeeinflussung», erklärt Dr. Heinz Rüegg, Facharzt für Allgemei­ne Innere Medizin mit Fähigkeits­ausweis für medizinische Hypnose. «Gerade Kinder mit ihrer natürli­chen Fantasie und Vorstellungskraft reagieren erstaunlich gut, wodurch Symptome gemildert werden kön­nen». Die Allergie selbst kann aber Hypnose nicht heilen.

Wer tatsächlich etwas gegen die Ursachen des Heuschnupfens unter­ nehmen möchte, dem bleibt als bis­lang als einzige Möglichkeit die spe­zifische Immuntherapie (SIT), auch Hyposensibilisierung genannt. Bei dieser vergleichsweise aufwendigen Behandlung wird der Körper all­mählich an den allergieauslösenden Stoff gewöhnt, mit dem Ziel, die all­ergischen Reaktionen abzuschwä­chen und bestenfalls komplett aus­zuschalten. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer Allergieimpfung. «Die SIT kann bei Kindern ab einem Alter von fünf Jahren durchgeführt werden», erklärt Hoernes. «Da Kinder über ein noch lernendes Immunsystem verfügen, zeigen sich bei diesen in der Regel weniger Nebenwirkungen als im Erwachsenenalter.» Ausser­ dem gibt es Hinweise darauf, dass eine frühe Desensibilisierung das Risiko für weitere Pollenallergien sowie die Entwicklung eines allergi­schen Asthmas senkt.
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«Über neun Wochen wird das jeweilige Allergen in ansteigender Dosis ein­ mal pro Woche in den Oberarm gespritzt.»
Dr. Miriam Hoernes, Kinderallergologin über die SIT
Gestartet wird die Immunthera­pie immer in der weitgehend pollen­freien Zeit von Oktober bis Januar. «Bis zur nächsten Blütezeit der beschwerdeauslösenden Pollen solle möglichst ein Abstand von zwei bis drei Monaten bestehen», sagt die Allergieexpertin. «Über neun Wochen wird dann das jeweilige Allergen in ansteigender Dosis ein­ mal pro Woche in den Oberarm gespritzt.»

Wie lange hält eine Therapie an?

Die SIT kann ganzjährig oder bei reinen Pollenallergikern auch als prä­saisonale Kurzzeittherapie durch­geführt werden. «Wir bevorzugen bei Kindern mit Pollenallergie die kürzere Variante», sagt Hoernes. «Sicher­heitshalber sollten die Kinder nach jeder Injektion etwa 30 Minuten zur Beobachtung in der Praxis bleiben. Körperlich anstrengende Tätigkeiten wie Sport, Sauna etcetera sind an diesem Tag tabu.»

Bei der Ganzjahrestherapie schliesst an die Aufbaubehandlung eine monatliche Auffrischung bis zum Abschluss der Therapie an. Bei der Kurzzeittherapie wird die neun­ wöchige Behandlung erst im darauf­ folgenden Herbst/Winter wieder­holt. «Um die gewünschte Wirkung zu erzielen, müssen beide Behand­lungsformen mindestens drei Jahre hintereinander durchgeführt wer­den», betont Hoernes.
Schnupfen, Niesattacken, tränende Augen: Pollen können den Kinderalltag stark belasten.
Schnupfen, Niesattacken, tränende Augen: Pollen können den Kinderalltag stark belasten.
Alternativ zur Immuntherapie mit Spritzen, können die Allergene auch in Form von Tabletten oder Tropfen gegeben werden. Das hört sich erstmal vorteilhaft an, hat aber auch seine Tücken. «Um optimal wirken zu können, müssen die Trop­fen oder Tabletten zwei bis drei Minuten lang unter der Zunge im Mund belassen werden», erklärt Hoernes. «Das fällt vielen Kindern vor allem bei den Tropfen ziemlich schwer.» Ausserdem müssen die Tropfen oder Tabletten täglich ein­genommen werden und zwar die komplette Pollensaison über. «Drit­tens können im Mund­, Hals­ und Magen­-Darm-­Bereich allergische Reaktionen in Form von Juckreiz auftreten», ergänzt die Allergologin. «Viele Patienten entscheiden sich dann doch lieber für die Behandlung mit Spritzen.»

Auch Symptombekämpfung kann nachhaltig wirken

Die SIT wird insgesamt gut vertragen und ist nachweislich wirksam. «Gemäss unseren Erfahrungen in der Praxis zeigen sich bei 25 Prozent der Patienten keine Symptome mehr, bei bis zu 25 Prozent deutlich weniger Symptome und bei weiteren 25 Prozent zumindest leichte Verbesserungen», sagt Hoernes. Nur ein Viertel der behandelten Patienten verspürt keinerlei Wirkung. «Grundsätzlich besteht hier die Möglichkeit, die spezifische Immuntherapie mit einem eventuell besser passenden Substrat in anderer Zusammensetzung zu wiederholen», erklärt Hoernes. Alternativ zu dieser Behandlung bleibt Betroffenen die Möglichkeit, die Symptome zu bekämpfen. Ursula Wolf: «Gerade bei der Anwendung komplementärmedizinischer Verfahren werden die Beschwerden oft von Jahr zu Jahr besser.»

Zur Autorin:

Anja Lang ist langjährige Medizinjournalistin. Sie ist Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München.

Weitere Informationen:

Allergiezentrum Schweiz aha! www.aha.ch


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