Die Pandemie des Misstrauens in Zeiten von Corona
Familienleben

Die Pandemie des Misstrauens

Der Umgang mit Verschwörungstheorien im eigenen Familienumfeld fordert viele Menschen heraus. Ben Schuster von der Internationale Gesellschaft für Beziehungskompetenz (IGfB) über seinen Umgang mit Skeptikern im engen Umfeld.
Text: Ben Schuster
Bild: Rawpixel.com / zVg
Bing! Eine neue Nachricht im Familienchat. Schaut schon wieder nach einem Video aus. Ich habe diese Videos satt! Diese Kurzfilme, die vorgeben, Antworten zu kennen, oder davor warnen, was noch alles kommen wird. Ich will das Video ignorieren. Aber meine Neugierde siegt. Es kommt doch von meiner Familie. Ich klicke und schaue. Ich habe mich geirrt. Schon wieder! Ein weiteres Video, das die Wahrheit hinter der US-Wahl kennt: von Geheimbünden ist die Rede; Trump als Retter und Biden als Kinderschänder. Auch Corona, die Gefährlichkeit des Virus' oder der Impfung sind beliebte Themen im Familienchat. 

Es macht mich so wütend! Wie kann sich jemand diesen Unsinn ansehen? Und noch dazu jemand aus meiner Familie? Ich fange an zu tippen. Ich bin bereit zu streiten – kompromisslos und ungeschönt! Aber kurz bevor ich auf Senden drücke, halte ich mich zurück. Lange genug, um zu überlegen, ob es hilfreich ist. Lange genug, um zu entscheiden, die Nachricht später zu senden. Vielleicht mit etwas weniger Aggression.

Eine Pandemie des Misstrauens

Verschwörungstheorien gibt es seit Jahrhunderten. Sie nehmen tendenziell zu, wenn Unsicherheit, Angst und Frustration gross sind. In den 1920er Jahren kursierten Theorien, dass die Spanische Grippe durch das in Deutschland hergestellte Aspirin verbreitet wurde. Es schien eine einfache Antwort auf ein komplexes Problem zu sein.

Die gegenwärtige Situation schafft einen fruchtbaren Boden für Erklärungsversuche. Von berechtigten Bedenken, bis hin zu extremen Verschwörungstheorien. Jede Erklärung scheint besser als keine. Und nicht nur Corona polarisiert und spaltet. Genauso tun es die globale Erwärmung, die US-Wahlen, Impfungen und einiges mehr. 

Das Säen von Misstrauen und Spaltung grassiert wie eine zweite Pandemie in unseren Familien, Freundschaften und unserer Gesellschaft. Eine Pandemie, die gefährlicher ist als das Virus selbst, da sie Zugehörigkeit und Vertrauen zerstört.

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