Corona-Impfung für Jugendliche
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Corona-Impfung für Jugendliche: «Wir machen nicht auf Tempo»

Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, erklärt, warum die Covid-19-Impfung in der Schweiz im Gegensatz zu Deutschland auch für Jugendliche generell empfohlen wird. Und er sagt, dass sich Teenager aufgrund ihrer Einschätzung des persönlichen Nutzens für oder gegen die Impfung entscheiden sollen – nicht wegen der Herdenimmunität.
Interview: Benjamin Muschg
Bild: Foto von Gustavo Fring von Pexels

Herr Berger, nach der Empfehlung Ihrer Kommission, dass sich auch 12- bis 15-Jährige gegen Covid-19 impfen lassen sollen, war der Zuspruch bisher eher lau: Laut kürzlichen Medienberichten haben sich erst rund 10 Prozent der Jugendlichen für eine Impfung angemeldet. Enttäuscht?

Wir haben ja ausdrücklich gesagt, dass wir kein Durchimpfungsziel haben und dass wir die Impfnotwendigkeit durchaus als mit dem Alter absteigend sehen. Das Verhältnis von Nutzen und Risiko ist natürlich bei einem 60-Jährigen anders als bei einem 30-Jährigen und nochmal ganz anders bei einem 14-Jährigen. Wir machen bei den Jugendlichen überhaupt nicht auf Tempo. Diejenigen, die sich jetzt impfen lassen wollen, sollen das tun. Und die anderen können auch noch warten, bis wir für diesen Altersbereich noch mehr Daten haben. Natürlich ist diese Gruppe auch ein Teil der Bevölkerung, aber sie ist nicht essenziell, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Wichtiger ist es, dass wir klar machen, dass die Bedeutung der Impfung auch altersabsteigend ist.

Gemäss Schweizerischem Impfplan wird eine Impfung nur empfohlen, wenn «der Nutzen durch verhinderte Krankheit und deren Komplikationen die mit der Impfung verbundenen Risiken in jedem Fall um ein Vielfaches übertrifft». Trifft das auf die Covid-19-Impfung auch für Jugendliche zu?

Das kommt auf den einzelnen Fall an. Es steht ja in unserer Impfempfehlung, dass die Jugendlichen eine individuelle Risiko-Nutzen-Analyse machen sollen und dabei der Nutzen die Risiken im individuellen Fall überwiegen soll. Wir betonen das sehr: Es handelt sich um eine Empfehlung, aber absolut ohne Druck.
Christoph Berger ist Facharzt FMH für Pädiatrie und Infektiologie und Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen EKIF. Der 59-Jährige leitet die Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Universitäts-Kinderspital Zürich. Berger ist verheiratet, Vater eines Sohnes, 20, und einer Tochter, 14. (Bild: Universitäts-Kinderspital Zürich)
Christoph Berger ist Facharzt FMH für Pädiatrie und Infektiologie und Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen EKIF. Der 59-Jährige leitet die Abteilung Infektiologie und Spitalhygiene am Universitäts-Kinderspital Zürich. Berger ist verheiratet, Vater eines Sohnes, 20, und einer Tochter, 14. (Bild: Universitäts-Kinderspital Zürich)

Ist womöglich die unklare Impfempfehlung der Eidgenössischen Kommission für Impffragen EKIF auch ein Grund für das Zögern der Jugendlichen: Der «Tages-Anzeiger» schrieb dazu: «Die EKIF empfiehlt allen Jugendlichen die Corona-Impfung.» Und die NZZ: «Keine generelle Impfempfehlung für Jugendliche». Was stimmt nun?

In Deutschland macht die Impfkommission zum Beispiel für Jugendliche keine generelle Impfempfehlung, sondern empfiehlt diese nur jenen mit Vorerkrankungen und solchen, die mit immungeschwächten Personen zusammenleben. In der Schweiz sagen wir: Die Impfung wird allen 12- bis 15-Jährigen empfohlen, die sich jetzt impfen lassen wollen, und speziell jenen, die zu den eben genannten beiden Gruppen gehören. Die Impfung wird empfohlen erstens zum direkten Schutz. Und zweitens, um auch die Auswirkungen von Infektionen zu verhindern, nämlich Isolation und Quarantäne. Das ist eine generelle Empfehlung mit allen Konsequenzen.

Warum haben Sie diese nicht stärker formuliert?

Wir haben die Empfehlung so formuliert, weil einerseits das Verhältnis von Nutzen und Risiken dieser Impfung bei Jugendlichen wirklich geringer ist als bei Älteren – nicht weil die Risiken grösser sind, sondern weil der Nutzen geringer ist. Und weil wir andererseits noch nicht sehr viele Daten aus dieser Gruppe zur Sicherheit haben. Jetzt werden ja in vielen Ländern Jugendliche geimpft, und daraus werden wir die Risiken der Impfung bald präzisieren können.
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Apropos Daten zur Sicherheit: Die Weltgesundheitsorganisation WHO sagt, es brauche noch mehr wissenschaftliche Erkenntnisse, bevor generelle Impfempfehlungen für Kinder gemacht werden könnten. Warum kommen Sie zu einem anderen Schluss?

Unsere Empfehlung deckt sich mit der Einschätzung der WHO. Es ist ganz klar zu früh, die Impfung Kindern jünger als 12 Jahre zu empfehlen, nicht aber für Jugendliche ab 12 Jahren.

Für die Erwachsenen macht die Impfkommission die Risiko-Nutzen-Abwägung als Basis für ihre Impfempfehlung. Warum sollen ausgerechnet Jugendliche diese anspruchsvolle Analyse selber durchführen?

Sie sollen diese Abwägung zusammen mit ihren Eltern oder einer Vertrauensperson machen. Aber sie können das auch selber tun. Unabhängig vom Alter sollte jede Person diese Abwägung machen.

Zur Einschätzung des gesundheitlichen Nutzens ist ein Vergleich mit der saisonalen Grippe vielleicht hilfreich: Ihr Kollege Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) in Deutschland, hat in einem Interview mit der «TAZ» gesagt, dass die Krankheitslast aufgrund von Influenza-Infektionen unter Jugendlichen in jedem Jahr höher gewesen sei als während der Corona-Pandemie. Wie schätzen Sie diesen Vergleich ein?

Schwer zu sagen, da wir diese Zahlen nicht verglichen haben. Fangen wir an mit Covid-19: Da haben wir bei den 12- bis 15-Jährigen viele Infektionen, wenige schwere Infektionen und schweizweit vielleicht 20 bis 25 Fälle von PIMS (ein in Verbindung mit einer Covid-19-Infektion aufgetretenes neuartiges Krankheitsbild bei Minderjährigen, Anm. d. Red.). Dann die Grippe: Die Krankheitslast ist wahrscheinlich etwa vergleichbar oder geringer. Ein wesentlicher Unterschied: Bei Covid-19 haben wir einen deutlich besseren Schutz durch den Impfstoff als bei der Grippe-Impfung. Die Reaktionen des Körpers auf die Impfung sind bei der Impfung gegen Covid stärker, und bei den Nebenwirkungen, da schauen wir noch ganz genau hin. Diese Reaktionen wie Fieber und Kopfschmerzen sind nicht gefährlich, können aber sehr unangenehm sein, besonders nach der zweiten Impfung. Das gibt es viel weniger bei der Grippeimpfung.

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