Wann rede ich mit meinem Kind über Sex? Mädchen schauen Aufklärungsbücher an
Sexualität

Wann und wie spreche ich mit meinem Kind über Sex?

Eine zu frühe Sexualisierung gibt es nicht. Doch wann und wie spreche ich mit meinem Kind worüber? Soll ich warten, bis es fragt, oder das Gespräch suchen? Konkrete Tipps für jedes Alter. 
Text: Sandra Casalini
Bild: Ornella Cacace / 13 Photo

Im Baby- und Kleinkindalter

«Viele Eltern sprechen mit den Babys bei der Körperpflege: ‹Wir waschen die Füsschen, Beinchen› – und über die Geschlechtsteile reden wir nicht», sagt Sexualpädagogin Annelies Steiner von der Stiftung «Sexuelle Gesundheit Schweiz». «Damit wird vermittelt, dass es einen namenlosen Körperbereich gibt.» Sie rät, auch die Geschlechtsteile beim Namen zu nennen. «Das ist deine Vulva, das ist dein Penis.» Oder man wählt die in der Familie gebräuchlichen Begriffe.

Wenn kleine Kinder fragen, woher sie kommen, dürfe man ihnen die konkrete Funktion der Geschlechtsorgane erklären, ergänzt Sexualpädagogikdozent Lukas Geiser: «Wenn man ihnen das in Worten sagt, die sie verstehen, sind sie nicht überfordert. Man überfordert sie dann, wenn man bloss vage Erklärungen liefert und sie sich ihre eigenen Vorstellungen zusammenreimen müssen.»

Und wenn das Kind keine Fragen stellt? Dann sind Aufklärungs­bücher eine gute Möglichkeit, um ins Gespräch zu kommen. «Was glaubst du, warum schmusen die beiden auf dem Bild?» Und dann erklären: «Menschen, die sich gerne haben, möchten sich manchmal auch gegenseitig berühren, weil das schöne Gefühle auslöst.» Wenn das Kind weiterblättert und zu einem anderen Thema wechselt, ist das ein Signal, dass ihm die Antwort genügt. Stellt es weitere Fragen, kann das Thema vertieft werden.

Fazit: Eine zu frühe Sexualisierung gibt es nicht. «Im Gegenteil», sagt Annelies Steiner. «Es hat sich gezeigt, dass Jugendliche, die schon früh aufgeklärt wurden, verantwortungsbewusster mit ihrer Sexualität um­gehen.»

Im Primarschulalter

Auch in diesem Alter stellen Kinder viele Fragen, die Eltern ehrlich beantworten sollten. «Das heisst aber nicht, dass wir mit Achtjährigen über sexuelle Praktiken diskutieren müssen», sagt Lukas Geiser. 

Vor allem sollten Mütter und Väter die sexuellen Gefühle, die ­Kinder von Geburt an haben, nicht ignorieren. «Es gibt Kinder, die bereits im Kindergarten heftig verliebt sind», so Geiser. Das Kind soll wissen, dass solche Gefühle in Ordnung sind – aber auch, dass man die (körperlichen) Grenzen von anderen Kindern respektieren muss. Auch hier gilt: Wenn das Kind nicht fragt, darf man das Gespräch suchen. «Es ist schön, dass du deinen Freund so gern hast. Ihr dürft auch gerne in deinem Zimmer sein und kuscheln. Es ist einfach sehr wichtig, dass ihr das beide wollt und zu jedem Zeitpunkt sagen dürft, wenn ihr das nicht mehr mögt.» 
Auch im Primarschulalter eignen sich Aufklärungsbücher. «Sie ermöglichen, die Thematik etwas genereller zu diskutieren», sagt Annelies Steiner. Das Kind kann das Buch auch allein anschauen, wenn ihm das lieber ist. «Entscheidend ist, ergänzend dazu Gesprächsbereitschaft zu signalisieren», so Steiner.  
Man überfordert Kinder dann, wenn man ihnen auf konkrete Fragen bloss vage Erklärungen liefert.
Wichtig: Die Aufklärung muss der Entwicklung des Kindes vorausgehen, sonst wird es plötzlich überrascht, zum Beispiel von der Monatsblutung. Eltern müssen sich informieren: Wann bekommen Mädchen ihre Periode? In welchem Alter haben Buben den ersten Samenerguss? Wann erleben sie den ersten Kuss? Und dann gilt es zu beachten, dass es Buben und Mädchen gibt, die früher dran sind als der Durchschnitt. 

Jetzt ist der Zeitpunkt, sich mit dem Internet zu beschäftigen. Einfach Filter zu installieren, damit das Kind auf dem ersten eigenen Handy nicht auf Pornoseiten stösst, wird kaum reichen – zumal man nicht alle Smartphones in seinem Umfeld kontrollieren kann. «Viel wichtiger scheint mir, mit dem Kind darüber zu sprechen, dass es auf solche Inhalte stossen könnte und was es machen soll, wenn ihm zum Beispiel Videos zugeschickt werden», sagt Annelies Steiner. Hier gilt für Eltern ebenfalls: informieren, unter anderem auch über die rechtliche Lage. 
<div>Dieser Text gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/aufklarung"><strong>Dossier Aufklärung</strong></a>. Lesen Sie hier alle Artikel zum Thema.&nbsp;</div>
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