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Kindergarten

Einer krank, alle krank...

Kindergartenkinder werden häufig von Virenerregern heimgesucht. – Weshalb? Wie kann man sich als Familie dagegen wappnen?
Text: Kristin Hüttmann
Abholen aus dem Kindergarten, die Fünfjährige wartet vergnügt mit einer Nachricht auf, die Panik auslöst. «Basil hat auf Lea gekotzt!» Nicht schon wieder! Es möge bitte eine Magenverstimmung sein, bloss kein Norovirus, von der die Kollegin mit den zwei kleinen Kindern gestern noch in düsteren Tönen warnte. Durchfall. Strapaziös. Hoch ansteckend. Hat es einer, haben es alle, Mutter, Vater, Kind.

Dabei ist die letzte Erkältungswelle doch gerade erst durch die Familie geschwappt.

Noch ist Sommerzeit, und wer Kinder hat, der betet drum, dass die warme Jahreszeit noch möglichst lange andauert, bitteschön. Denn den Herbst und Winter mögen wir nicht: Es ist die Zeit der Krankenstandsmeldungen. «Wir haben grad Magen-Darm, und ihr?», ist in diesen Wochen ein beliebter Gesprächseinstieg.

Die tatsächliche Gruppengrösse in Kindergärten und Horten schwankt enorm und erreicht im Januar ihr Jahrestief. Auf der Arbeit meldet sich jede Woche ein anderer Vater oder eine andere Mutter krank. 

Sind die Jahre mit Kindern ein einziger Staffellauf der Infektionskrankheiten?

Der Eindruck täuscht nicht. Mediziner registrieren im Herbst ein allmähliches Ansteigen des Hust- und Schniefgeschehens. Kurz nach Neujahr erreicht der Krankenstand seinen Höhepunkt, die Grippewelle rollt mit Macht durchs Land. Wenn es wärmer wird, nehmen Atemwegserkrankungen ab. Dafür suchen uns vermehrt Durchfallerreger heim. Prominente Ausnahme: Das Norovirus mag es winterlich kalt.
«Das Immunsystem der Kinder muss erst noch trainieren»
Kinderarzt Rolf Temperli
In der Infektsaison sehen Eltern ihren Kinderarzt meist häufiger als die besten Freunde. Kein Wunder, denn kleine Kinder haben den Erregern wenig entgegenzusetzen. «Das Immunsystem der Kinder muss erst noch trainieren», sagt der erfahrene Kinderarzt Rolf Temperli aus Köniz bei Bern. «Dabei lernt es.»

Der 59-Jährige ist Vorstandsmitglied im Berufsverband Kinderärzte Schweiz, hält Vorträge und bildet Kinderärzte und Medizinstudenten aus. Seine jahrzehntelange Praxiserfahrung deckt sich mit den Erkenntnissen aktueller Fachbücher: «Sechs bis acht Infekte pro Jahr sind völlig normal», sagt er. «Es ist auch nicht aussergewöhnlich, wenn ein Kleinkind im gleichen Monat sogar zweimal an einem Luftwegsinfekt erkrankt.»

Zu diesem Ergebnis kamen auch Philipp Latzin und seine Kollegen, die für die Swiss Pediatric Respiratory Research Group Eltern von Säuglingen im ersten Jahr über die Krankheitssymptome ihrer Kinder befragten. Einige Kinde wiesen bis zu 23 Wochen Erkältungssymptome auf.
 Das kindliche Immunsystem hat Schwierigkeiten Keime, Bakterien und Viren abzuwehren. 
 Das kindliche Immunsystem hat Schwierigkeiten Keime, Bakterien und Viren abzuwehren. 

Wann schlagen die Erreger zu?

Es heisst tatsächlich: Mindestens einmal im Monat schlägt ein Erreger zu. Denn das kindliche Immunsystem muss erst noch üben, Keime, Bakterien und Viren abzuwehren. Die ganz Kleinen haben es gut – in den ersten Lebensmonaten profitieren Babys noch vom Nestschutz der Mutter, einer Art Leihimmunität. Erfahrene Abwehrzellen schützen das Kind in der ersten Zeit, nicht vor allen, aber vor einer ganzen Reihe von Krankheiten wie Masern, Mumps, Röteln und vielen anderen Viruserkrankungen.

Nach einem halben Jahr lässt dieser Nestschutz aber nach. Dann müssen sich Kinder selbst mit ihrer Umwelt und den Keimen und Erregern auseinandersetzen. Dieses Trainingslager für Abwehrkräfte dauert einige Jahre, bis das Immunsystem mit etwa fünf Jahren recht stabil ist.

Sich mit der Umwelt auseinandersetzen – das bedeutet für immer mehr Kinder in der Schweiz: Betreuung im Kindergarten, Hort oder bei Tageseltern. Mittlerweile sind laut dem Bundesamt für Statistik über 60 Prozent der Kinder zwischen 0 und 12 Jahren in einer familienergänzenden Kinderbetreuung. Aus Sicht der Krankheitserreger ist das eine grossartige Entwicklung. Die laben sich am Rotznasen-Komplex: Viele unfertige Immunsysteme tauschen ungehemmt Keime aus.
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