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Schule

Was habe ich als Lehrer mit den Hausaufgaben nur angerichtet?

Hausaufgaben sorgen in vielen Familien regelmässig für Streit und rote Köpfe. Unser Kolumnist ist Seklehrer und weiss, wie eine gute Hausaufgabenpraxis aussieht. Und wie Dramen abgewendet werden können.
Text: Samuel Zingg
Bild: Désirée Good / 13Photo
Ich bin perplex. Wieso hält sich der Schüler nicht an meine Anweisungen? Was habe ich nur angerichtet?

Es ist Montagvormittag, ich sitze in einem Elterngespräch, nach vier Lektionen Unterricht. Am Tag zuvor, am Sonntagabend, er­ reichte mich um 17 Uhr der Anruf einer aufgebrachten Mutter: «Das kann so nicht weitergehen!», teilte sie mir am Telefon mit. Sie habe nach dreieinhalb Stunden Mathe­hausaufgaben die «Reissleine» gezo­gen und dem Sohn die Mathema­tiksachen weggenommen. 
Wir Lehrperso­nen erfahren von diesen Dramen oft erst, wenn die Situation bereits verfahren ist.
Dramen wegen Hausaufgaben kommen leider viel zu oft vor. Eltern streiten mit ihren Kindern, drohen ihnen mit Fernsehverbot und Handyentzug. Oder die ganze Familie brütet stundenlang über scheinbar unlösbaren Hausaufgaben. Auch das Gegenteil gibt es: «Niemand» interessiert sich daheim für die Hausaufgaben – da meldet sich dann die Schule bei den Erzie­hungsberechtigten. Wir Lehrperso­nen erfahren von diesen Dramen oft erst, wenn die Situation bereits verfahren ist. Oftmals weitet sich dann das Drama von zu Hause am Familientisch zu einem Streitgespräch mit den zuständigen Lehr­personen aus.

Nun sitze ich also mit Mutter und Sohn an diesem Gespräch. Die Mutter schildert, dass ihr Sohn in der vergangenen Woche «nur für Ihre Matheaufgaben, Herr Zingg», zehn Stunden aufgewendet habe. Sie ist sehr erbost, und ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich war der Ansicht, ich hätte Hausaufgaben für etwa 20 Minuten gegeben. Was stimmt hier nicht?

Als Lehrperson auf der Sekun­darstufe I mache ich mir sehr wohl Gedanken, wie viele und vor allem welche Art Hausaufgaben ich den Lernenden erteile. Aus meiner eige­nen Schulzeit kenne ich noch das «Fertigmachen» von Aufgaben, das «Aufholen». Heute weiss man aus verschiedenen Forschungsarbeiten, dass diese Hausaufgaben keinen Lernzuwachs bewirken, sondern die Schüler und Schülerinnen eher demotivieren.
Eine gute Hausaufgabenpraxis sieht wie folgt aus:

  • Hausaufgaben sollen von den Jugendlichen selbständig gelöst werden können.
  • Übungsaufgaben dürfen vor­kommen, sollten aber eher die Ausnahme bilden.
  • Kluge Aufgaben sind abwechs­lungsreich, attraktiv, handlungs­orientiert und werden selbstän­dig verstanden. Dann braucht es weniger, um den gleichen Lern­zuwachs zu erreichen.
  • Quantitativ sollte man lieber re­gelmässig wenige als punktuell viele Hausaufgaben geben. 
  • Damit Hausaufgaben bedeutsam und lernwirksam werden kön­nen, soll regelmässig individuel­les, förderorientiertes Feedback zu den Hausaufgaben erfolgen.
Gute Hausaufgaben sind abwechslungsreich, attraktiv und können selbständig gelöst werden.
Um auf das Elterngespräch zurück­ zukommen: Welcher Art waren die besagten Hausaufgaben, die das Drama ausgelöst haben?

