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Schule

Nie mehr Hausaufgaben?

Sie sorgen in vielen Familien regelmässig für Frust und Ärger: Hausaufgaben. Sind Hausaufgaben wirklich nötig? Warum schafft man sie nicht einfach ab? Und mit welchen Tricks geht das Lernen leichter? Eine Annäherung an ein hoch emotionales Thema. 
Text: Claudia Landolt
Bilder: Désirée Good / 13Photo
Dienstagnachmittag, 15 Uhr 15. Fernando, 12 Jahre alt, kommt nach Hause und setzt sich gleich an den Schreibtisch in seinem Zimmer. Er hat Hausaufgaben. Mathe, eines seiner Lieblingsfächer. Fernando soll Bruchteile in Quadraten benennen. Das fällt ihm leicht. Nach 20 Minuten ist er fertig. «Hausaufgaben stressen mich selten», sagt Fernando. «Ich mache sie immer sofort nach der Schule.» Seine Mutter würde liebend gerne einmal einen Blick auf seine Arbeiten werfen, doch Fernando will das nicht. «Ich lerne ja für mich selbst, nicht für meine Mutter», sagt er.

 Hach. Es gibt sie also, jene Kinder, für die Hausaufgaben eine Fingerübung sind, nicht mehr als ein Zeitvertreib. Für alle anderen sind Hausaufgaben alles andere: ein lästiges Übel, ein Quell des Unverständnisses, eine pädagogische Gängelei, ein Reizthema.
«Schüler, die sich zu Hause an niemanden wenden können, sind benachteiligt.»
Bernard Geruch,Verbandspräsident des Schweizer Schulleiterverbands, zum Thema Hausaufgaben
Seit einigen Monaten ist die Debatte um Sinn und Unsinn von Hausaufgaben neu entfacht. Die Vizepräsidentin des Schweizer Schulleiterverbands, Lisa Lehner, plädierte in diesem Magazin für eine Schule ohne Hausaufgaben. Auch ihr Kollege, der Verbandspräsident Bernard Gertsch, sprach sich für Änderungen aus. Hausaufgaben, so fordert er, sollten im Sinne der Chancengleichheit zu Schulaufgaben werden. Schüler, die sich zu Hause an niemanden wenden könnten, seien nämlich durch klassische Hausaufgaben benachteiligt.

Auch in anderen Ländern wird heftig über den Wert von Hausaufgaben gestritten. In Spanien werden sie bestreikt und in Israel will man sie ganz abschaffen. Das Video einer Lehrerin aus Texas, USA, in dem sie erklärt, warum sie Hausaufgaben ablehnt, wurde zum Youtube-Hit. Und in Deutschland erreicht das Thema politische Dimensionen: Die Grünen wollen zusammen mit der Landesschülervertretung Hausaufgaben gleich flächendeckend abschaffen.
Viele Eltern fühlen sich verpflichtet, bei Hausaufgaben zu helfen.
Viele Eltern fühlen sich verpflichtet, bei Hausaufgaben zu helfen.
Ist es tatsächlich sinnvoll, auf Hausaufgaben zu verzichten? Was bringen Kindern Hausaufgaben und was nicht? Was wäre eine Alternative? Und was meinen Lehrpersonen dazu, was wünschen sich Kinder und deren Eltern? Diesen Fragen geht dieses Dossier nach.

 Die Schule ohne Hausaufgaben ist kein Hirngespinst. Es gab sie schon mal – nämlich im Kanton Schwyz. 1993 entschloss sich das Bildungsdepartement, alle Hausaufgaben abzuschaffen. Die Lerninhalte seien fortan in die Unterrichtszeit zu integrieren, die Wochenstundenzahl wurde um eine Stunde erhöht. Das machte die Kinder glücklich, nicht aber deren Eltern. Nach nur vier Jahren wurde der Versuch beerdigt – auf Druck der Eltern. Die Regierung hob die Regelung 1997 wieder auf.

