Wann und wie spreche ich mit meinem Kind über Sex? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Wann und wie spreche ich mit meinem Kind über Sex?

Lesedauer: 5 Minuten

Eine zu frühe Sexualisierung gibt es nicht. Doch wann und wie spreche ich mit meinem Kind worüber? Soll ich warten, bis es fragt, oder das Gespräch suchen? Konkrete Tipps für jedes Alter.

Text: Sandra Casalini
Bild: Ornella Cacace / 13 Photo

Im Baby- und Kleinkindalter

«Viele Eltern sprechen mit den Babys bei der Körperpflege: ‹Wir waschen die Füsschen, Beinchen› – und über die Geschlechtsteile reden wir nicht», sagt Sexualpädagogin Annelies Steiner von der Stiftung «Sexuelle Gesundheit Schweiz». «Damit wird vermittelt, dass es einen namenlosen Körperbereich gibt.» Sie rät, auch die Geschlechtsteile beim Namen zu nennen. «Das ist deine Vulva, das ist dein Penis.» Oder man wählt die in der Familie gebräuchlichen Begriffe.

Wenn kleine Kinder fragen, woher sie kommen, dürfe man ihnen die konkrete Funktion der Geschlechtsorgane erklären, ergänzt Sexualpädagogikdozent Lukas Geiser: «Wenn man ihnen das in Worten sagt, die sie verstehen, sind sie nicht überfordert. Man überfordert sie dann, wenn man bloss vage Erklärungen liefert und sie sich ihre eigenen Vorstellungen zusammenreimen müssen.»

Und wenn das Kind keine Fragen stellt? Dann sind Aufklärungs­bücher eine gute Möglichkeit, um ins Gespräch zu kommen. «Was glaubst du, warum schmusen die beiden auf dem Bild?» Und dann erklären: «Menschen, die sich gerne haben, möchten sich manchmal auch gegenseitig berühren, weil das schöne Gefühle auslöst.» Wenn das Kind weiterblättert und zu einem anderen Thema wechselt, ist das ein Signal, dass ihm die Antwort genügt. Stellt es weitere Fragen, kann das Thema vertieft werden.

Fazit: Eine zu frühe Sexualisierung gibt es nicht. «Im Gegenteil», sagt Annelies Steiner. «Es hat sich gezeigt, dass Jugendliche, die schon früh aufgeklärt wurden, verantwortungsbewusster mit ihrer Sexualität um­gehen.»

Im Primarschulalter

Auch in diesem Alter stellen Kinder viele Fragen, die Eltern ehrlich beantworten sollten. «Das heisst aber nicht, dass wir mit Achtjährigen über sexuelle Praktiken diskutieren müssen», sagt Lukas Geiser. 

Vor allem sollten Mütter und Väter die sexuellen Gefühle, die ­Kinder von Geburt an haben, nicht ignorieren. «Es gibt Kinder, die bereits im Kindergarten heftig verliebt sind», so Geiser. Das Kind soll wissen, dass solche Gefühle in Ordnung sind – aber auch, dass man die (körperlichen) Grenzen von anderen Kindern respektieren muss. Auch hier gilt: Wenn das Kind nicht fragt, darf man das Gespräch suchen. «Es ist schön, dass du deinen Freund so gern hast. Ihr dürft auch gerne in deinem Zimmer sein und kuscheln. Es ist einfach sehr wichtig, dass ihr das beide wollt und zu jedem Zeitpunkt sagen dürft, wenn ihr das nicht mehr mögt.» 

Auch im Primarschulalter eignen sich Aufklärungsbücher. «Sie ermöglichen, die Thematik etwas genereller zu diskutieren», sagt Annelies Steiner. Das Kind kann das Buch auch allein anschauen, wenn ihm das lieber ist. «Entscheidend ist, ergänzend dazu Gesprächsbereitschaft zu signalisieren», so Steiner.

Man überfordert Kinder dann, wenn man ihnen auf konkrete Fragen bloss vage Erklärungen liefert.

Wichtig: Die Aufklärung muss der Entwicklung des Kindes vorausgehen, sonst wird es plötzlich überrascht, zum Beispiel von der Monatsblutung. Eltern müssen sich informieren: Wann bekommen Mädchen ihre Periode? In welchem Alter haben Buben den ersten Samenerguss? Wann erleben sie den ersten Kuss? Und dann gilt es zu beachten, dass es Buben und Mädchen gibt, die früher dran sind als der Durchschnitt. 

Jetzt ist der Zeitpunkt, sich mit dem Internet zu beschäftigen. Einfach Filter zu installieren, damit das Kind auf dem ersten eigenen Handy nicht auf Pornoseiten stösst, wird kaum reichen – zumal man nicht alle Smartphones in seinem Umfeld kontrollieren kann. «Viel wichtiger scheint mir, mit dem Kind darüber zu sprechen, dass es auf solche Inhalte stossen könnte und was es machen soll, wenn ihm zum Beispiel Videos zugeschickt werden», sagt Annelies Steiner. Hier gilt für Eltern ebenfalls: informieren, unter anderem auch über die rechtliche Lage.

