Wie schützen wir Kinder vor sexuellem Missbrauch? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Wie schützen wir Kinder vor sexuellem Missbrauch?

Lesedauer: 5 Minuten

Kinder erfahren sexualisierte Gewalt meist aus dem nahen Umfeld. Sozialarbeiterin Agota Lavoyer erklärt, warum gewisse Kinder besonders gefährdet sind und wie Eltern ihre Kinder am besten vor sexuellem Missbrauch schützen.

Interview: Florina Schwander
Bild: Rawpixel

Frau Lavoyer, ist es wirklich der unbekannte böse Mann, von dem die grösste Gefahr ausgeht für unsere Kinder?

Nein, das stimmt so nicht. Gemäss Studien stammen über 95 Prozent aller Täter und Täterinnen aus dem nahen Umfeld des betroffenen Kindes. Das kann der Vater sein, der Götti, die Nachbarin. Es stimmt allerdings, dass der überwiegende Teil – rund 90 Prozent – der sexuellen Gewalttaten an Kindern von Männern begangen werden.

Agota Lavoyer ist ausgebildete Sozialarbeiterin und hat mehrere Jahre bei der Opferhilfe Betroffene von sexualisierter Gewalt und ihre Angehörigen begleitet und unterstützt. Heute arbeitet sie als selbständige Beraterin und schult Eltern und Fachpersonen in der Prävention sexualisierter Gewalt. Die 41-Jährige ist Mutter von vier Kindern im Alter von 5 bis 11 Jahren und lebt in der Nähe von Bern. (Bild: Timo Orubolo)

Gibt es Kinder, die besonders gefährdet sind?

Grundsätzlich kann jedes Kind Opfer von sexualisierter Gewalt werden, egal wie mutig, aufgeklärt und selbstsicher es ist. Ein Kind hat keine Chance gegenüber einem erwachsenen, manipulativen Täter, der es ausnutzen will.

Jedes Kind kann Opfer sexualisierter Gewalt werden

Agota Lavoyer

Es gibt aber Kinder, die ein höheres Risiko haben, sexualisierte Gewalt zu erfahren. Man weiss, dass vernachlässigte und behinderte Kinder ein höheres Risiko tragen, sexualisierte Gewalt zu erfahren. Kinder, die schon Gewalt erfahren haben, zum Beispiel psychische oder physische Gewalt in der Familie, tragen ebenfalls ein höheres Risiko.

So erklären Sie einem Kind sexualisierte Gewalt:

Unter sexualisierter Gewalt versteht man sexuelle Handlungen, die eine Person gegen den Willen einer anderen Person macht. Das kann zum Beispiel sein, dass eine erwachsene Person ein Kind im Intimbereich berührt oder sich selbst anfasst, während das Kind zusieht. Sexualisierte Gewalt ist weiter auch, wenn eine erwachsene Person einem Kind Filme zeigt, in denen Menschen Sex haben. Vom Begriff des sexuellen Missbrauchs ist man in der Fachwelt etwas abgerückt, weil diese Formulierung suggerieren könnte, es gäbe einen legitimen sexuellen Gebrauch von Kindern. Inhaltlich sind die Begriffe sexueller Missbrauch, sexuelle Ausbeutung oder sexualisierte/sexuelle Gewalt gleich zu verstehen.
(Quelle: «Ist das okay?» Ein Kinderfachbuch zur Prävention sexualisierter Gewalt.)

Gibt es Warnzeichen für Eltern oder Lehrpersonen, dass ein Kind unter sexualisierter Gewalt leidet?

Bis ein Kind von sich aus über die Gewalt erzählt, hat man eigentlich keine Chance, einen solchen zu bemerken. Viele Eltern machen sich im Nachhinein wahnsinnige Vorwürfe, dass sie nichts gemerkt haben. Dabei darf man nicht vergessen, dass Kinder unter einem enormen Druck stehen zu Schweigen und auch in einem grossen Loyalitätskonflikt stehen, weil sie dem Täter oft nicht schaden wollen.

Man kann es nicht dem Kind überlassen, herauszufinden, wann seine Grenzen überschritten werden.

Agota Lavoyer

Auch Kinder haben Überlebensstrategien und dazu gehört das Schweigen oder Verdrängen. Es ist ein gefährlicher Trugschluss, wenn Eltern denken, dass sie sich erst dann dem Thema annehmen müssen, wenn sie bemerken, dass ihr Kind sexualisierte Gewalt erfährt. Der Schutz der Kinder muss aber viel früher anfangen, weit vor einem möglichen Übergriff.

Wissen schützt: Etwa jedes 7. Kind erfährt sexualisierte Gewalt

Hier kommt Ihr neues Buch ins Spiel: «Ist das okay?» ist ein Kinderfachbuch zur Prävention sexualisierter Gewalt. An wen richtet sich Ihr Werk und worin unterscheidet es sich von anderen Präventionsbüchern?

In meiner langen Erfahrung als Opferhilfe-Beraterin und in der Schulsozialarbeit habe ich verschiedenste Präventionsbücher kennengelernt und gemerkt: Keines beschreibt konkret genug, was sexualisierte Gewalt ist. Ich bin der Meinung, dass man Kinder ganz konkret aufklären muss darüber, was okay ist und was eben nicht.