Hausaufgaben als Kontrollmittel

Eltern sind tatsächlich weniger hausaufgabenkritisch als erwartet. Viele der für dieses Dossier befragten Eltern gaben an, Hausaufgaben im Sinne eines Kontrollinstrumentes zu befürworten. «So weiss ich ungefähr, wo mein Sohn steht», sagt eine Mutter. Haus­ aufgaben stellen eine Verbindung zwischen der Schule und dem Elternhaus her. Oder wie es in einem Merkblatt des Kantons Luzern heisst: «Hausaufgaben sind ein Fenster zur Schule und geben den Eltern Einblick, was dort läuft.»
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«Viele Eltern machen sich Sorgen, dass ihr Kind im Bildungswettbewerb nicht bestehen kann.»
Manche Mütter und Väter belas­sen es nicht dabei. Eine Studie des deutschen Pädagogen Thomas Hardt zeigt, dass Eltern ihren Kindern regelmässig bei den Hausauf­gaben helfen. Sie wollen, dass diese gut erledigt werden.Sie tun das aus Sorge, ihr Kind könnte im Bildungs­wettbewerb nicht bestehen. So bewerten 56 Prozent der Eltern die Tatsache, dass ein Kind pro Tag weniger als eine Stunde Hausaufga­ben erledigen muss, als Indiz dafür, dass dieses Kind von der Schule nicht ausreichend gefordert wird.

Eltern wuchsen mit Ufzgi auf 

Das nur der elterlichen Bildungsbe­flissenheit zuzuschreiben, wäre aber falsch, meint der Bildungsjournalist und Buchautor Armin Himmelrath. «Schliesslich wird Eltern seit Jahr­zehnten eingetrichtert, dass das häusliche Pauken am Nachmittag, in den Abendstunden und am Wochen­ ende irgendwie der Reifung und Bildung der Kinder dient.» (Siehe Interview)

Tatsächlich sind Hausaufgaben schon lange ein pädagogisches In­strument. Bereits in Schulordnun­gen aus dem 15. Jahrhundert werden diese Arbeitspflichten erwähnt und geregelt. Hausaufgaben dien­ten schon damals dazu, Kin­dern das selbständige Arbeiten ein­zuüben und den in der Schule behandelten Stoff eigenständig nachzuarbeiten und zu vertiefen. Daran hat sich wenig geändert. Nahezu der gleiche Wortlaut findet sich fast zwei Jahrhunderte später in einem Merkblatt des Kantons Zürich zur Volksschule: «Kinder lernen durch Hausaufgaben selbständig zu lernen, sich die Arbeitszeit einzutei­len und Verantwortung für das Ler­nen zu übernehmen.»
Erwachsene überschätzen die Fähigkeit der Kinder, sich zu konzentrieren. Pausen sind notwendig.
Erwachsene überschätzen die Fähigkeit der Kinder, sich zu konzentrieren. Pausen sind notwendig.

Grosses Konfliktpotenzial

Doch die Gesellschaft hat sich radi­kal verändert. Die Grossfamilie exis­tiert kaum mehr, Alleinerziehende oder Patchworkfamilien haben sich etabliert, und Mütter und Väter gehen beide ihren Berufen nach. Solche Formulierungen zu den Hausaufgaben gehen jedoch von einem optimalen Zustand aus, der mit der heutigen Realität oft wenig zu tun hat. So kritisiert Jürg Brühl­ mann von der Pädagogischen Ar­beitsstelle des Dachverbands Schwei­zer Lehrerinnen und Lehrer LCH in der «NZZ»: «Viele Kinder können die Aufgaben zu Hause kaum erle­digen, weil sie kein eigenes Zimmer haben, der Fernseher läuft oder die Geschwister stören.»

Klassische Hausaufgaben bergen viel Konfliktpotenzial: zum einen, weil sie zeitaufwendig sind und nicht alle Kinder verstehen, was genau sie zu erledigen haben; zum anderen, weil niemand da ist, der ihnen helfen könnte, oder die Lernatmosphäre für sie nicht stimmt. Und dort, wo jemand zu Hause ist, kommt es womöglich zu Konflikten, weil Eltern unweigerlich in die Rol­le des Hilfslehrers schlüpfen. Sie kontrollieren oder versuchen, die Hausaufgaben zu verstehen, mah­nen, drohen und sanktionieren mit Fernseh-­ oder Handyentzug aus Sorge, das Kind könnte die Aufga­ben nicht machen oder vergessen, was vielerorts einen Verweis oder mindestens einen Eintrag im Pflich­tenheft zur Folge hat.
Elterliche Einmischungsversuche untergraben die Selbständigkeit der Schüler.
Diese elterliche Einmischung ist grundsätzlich schlecht. Zu diesem Schluss kommt eine Studie, in der 1700 Eltern und Schüler über einen längeren Zeitraum befragt wurden. Das Resultat – erschienen im «Jour­nal of Educational Research» – besagt, dass sowohl die Leistungsentwicklung im Lesen als auch die Deutschnoten bei Kindern, deren Eltern häufig bei den Hausaufgaben halfen, schlechter ausfallen. Ausserdem untergraben diese Einmischungsversuche die Selbständigkeit der Schüler.