Bei mir sollen die Schülerinnen und Schüler nicht mehr als 20 Minuten Hausaufgaben pro Tag für Mathe machen. Trotzdem hat dieser Schüler länger daran gearbeitet. Wieso? Weil er ehrgeizig ist und es unbedingt perfekt machen will. Das ist lobenswert, aber ich möchte das nicht.

Ich habe also der Mutter den Auftrag gegeben, die Hausaufgaben nach spätestens 30 Minuten abzubrechen. Wenn die Aufgaben in dieser Zeit nicht erledigt werden können, liegt der Fehler bei mir, weil ich mich unklar ausgedrückt oder eine für den Schüler zurzeit noch nicht lös­bare Hausaufgabe aufgegeben habe. Die Mutter war erleichtert. Weitere Dramen konnten abgewendet wer­den. Zwar macht der Schüler noch heute manchmal während mehr als 30 Minuten Hausaufgaben, aber die Situation hat sich deutlich gebessert. Dann und wann ist er sogar bereits nach 15 Minuten fertig.
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Eltern sollten ihrem Kind vor allem ein ruhiges Umfeld zum Lernen schaffen.
Was erwarte ich als Lehrperson generell von den Eltern in Sachen Hausaufgaben? Es hat sich gezeigt, dass Interesse ohne dauernde Kon­trolle förderlich ist. Ich wünsche mir, dass Eltern bei ihren Sprösslin­gen nachfragen, auch mal in ein Heft schauen und mit ihrem Kind darüber sprechen, woran es gerade arbeitet. Sie sollen ihre Hilfe anbie­ten, nicht fachliche, sondern organisatorische Hilfe, und vor allem ein ruhiges Umfeld schaffen, so dass ihr Kind konzentriert und somit spedi­tiv lernen und arbeiten kann. Und nicht zuletzt erwarte ich von den Eltern, dass sie mich kontaktieren, wenn es Probleme mit den Hausauf­gaben oder der Schule gibt.

Man stelle sich vor, die Mutter hätte sich nicht gemeldet. Der Schü­ler wäre in der Folge immer frus­trierter geworden, seine Leistungen wären wahrscheinlich gesunken. Als Lehrperson hätte ich dann immer mehr nachgefragt und schliesslich, nach einem Monat oder zwei, die Eltern zu einem Gespräch eingeladen, weil ihr Sohn ungenügende Leistungen erbracht hätte. Dieses Elterngespräch wäre dann mit Sicherheit für alle unangenehmer ausgefallen. Da bin ich gerne bereit, mehrere Elterngesprä­che wie das eben geschilderte zu führen. Deshalb, liebe Eltern, kon­taktieren Sie uns Lehrpersonen bei Fragen oder Problemen frühzeitig – es hilft allen Beteiligten.
Kindern, die nach der Schule allein zu Hause sind, sollte nach dem Unterricht eine kostenlose Betreuung zur Verfügung stehen.
Als Lehrperson habe ich aber nicht nur Erwartungen an Eltern, sondern auch an Schulen und Gemeinden. Es gibt Schülerinnen und Schüler, welche nach der Unterrichtszeit alleine zu Hause sind. Ihre Betreuungspersonen arbeiten noch oder schlafen, da sie in einem Schichtbetrieb arbeiten. Diese Jugendlichen können die Hausaufgabensituation oftmals nicht alleine bewältigen. Für diese  Fälle soll die Schule eine kostenlose Betreuung nach Unterrichtsschluss zur Verfügung stellen. So können die Kompetenzen, welche wir mit den Hausaufgaben fördern möch­ten, erfolgreich trainiert werden, und die Chancengleichheit ist best­möglich gewährt.

Thumbnail lch samuel zingg
Samuel Zingg ist Lehrperson an der Sekundarstufe I in Buchholz GL und Mitglied der Geschäftsleitung des LCH. Der Vater einer vierjährigen Tochter und eines zweijährigen Sohnes wohnt in Mollis GL.

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