Man kann es nicht dem Kind überlassen, herauszufinden, wann seine Grenzen überschritten werden. Gleichzeitig tragen wir Erwachsene die Verantwortung für den Schutz von Kindern. Wir müssen grenzverletzendes Verhalten und sexualisierte Gewalt immer und immer wieder thematisieren und eine klare Haltung dazu entwickeln.

Mein Buch richtet sich an Eltern und andere Bezugspersonen von Kindern im Alter von circa sechs bis zwölf Jahren.

Agota Lavoyer / Anna-Lina Balke (Illustration): «Ist das okay?» Ein Kinderfachbuch zur Prävention sexualisierter Gewalt. Mabuse, 2022. 73 Seiten, ca. 35 Fr. (erhältlich ab dem 13. Juni 2022)

Wann soll ich als Mutter mit meinem Kind über sexuellen Missbrauch sprechen? Ich will es nicht unnötig verängstigen, aber auch nicht abwarten.

Ich zeige in meinem Buch verschiedene Alltagssituationen auf, in denen ein Gespräch über sexualisierte Gewalt ganz unaufgeregt stattfinden kann. Wenn sich meine Kinder das Pyjama anziehen, habe ich sie beispielsweise auch schon gefragt, ob das jetzt okay wäre, wenn ich ein Foto von ihnen machen würde. Und ihnen dann erklärt, dass das eben nicht in Ordnung ist, dass man sie nackt fotografiert, auch als Mutter oder «liebe» Person nicht.

Wenn Erwachsene selbstverständlich über Vulva und Penis reden, werden die Kinder es auch tun. Das fördert ihre Körperwahrnehmung.

Agota Lavoyer

Und meinen 11-jährigen Sohn frage ich immer wieder mal, ob er von mir noch geküsst werden möchte. Und sage ihm, dass es völlig okay wäre, wenn er es mir sagen würde, wenn ihm nicht mehr wohl dabei wäre. Er soll nicht das Gefühl haben, dass mich das traurig machen würde, wenn er mir keinen Kuss mehr geben will. Als Eltern sind wir dafür verantwortlich, für unsere Kinder Grenzen zu definieren und das richtige Mass an Nähe und Distanz zu finden.

Geht es in Ihrem Buch denn auch darum, was okay ist für das Spiel? Die klassischen Doktorspiele, beispielsweise?

Ja, ich thematisiere auch Doktorspiele, aber mein Hauptfokus liegt auf Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt. Deshalb empfehle ich, das Buch erst zu lesen, wenn das Kind auch schon über die unbeschwerten, schönen Seiten von Nähe, Berührungen und Sexualität aufgeklärt worden ist. Es soll wissen, dass Nähe grundsätzlich etwas Schönes ist. Es ist auch wichtig, dass das Kind die korrekten Wörter für die Genitalien lernt. Wenn Erwachsene selbstverständlich über Vulva und Penis reden, werden die Kinder es auch tun. Das fördert ihre Körperwahrnehmung.

Nichts schreckt mögliche Täter so fest ab wie ein offener Umgang mit dem Tabuthema.

Agota Lavoyer

Ich wünsche mir, dass mein Buch Eltern hilft, sexualisierte Gewalt mit ihren Kindern zu thematisieren und selber dem Thema mit mehr Stärke und Sicherheit zu begegnen. Man darf sich ruhig Zeit nehmen mit dem Buch. Prävention ist dann am effektivsten, wenn sie in den Alltag eingebettet wird und unaufgeregt passiert. Auch im erweiterten Familienkreis sollte sexualisierte Gewalt an Kindern immer wieder besprochen werden. Nichts schreckt mögliche Täter so fest ab wie ein offener Umgang mit dem Tabuthema und das Vertrauen des Kindes in sein Umfeld, dass es sich auch mit etwas Schlimmem anvertrauen darf.

Was können Erwachsene tun, wenn ein Kind ihnen anvertraut, dass es selber oder ein Freund, eine Freundin Opfer sexueller Gewalt geworden ist?

Sich unbedingt professionelle Hilfe holen. Ich empfehle folgendes: Dem Kind Glauben schenken und das Gesagte nicht in Frage stellen. Dem Kind sagen, dass es nicht schuld ist und dass man stolz auf seinen Mut ist, dass es sich jemandem anvertraut hat. Auf keinen Fall den Täter oder die Täterin konfrontieren. Dann sollte man sich an eine Fachstelle wenden und um Unterstützung bitten. Es ist wichtig, mit dem Thema nicht alleine zu bleiben.

Hilfe für Opfer von sexualisierter Gewalt

Opferhilfe Schweiz
Sie können sich auch an die Opferberatungsstelle wenden, wenn Sie den Verdacht haben, dass ein Kind sexualisierte Gewalt erfährt. Die kantonalen Opferhilfestellen beraten professionell und unentgeltlich. Die Beraterinnen und Berater der Opferhilfe unterstehen einer strengen Schweigepflicht.
www.opferhilfe-schweiz.ch

147 und 143
Telefonnummer 147: Beratung rund um die Uhr für Kinder und Jugendliche, www.147.ch. Eltern können sich an die Dargebotene Hand unter 143 oder www.143.ch wenden.

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