Eingriff in den Familienalltag

Den Eltern werde zu viel pädagogische Verantwortung übertragen, lautet ein weiterer Vorwurf der Hausaufgabengegner. Armin Himmelrath sagt, mit Hausaufgaben bürdeten Lehrpersonen den «Eltern die Verantwortung für das Gelingen der kindlichen Schullaufbahn in einem Mass auf, wie das aus schulpädagogischer Sicht zwar seit Jahrhunderten praktiziert wird, erziehungswissenschaftlich aber kaum seriös zu begründen ist». Das sei, um das berühmte Bonmot des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» zu zitieren, schlicht und einfach «Hausfriedensbruch». Dass Eltern die Hausaufgaben überwachen, miterledigen und sich für die schulische Heimarbeit ihrer Kinder verantwortlich fühlen, ist nicht erst seit 2017 Alltag.

Wenn Hausaufgaben Bestandteil der Erziehung sind, kann das in vielen Familien ein tägliches Ärgernis darstellen. Das Kind hat keine Lust, nach sieben Lektionen noch Wörter abzuschreiben. Es ist ihm nicht ganz klar, wie viel wirklich zu erledigen ist, und es telefoniert bei seinen Freunden herum. Es kriegt die Krise, wenn es die Aufgaben in der Schule vergessen hat. Oder es schafft es einfach nicht, diese in einer angemessenen Zeit zu erledigen.
Eine Mutter klagt, dass Hausaufgaben zu Hause ein ständiger Reibungspunkt seien. Wenn sie nicht ständig nachfrage, ob ihr Sohn Hausaufgaben erledigen müsse, «läuft da nur wenig». Hausaufgaben seien etwas, was man immer im Auge behalten müsse, auch am Wochenende. Das dränge sie in die Rolle der Ermahnerin und führe zu Unwohlsein. Eine andere Mutter klagt, ihr 13-jähriges Kind habe mit den täglichen Hausaufgaben und dem Büffeln für Tests sowie dem Sporttraining und Musikunterricht in der 6. Klasse ein «sehr, sehr» grosses Pensum.

Wie viel ist erlaubt?

Wie viele Hausaufgaben erlaubt sind, entscheiden die Kantone. Diese sind laut Bundesverfassung für die Schulrechte zuständig. Sie nehmen ihre Kompetenz aber unterschiedlich wahr und haben das Schulwesen oft nicht bis ins letzte Detail geregelt. Es existiert kein Bundesgesetz, das bei Hausaufgaben eine zeitliche Begrenzung vorsieht. Fehlen auch im kantonalen Schulrecht Richtlinien zur maximalen Belastung der Schülerinnen und Schüler, kommt das Arbeitsgesetz zur Anwendung. Es schreibt für Jugendliche ab 15 Jahren eine Höchstarbeitszeit von täglich 9 Stunden vor, die innerhalb eines Zeitraumes von 12 Stunden liegen soll. Bei 14-Jährigen liegt die Höchstarbeitszeit bei 40 Stunden. Für jüngere Kinder muss dieser Wert entsprechend tiefer liegen. Im Schulalltag eingebürgert hat sich folgende Praxis: 10 Minuten pro Klassenstufe und pro Tag. Ein Erstklässler sollte also nicht mehr als 10 Minuten pro Tag, ein Sechstklässler höchstens 60 Minuten pro Tag an den Hausaufgaben sitzen (Prüfungsvorbereitung inklusive).

Das entspricht den Zahlen der OECD-Studie aus dem Jahr 2012. Sie untersuchte in 38 Ländern der Welt, wie viel Zeit pro Woche für Hausaufgaben aufgewendet wird. Das Ergebnis: in der Schweiz 4 Stunden pro Woche, in Finnland 3, in Russland 9, in Deutschland und Frankreich knapp 5 Stunden.
Sind Kinder ohne Hausaufgaben motivierter und glücklicher? Das ist die zentrale Frage.
Sind Kinder ohne Hausaufgaben motivierter und glücklicher? Das ist die zentrale Frage.

Geringe Wirksamkeit

Ob Hausaufgaben etwas bringen, ist umstritten. Neue Studien zeigen: Manchen schaden sie sogar. Der neuseeländische Pädagoge John Hattie gilt als Referenz auf diesem Gebiet. In seinem Buch «Lernen sichtbar machen» trug er Befunde aus über 50 000 Studien mit mehr als 80 Millionen Schülern zusammen. Er wollte herausfinden, welche Voraussetzungen und Bedingungen Kindern beim Lernen helfen.

