«Das Stottern wächst sich nicht aus»

Stottern zeigt sich als Sprechstörung, die ab dem Jugendalter nicht mehr heilbar ist. Deshalb ändert sich im Teenageralter das Therapieziel: Die Jugendlichen sollen möglichst lernen, souverän mit dem Stottern und Sprechen umzugehen, sagt Wolfgang G. Braun von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich.
Herr Braun, was macht das Sprechen so schwierig?
Sprechen ist ein sehr komplexer Prozess. Sagt der Mensch nur schon allein den Laut A, braucht er dafür 160 Muskeln – für die Atmung, für die Stimme und für die Artikulation. 160 Muskeln, die das Gehirn innerhalb von Tausendstelsekunden koordinieren muss.

Was einem stotternden Menschen oft nicht gelingt. Was bedeutet Stottern aus fachlicher Sicht?
Stottern ist eine vielschichtige Erscheinung, und es gibt auch nicht den typischen Stotterer. Grundsätzlich zeigt sich Stottern als Sprechstörung, als ungewollte Unterbrechung des Redeflusses. Dabei beobachten wir im Wesentlichen drei Formen: Die Un…terbrechung, die Wi-Wi-Wi-Wiederholung von Buchstaben und Silben und die Deeeeeeehnung. Dazu können aber noch weitere Merkmale kommen, wie die Suche nach einfacheren Wörtern, der Gebrauch von Umschreibungen, der kommunikative Rückzug oder das Mitbewegen des Kopfes.

Worin liegen die Ursachen?
Aus der Zwillingsforschung wissen wir, dass oftmals eine Veranlagung zum Stottern vererbt wird, aber nicht das Stottern an sich. Die genetische Disposition alleine führt also noch nicht zu einem Stottern. Möglicherweise sind auch kleinste Schäden oder Veränderungen im Gehirn daran beteiligt und stören zum Beispiel die Koordination der am Sprechen beteiligten Muskeln. Unterscheiden muss man ursächliche und auslösende Faktoren. Der Wechsel in eine neue Klasse, die Geburt eines Geschwisters, ein Unfall, Schulstress oder die Scheidung der Eltern können Auslöser für das Stottern sein. Sie sind aber nicht die Ursache. Tritt das Stottern beim Kind dann auf, kann verunsicherndes Verhalten des Umfeldes das Stottern begünstigen und aufrechterhalten.

Wie meinen Sie das?
80 Prozent der Kinder machen zwischen dem dritten und sechsten Lebensjahr eine Phase durch, in der sie nicht flüssig sprechen. Bei einem Grossteil von ihnen geben sich diese Schwierigkeiten ganz von alleine. Fordern die Eltern ihr Kind jedoch ständig auf, langsamer und deutlich zu sprechen, machen sie es erst recht auf diese Störung aufmerksam, was dazu führen kann, dass sie sich in einem Stottern manifestiert.

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