Schule

Dagmar Rösler: «Manche Eltern fahren wie Kriegsschiffe in die Schule ein» 

Seit August ist Dagmar Rösler Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Die Deutsch- und Sportlehrerin fordert von Eltern Respekt und realistische Erwartungen. Im grossen Interview spricht sie mit uns über dies und weitere drängende Themen. 
Interview: Evelin Hartmann und Nik Niethammer
Bilder: Paolo Dutto / 13 Photo
Ein Neubau nahe der Zürcher Hard­brücke. Im obersten Stock residiert der Dachverband der Schweizer Lehrerin­nen und Lehrer (LCH). Dessen neue Präsidentin Dagmar Rösler empfängt uns in einem modern ausgestatteten Besprechungszimmer mit festem Händedruck und klarem Blick zum Gespräch. Sie wirkt gut vorbereitet, souverän. Kein Wunder, in den ver­gangenen Wochen und Monaten hat die höchste Lehrerin der Deutschschweiz bereits viel Medienarbeit geleistet.

Frau Rösler, woran arbeiten Sie gerade?

Grosse Themen auf der Agenda des LCH sind das Vorantreiben der Frühförderung, also der Förderung von Kindern im Alter von 1 bis 4 Jah­ren, und der Ausbau von Tagesstruk­turen an Schulen. Dazu kommen die Zusammenführung unseres Dach­verbandes und des Syndicat des ens­eignants romands zu einem gesamt­schweizerischen Verband, die Digitalisierung der Schulen und noch vieles mehr. Ausserdem arbei­ten wir daran, der Öffentlichkeit zu vermitteln, welche anspruchsvolle und wertvolle Arbeit Lehrerinnen und Lehrer heute leisten.
Zur Person: Dagmar Rösler, 47, stand acht Jahre an der Spitze des Solothurner Lehrerverbandes, bevor sie im August die Nachfolge von Beat W. Zemp antrat und als erste Frau Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH wurde. Die Primarlehrerin lebt mit ihrem Mann, einem IT-Spezialisten, und ihren beiden Töchtern, 13 und 15, in Oberdorf SO.
Zur Person:
Dagmar Rösler, 47, stand acht Jahre an der Spitze des Solothurner Lehrerverbandes, bevor sie im August die Nachfolge von Beat W. Zemp antrat und als erste Frau Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH wurde. Die Primarlehrerin lebt mit ihrem Mann, einem IT-Spezialisten, und ihren beiden Töchtern, 13 und 15, in Oberdorf SO.

Unser Kolumnist, der Lernexperte Fabian Grolimund, sagte im Rahmen der Fritz+Fränzi-Veranstaltungsreihe «Talk im Kulturpark», dass drei Prozent der Lehrpersonen nicht geeignet seien für diesen Beruf. Wie stehen Sie zu so einer Aussage? 

Natürlich gibt es Lehrerinnen und Lehrer, die kein Gespür haben für ihre Schüler. Aber was ist ein schlech­ter Lehrer? Das ist ganz schwer zu verallgemeinern. Was dem einen Schüler taugt, ist für einen anderen nicht die richtige Herangehensweise. Als Lehrer kann man es nie allen recht machen. Ich denke auch, dass viele ein veraltetes Bild vom Lehrer­beruf haben. Viele Medien berichten ausschliesslich über die negativen Seiten dieses Berufs: den Lehrer­mangel, ausgebrannte Lehrerinnen und Lehrer. Die grössten Schul­kritiker haben wahrscheinlich seit ihrer eigenen Schulzeit keine Schule mehr besucht und stützen ihre Argu­mentation auf ein antiquiertes Bild: Der Lehrer steht vorne an der Tafel und alle Schülerinnen und Schüler machen zur gleichen Zeit das Glei­che. Diese Zeiten sind lange vorbei.

Aber es gibt doch Fälle, in denen einem als Vater oder Mutter eine Lehrperson einfach nicht passt?

Ja, das kann tatsächlich vorkommen und ist natürlich nicht gut. Doch viele Eltern beurteilen eine Lehrerin beziehungsweise einen Lehrer oft­mals zu punktuell. Nur weil die Per­son am Elternabend nicht brilliert, heisst das nicht, dass sie schlechten Unterricht gibt. Die Lehrerin bezie­hungsweise der Lehrer spricht viel­leicht nur nicht gerne vor so vielen – erwachsenen – Menschen, macht aber ansonsten einen guten Job. Eltern sollten auch bedenken, dass die Zeit, in der das Kind mit dieser Person konfrontiert ist, nur einen Teil seiner Schulkarriere ausmacht. Im späteren Berufsleben muss der Nachwuchs ja auch mit Menschen zurechtkommen, die nicht hundert­prozentig zu ihm passen. Das ist ein Stück weit Lebensschule. Lehrerinnen und Lehrer sind einfach auch nur Menschen, die, wie alle andern auch, Fehler machen. Die Frage ist hier, wie man damit umgeht! 
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Und wenn es doch einmal zu einem Konflikt zwischen Kind und Lehrperson kommt?