In der Pubertät 

Eltern sollen Situationen im Alltag nutzen, um über entsprechende Themen zu reden. «Eine gute Möglichkeit, Gesprächsbereitschaft zu signalisieren, ist das Bereden von tagesaktuellen Themen, zum Beispiel das Comingout einer berühmten Person, die Vor- und Nachteile von hormoneller Verhütung, Schönheitsideale oder Geschlechterrollen in einer Fernsehsendung», so Annelies Steiner. 

Dann könne man dem Kind gleich mitteilen, dass es mit allen Fragen oder Themen, die es besprechen möchte, immer zu den Eltern kommen kann. Steiner: «Gleichzeitig gilt es aber zu akzeptieren, dass das eigene Kind nicht mehr alles mit einem besprechen möchte.» 

Übrigens dürfen bei solchen Gesprächen ruhig auch mal die Väter ran – von denen sich laut Umfragen und Erlebnisberichten die allermeisten fast vollständig aus dem Thema raushalten. «Unsicherheit schadet gar nichts», findet Sexual­pädagoge Lukas Geiser. «Gerade Buben dürfen ihre Väter auch in einer Situation der Unsicherheit erleben. Das zeigt, dass auch dies zur Männlichkeit gehört.»

Gutes Setting, positive Botschaft

Aber wie kommt man mit seinem Teenager ins Gespräch? «Zu sagen: ‹Wir setzen uns jetzt hin und du stellst mir deine Fragen›, wird kaum funktionieren», betont Lukas Geiser. Aber die Ansage: «Du hast jetzt einen Freund bzw. eine Freundin, und ich möchte dir ein paar Sachen für dein Leben mitgeben», sei völlig in Ordnung. Man dürfe dem Kind auch mal zumuten, eine Weile zuzuhören, wenn es eine Abwehrhaltung zeige. «Wenn es abblockt, heisst das nicht, dass es nichts mitbekommt von dem, was man sagt.» 

Die US-amerikanische Bestsellerautorin Peggy Orenstein («Girls & Sex») rät, solche Gespräche auf einem Spaziergang oder im Auto zu führen. «So muss man einander nicht in die Augen schauen. Das funktioniert aber nur, wenn man eine einigermassen gute Bindung zum Kind hat», so Orenstein. Ein weiterer Trick, um ins Gespräch zu kommen: «Suchen Sie interessante Artikel oder Podcasts zu dem Thema und stellen Sie Fragen: Wie siehst du das? Wie ist das bei euch an der Schule?» Ob man die Podcasts gemeinsam hört oder dem Kind zu hören gibt und später darüber spricht, ist jedem selbst überlassen. Wichtig sei vor allem die Botschaft: «Sex ist toll. Sexuelle Neugier ist natürlich.» Dabei muss man auch als Eltern nicht auf jede Frage eine Antwort haben oder über alles detailliert Bescheid wissen. Auch hier können Bücher oder Internetseiten, individuell oder gemeinsam angeschaut, hilfreich sein. 

Pornografie

Peggy Orenstein rät Eltern, sich auch mal pornografische Inhalte im Internet anzuschauen. Und zwar bereits dann, wenn die Kinder anfangen, das Internet selbständig zu nutzen – also in der Regel etwa im Alter von zehn Jahren. Denn nur wer weiss, worum es geht, sei glaubwürdig.

Dann kann man dem Kind sagen: «Es gibt viele Bilder und Filme im Internet, und es kann sein, dass du auch mal etwas siehst, das dir nicht schön vorkommt.» Im Unterschied zu Erwachsenen fragen sich Kinder und Jugendliche beim Konsum solcher Inhalte nicht «Was macht das mit mir?», sondern «Was sehe ich hier?», erklärt Sexualpädagoge Geiser. Es gehe darum, positives Material zum Thema Sex bereitzustellen, so Orenstein, und dann zu sagen: «Und Porno ist etwas anderes.» 

Wichtig sei es, auch mit Mädchen über pornografische Inhalte zu sprechen und sie zu fragen, was sie dazu denken und fühlen. Und ihnen zu sagen: «Ihr dürft auch Lust empfinden, wenn ihr so etwas seht. Aber lasst euch nicht unter Druck setzen, Pornos zu schauen, wenn ihr es nicht wollt.»

Wann Kinder aufklären? Dieser Artikel stammt aus dem Dossier: «Die Sache mit dem Sex» zum Thema Aufklärung. Hier können Sie eine Einzelausgabe bestellen. 
Wann Kinder aufklären? Dieser Artikel stammt aus dem Dossier: «Die Sache mit dem Sex» zum Thema Aufklärung. Hier können Sie eine Einzelausgabe bestellen.

Sandra Casalini
ist Journalistin, Texterin, Geschichtensucherin und -erzählerin. Ihre Schwerpunkte sind Familie, Lifestyle, Reisen, Alpin und Unterhaltung/People. Sie lebt mit ihren zwei Kindern in Thalwil.

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