Faktoren, die den Lernerfolg fördern, sind beispielsweise eine gute Schüler-Lehrer-Beziehung oder bestimmte Lerntechniken wie wiederholendes Lesen. Hausaufgaben fördern den Lernerfolg dagegen nur sehr wenig. Und selbst dieser geringe Nutzen ist mit Vorsicht zu betrachten. Denn er hängt vom Zeitaufwand ab, den die Schülerinnen und Schüler in ihre Hausarbeiten investieren müssen. Je mehr Aufwand, desto geringer sei der Profit, lautet Hatties Fazit. Profitieren würden im Durchschnitt vor allem ältere und leistungsstärkere Schüler.

Auch Armin Himmelrath hat für sein Buch «Hausaufgaben, nein danke» unzählige Studien untersucht. «Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine einzige Studie, die belegt, dass Leistung oder Wissen durch das systematische Erledigen von Hausaufgaben gesteigert werden kann», fasst er zusammen. «Im Gegenteil: Selbstwirksamkeitserfahrungen, Motivationssteigerungen, Selbststrukturierung bleiben in aller Regel auf der Strecke.»

Hausaufgaben abschaffen?

Pädagogen an den Hochschulen plädieren schon lange für die Abschaffung der Hausaufgaben. Als eine «heilige Kuh», an der nicht gerüttelt werden darf, als eine «Pille mit fast ausschliesslich negativen Nebenwirkungen» bezeichnet sie ein Dozent einer Fachhochschule. Er möchte aus Angst vor Repressionen anonym bleiben. Hausaufgaben brauche es nicht, sagt er, man könne sie getrost weglassen. Denn: Die Schüler würden nicht klüger und auch nicht dümmer.
«Lehrpersonen können damit die unterschiedlichen Arbeitsgeschwindigkei­ten der Schüler ausgleichen.»
Lehrer darüber, warum es Hausaufgaben brauche
Auch Lehrpersonen, Pädagogen an der Front, stellen die klassischen Hausaufgaben infrage. In der Recherche zu diesem Dossier sprachen wir mit unzähligen Lehrpersonen, die Hausaufgaben in neuen Formen zu  integrieren versuchen. Einige Beispiele:

  • Eine Mittelstufenlehrerin unter­wandert das System, indem sie ihren Schülern nur noch selten Hausaufgaben erteilt. Stattdes­sen sagt sie: Geht raus, spielt!
  • Ein Oberstufenlehrer unter­richtet in Arbeitseinheiten, in denen Aufgaben integriert sind. Seine Teamkollegen halten auf einer grossen Tafel alle Aufga­ben fest. Das verhindert, dass Kinder an manchen Tagen gleich dreifach Hausaufgaben zu erledigen haben, an anderen Tagen hingegen gar keine.
  • Ein Lehrer glaubt, das Thema sei deshalb nicht totzukriegen, weil Lehrpersonen mittels Hausaufgaben die unterschied­lichen Arbeitsgeschwindigkei­ten der Schüler ausgleichen könnten. Wenn Kinder zu Hau­se den Stoff aufholen, kann die Lehrperson anderntags in der gesamten Lerngruppe dieselbe Geschwindigkeit und dasselbe Niveau an den Tag legen. Die Hausaufgaben abzuschaffen, hiesse folglich, den Unterricht grundlegend zu ändern. Dazu seien viele nicht bereit. 

Personalisierte Hausaufgaben

Entscheidend ist auch die Qualität. Laut Ulrich Trautwein von der Universität Tübingen ist sie ein entscheidender Faktor für die Lern- und Schulkarriere. In Mathematik etwa falle der Lernerfolg höher aus, wenn die Lehrpersonen sich auch für den Lösungsweg interessierten, selbst wenn dieser Fehler aufweise. Denselben Effekt erzielt man, wenn Schüler bei Hausaufgaben über etwas Neues nachdenken müssen. Und Schüler gaben an, vom Nutzen der Hausaufgaben überzeugt zu sein, wenn diese ihrer Meinung nach gut vorbereitet und in den Unterricht integriert sind.

Das bedeutet in der heutigen Schülerwelt vor allem eins: Individualisierung. «Hausaufgaben müssten personalisiert werden. Die Lehrer sollen die Schüler dort abholen, wo sie gerade sind», sagt Christoph Schmid, Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Denn Schüler würden manchmal in Sachen Selbständigkeit und -disziplin überschätzt. «Dabei ist der Sinn der Hausaufgaben ja, dass die Kinder Vertrauen in ihr Können gewinnen und Erfolgserlebnisse haben.»

