Herzenswarm – wie man Empathie lernt - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Herzenswarm – wie man Empathie lernt

Die Welt scheint immer kälter zu werden. Umso wichtiger ist es gerade jetzt, Kindern Empathie gegenüber anderen mitzugeben. Wie lässt sich dieses Mitgefühl beibringen?
Vor Kurzem hörte ich meine Tochter Fanny in ihrem Zimmer leise weinen. Schon beim Abendessen war sie auffällig ruhig gewesen, hatte aber auf meine Fragen nur brüsk «Es ist nichts!» geantwortet. Als ich den Kopf durch die geöffnete Tür hineinsteckte, sah ich meine Neun­jährige auf ihrem Bett sitzen. Ihre Augen waren leicht gerötet, die Nase zog sie immer wieder lautstark hoch. «Ich schäme mich so», schluchzte sie. «Ich habe heute ganz laut über Nina gelacht.» Dann erzählte sie, dass sie in der Nachmittagsbetreu­ung über Kästen gesprungen seien. Nina habe es als Einzige nicht ge­schafft. «Sie ist ja nicht so sportlich, weil sie so dick ist», sagte Fanny. Es habe wahnsinnig komisch ausgese­hen, wie Nina einfach auf dem Kas­ten liegen geblieben sei. Einer habe gerufen: «Wie ein Sack!» Ein paar Kinder hätten gekichert, Fanny auch. «Ich habe erst aufgehört, als ich gesehen habe, dass Nina beinahe geweint hätte», flüsterte meine Tochter und warf sich in meine Arme.

Mir stiegen ebenfalls Tränen in die Augen. Ich litt mit meiner Toch­ter. Ich schämte mich für sie. Und ich konnte auch den Kummer des anderen Mädchens fühlen. «Was ist, Mama?», wollte meine Tochter wis­sen, die natürlich merkte, wie mit­ genommen ich war. «Bist du mir böse?» War ich das? «Ich finde nicht gut, dass du gelacht hast», sagte ich. «Aber es ist gut, dass du jetzt ver­stehst, wie es deiner Freundin ging.»


Und dann erzählte ich meiner Tochter von einer Spezialeigenschaft unseres Gehirns, die mich seit je fas­ziniert. Von dieser Fähigkeit, empa­thisch mitzuerleben, also tatsächlich zu empfinden, was einem anderen Menschen gerade widerfährt. «Lä­gen wir beide jetzt in einer Maschi­ne, mit der man in unseren Kopf sehen kann, dann würden bei uns im Gehirn die gleichen Punkte leuchten», sagte ich. «Läge ich mit Nina jetzt in so einer Gehirndurchleuchtungsmaschine, wäre das auch so», schlussfolgerte Fanny. Weil sie den Kummer ihrer Freundin auch fühlen würde – so als wäre es ihr eigener. «Krass!», fasste meine Toch­ter zusammen. Und so sehr mir die­ses Wort manchmal missfällt, so passend fand ich es diesmal.

Artikel kostenlos weiterlesen

Registrieren Sie sich gratis und profitieren Sie:

  • Begrüssungsgeschenk: Wahl aus 150 Angeboten
  • Unbegrenzter Zugriff auf über 2’000 Artikel
  • Artikel merken und Lesezeichen speichern
  • Elterntipps und wertvolle Unterstützung
  • 100% kostenlos für Sie
Jetzt Registrieren