Wenn das Kind von einem Unrecht erzählt, das ihm widerfahren ist, sollten Eltern zunächst vorsichtig sein. Kinder und Jugendliche berichten immer aus ihrer eigenen Perspektive. Doch was ist vorher passiert? Was hat das Kind gemacht und wer ist noch dabei gewesen? Falls sich die Situation in diesem Gespräch nicht klärt, sollten Eltern die Lehrerin kontaktieren.
«Die Realität in der
Volksschule ist jene, die Kinder
auch später in der Welt
erwartet.»

Auf welchem Weg sollte das passieren?

Eltern sollten nicht in der Schule vorbeigehen und erwarten, dass die Lehrerin sofort Zeit hat, sondern anrufen, einen Gesprächstermin abmachen und an diesem Gespräch dann ergebnisoffen fragen, was passiert ist. Für mich ist entscheidend, dass Eltern die Lehrerin ihres Kindes mit Respekt behandeln und realistisch einschätzen, was man von ihr erwarten kann und was nicht.

Ist das nicht selbstverständlich? 

Leider nein, ich habe schon Mütter und Väter erlebt, die wie Kriegsschiffe in die Schule eingefahren sind. 

2 Kommentare

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Von Cornelia am 11.12.2019 07:44

Klar wurden die Eltern schwieriger. Allerdings wurde das ganze Leben anspruchsvoller. Mit schlechten Noten ist heute in der Berufswelt nicht mehr viel zu wollen. Viele Lehrer sind dagegen in der früheren Zeit stehen geblieben, als der Pfarrer, der Doktor und der Lehrer noch die Autoritäten waren im Dorf, denen unter keinen Umständen widersprochen werden durfte. Weiter habe ich Fragezeichen wie die Schule zumindest bei uns organisiert ist. Jeder Lehrer macht, was er will, Bewertungen sind völlig verschieden, LP21 interessiert niemanden. Wenn meinem Kind in der Matheprüfung eine halbe Note abgezogen wird, weil es kein Häusschen zwischen den Zahlen ausgelassen hat, habe ich ein Problem damit. Gerechnet war alles richtig! Und da frage ich nach und verlange eine Erklärung. Das ist wohl mein gutes Recht. Leider versuchen sehr viele Lehrer, die Eltern durch Nicht-Kommunikation und Intransparenz abzuhalten, Fragen zu stellen. Aus meiner Sicht macht es das aber nur schlimmer und führt in einen Teufelskreis.

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Von Simone am 07.12.2019 17:21

Frau Rösler betont im Interview, dass die Schule die Kinder auf das Leben später vorbereite. Dem möchte ich entschieden widersprechen. Denn die Gesellschaft mutet den Kindern während der obligatorischen Schulzeit krank machenden Umstände und Zwänge zu, die wir Erwachsenen niemals zumuten würden:
• Zwang: Kindern werden während der obligatorischen Schulzeit massiv in ihrer Autonomie und ihrem Selbstbestimmungsrecht eingeschränkt. Die Kinder lernen nicht, Selbstwirksamkeit zu entwickeln.
• Unter- / Überforderung: Kinder dürfen sich die meiste Zeit nicht mit Aktivitäten und Themen befassen, die ihrem Entwicklungsstand, ihren Begabungen und ihren Interessen entsprechen.
• Gehirnentwicklung: In der Schule dürfen die Kinder nicht frei spielen, weil man fatalerweise meint, beim freien Spiel würden die Kinder nichts Wichtiges lernen. Kinder brauchen das freie Spiel, um sich gesund entwickeln zu können.
• Bewertung: Kinder werden laufend mit Noten und anderen, scheinbar harmlosen Bewertungssystemen bewertet und selektioniert. Das schädigt ihren Selbstwert und das Gefühl für ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen.
• Mobbing: Kinder müssen zur Schule gehen, selbst wenn sie dort täglich geplagt, ausgeschlossen und ausgelacht werden.
Hand aufs Herz: einer/m guten Freundin/Freund in einer solch krank machenden und entwürdigenden Situation würden wir raten, sich schleunigst eine menschenfreundlichere Stelle zu suchen! Kinder müssen hingegen ausharren, weil sie ja schliesslich auf die Welt der Erwachsenen vorbereitet werden müssen. Ist das wirklich eine gute Vorbereitung?
Wir haben unsere Kinder aus der öffentlichen Schule herausgenommen. Wir wollten nicht länger mitansehen, wie das «System Schule» unseren Kindern zusehends Lebenslust und Kreativität austreibt.

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