Das ist in manchen Schulen schon Alltag. Die deutsche Gesamtschule Barmen in Wuppertal erhielt 2015 den Deutschen Schulpreis, weil sie möglich macht, «dass alle an ihr Ziel kommen», wie es in der Laudatio hiess. Dort dauert die Schulstunde 60 statt 45 Minuten. Hausaufgaben sind Arbeitsstunden, nicht drangehängt an den Unterricht, sondern um 10.30 Uhr, zwei- bis dreimal pro Woche. Die Aufgaben, die die Schüler lösen müssen, sind massgeschneidert. Sind sie erledigt, gibts ein Kreuz ins Schülerlogbuch. Die Eltern unterschreiben dieses Büchlein jede Woche und erfahren so, welche Fortschritte ihr Kind macht.

 In einer Schule im Aargau haben Lehrpersonen klassendurchmischte Unterrichtseinheiten und fix in den Stundenplan integrierte Lernatelierstunden eingebaut, in denen Schüler an ihren Aufträgen arbeiten. Zu Hause sollte nur Zeit für die Prüfungsvorbereitung bleiben.

Thumbnail claudia landolt
Claudia Landolt ist mit pflichtbewussten Kindern gesegnet, zumindest in Sachen Hausaufgaben. Dass es auch anders sein kann, bekommt sie mit, wenn ihre Kids mit ihren Kollegen Facetime- Konferenzen und Chatorgien betreiben oder sich über Ufzgi-Jobsharing unterhalten.

Wann sind Hausaufgaben verboten?

In der Schweiz sind Hausaufgaben vom Vormittag auf den Nachmittag, vom Vortag eines Feiertags auf den nächsten Schultag und über die Ferien nicht erlaubt. Ob sie übers Wochenende und über einen freien Nachmittag beispielsweise zulässig sind, ist strittig. So sieht das Schulreglement des Kantons Zug etwa vor, dass sie vom Freitag auf den Montag verboten sind, während der Kanton Zürich dies lascher handhabt.

Experten sind sich einig, dass sie über einen freien Nachmittag nicht erteilt werden sollten, weil dies dem Anspruch der Kinder auf Erholung und Freizeit entgegensteht. «Auch Kinder haben den Feierabend verdient», sagt etwa Gabriel Romano, Erziehungswissenschaftler, in einem Interview. Umso mehr, als die Lektionenzahl derart zugenommen hat, dass sich Hausaufgaben erübrigt hätten, weil die Schüler tagsüber genug lernten: «Die Volksschule ist ein Fulltime-Job.»

Hausaufgaben in der Schule – welche Alternativen gibt es bereits?

In der Gemeinde Neuheim ZG wurde schon vor einigen Jahren eine Eltern-Lehrer-Gruppe gegründet, die unter anderem zwei Mal pro Woche kostenlose Hausaufgabenbetreuung für Primarschulkinder anbietet. Das Gymnasium Bäumlihof in Basel hat 2010 begonnen, ganze Klassen ohne Stundenplan zu unterrichten, und Hausaufgaben durch Schulaufgaben ersetzt. Diese werden in der sogenannten individuellen Lernzeit erledigt. Bereits etabliert hat sich an vielen Schulen die sogenannte Aufgabenhilfe oder Aufgabenstunde im Hort. Dabei können Kinder nach dem regulären Unterricht oder als Freifach Aufgaben und Prüfungsvorbereitungen mit qualifiziertem Personal erledigen. Die Aufgabenhilfe ist aber nicht überall kostenfrei.

Notendoping durch Nachhilfe

Ein weiterer Aspekt der Hausaufgabendiskussion ist, dass eine ganze Branche von den Arbeiten lebt, welche Lehrerinnen und Lehrer delegieren: der Nachhilfe­ markt. Er würde ohne Hausaufgaben erheblich schrumpfen. In der Schweiz braucht jeder dritte Schüler Nachhilfe, um die Hausaufgaben und Prüfungen zu schaffen. Die Nachhilfequote in der 8. und 9. Klasse ist innerhalb von drei Jahren von knapp 30 auf 34 Prozent angestiegen, wie der Bildungsforscher Stefan Wolter in einem Interview mit der «Sonntags­ Zeitung» sagte. Insgesamt 63 000 Jugendliche müssen nach Unterrichts­schluss die Schulbank drücken. Das schaffen aber nur Gutverdienende: Für das Notendoping auf der Oberstufe blättern Eltern in der Schweiz pro Jahr «100 bis 300 Millionen Franken» hin, schätzt Bildungsexperte Wolter.

Das ganze Dossier...

In unserem April-Dossier zum Thema Hausaufgaben finden Sie viele weitere Berichte. Erfahren Sie beispielsweise, was Kinder wirklich über Hausaufgaben denken. Hier  das Magazin bestellen.


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