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Entwicklung

Mary Gordon: «Wir sind emotionale Analphabeten»

Die Kanadierin Mary Gordon erzählt, warum sie «Roots of Empathy» gegründet hat, wie Eltern das Mitgefühl ihrer Kinder entwickeln können und was ihr der Dalai Lama über seine Mutter verraten hat.
Interview: Bianca Fritz
Foto: Christian Grund / 13 Photo
Frau Gordon, bei «Roots of Empathy» sollen Babys Schüler im Thema Mitgefühl unterrichten. Warum gerade Babys?
Weil es so einfach für Kinder ist, die Menschlichkeit und die Verletzlichkeit eines Babys wahrzunehmen. Mit der Hilfe der Trainer, die mit den Schülern ihre Erfahrung reflektieren, finden die Kinder dann die Menschlichkeit in sich selbst. Und die Essenz dieser Menschlichkeit ist das Mitgefühl. Es gibt kein besseres Beispiel für Mitgefühl als die Bindung zwischen Eltern und Baby.

Haben denn Kinder mit jüngeren Geschwistern einen Vorsprung in Sachen Empathie?
Nicht unbedingt. Es reicht ja nicht aus, ein Baby um sich zu haben, man muss es studieren. Zum Beispiel schaut man sich die Babyhände an und spricht darüber: Sind sie locker und offen oder zur Faust geballt? Und was bedeutet das? Und der Gesichtsausdruck? Wir schauen uns in diesen Schulstunden an, ob es eher extrovertiert oder introvertiert ist. Die Kinder finden sich selbst darin wieder und lernen, dass jedes Temperament in Ordnung ist.
«Es gibt kein besseres Beispiel für Mitgefühl als die Bindung zwischen Eltern und Kind.»
Mary Gordon
Beim Thema Mitgefühl denke ich aber auch an Kommunikation, Zuhören, Verstehen gemischter Gefühle. Das sind doch Dinge, die man nicht durch Beobachtung eines Babys lernen kann.
Schön, dass Sie schon so weit denken! Allerdings geht es erst einmal darum, dass man die Gefühle des anderen überhaupt sieht und versteht. Wir leben in einer Gesellschaft emotionaler Analphabeten. Wir können nicht lesen, wie andere fühlen, und können auch oft nicht einmal ausdrücken, was wir selbst fühlen. Und gerade weil das Baby nicht sprechen, nicht laufen kann und so weiter, können die Kinder mit dem Baby lernen, die emotionalen Anzeichen zu erkennen.

Wie wurden wir zu «emotionalen Analphabeten»?
Unsere Technik bringt uns zum Mond und wir können innerhalb von Sekunden Kontakt über weite Entfernungen hinweg aufnehmen. Aber unsere Fähigkeit, uns auf der Gefühlsebene zu verbinden, ist nicht sonderlich ausgeprägt. Ich würde nicht behaupten, dass das heute schlimmer ist als früher, aber es war einfach nie Priorität in unserem Bildungswesen.
Sie haben «Roots of Empathy» vor fast 20 Jahren erfunden – gab es einen Auslöser?
Es gab ein Schlüsselmoment, als ich mit Teenagermüttern zusammen arbeitete. Ich besuchte eine junge Mutter mit einem Kleinkind und einem Neugeborenen. Ihr Freund hatte sie geschlagen. Von der zerbrochenen Brille hatte sie einen Schnitt unterhalb der Augenbraue. Und ich dachte: Das gibt einen Teufelskreis an Gewalt, der Generationen überleben wird. Wo können wir diesen Kreis durchbrechen? Ihr Freund hatte keine Empathie. Er konnte nicht verstehen, was sie fühlt. Und sie konnte ihre Kinder nicht schützen. Sie war selbst in einem gewalttätigen Zuhause aufgewachsen. Mir wurde klar: Alle Menschen, die gewalttätig werden, besonders bei häuslicher Gewalt, haben kein Mitgefühl. Meine Idee ist: Es braucht das Vorbild einer sicheren und liebevollen Verbindung von Mutter und Kind, damit jedes Kind sehen kann, wie Liebe aussieht, wie verletzlich ein Baby ist, wie wertvoll Elternschaft.

Wie viele Kinder müssen bei «Roots of Empathy» mitmachen, damit – so wie Sie es anstreben – unsere Gesellschaft friedlicher wird?
Wir glauben: Wenn ein Drittel der Schweizer Schüler einmal in ihrer Schullaufbahn an «Roots of Empathy» teilgenommen hat, könnte das die Wahrnehmung eines ganzen Landes verändern. Studien und unsere Erfahrung auf drei Kontinenten belegen: Empathie kann wirklich durch diese Begegnung von liebevollen Eltern mit Babys entstehen. Selbst das Gehirn verändert sich dabei! Und die Entwicklung von Mitgefühl kann man in den Schulstunden beobachten. Wenn zum Beispiel das Baby einen ersten Schritt macht und die Schüler spontan in Freudentränen ausbrechen.
Sie haben mehrfach den Dalai Lama getroffen und mit ihm über ihr Programm gesprochen.
Oh ja, er hat wirklich verstanden, dass mit einem steigenden Level an Empathie auch die Aggression auf der Welt verschwindet. Er glaubt, dass Mutterschaft etwas ganz Besonderes ist und hatte ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Mutter. Von seinem Bruder weiss ich, dass er auch einen tollen Vater hatte – aber seine Heiligkeit spricht nicht über seinen Vater (lacht).

Vielleicht liegt das daran, dass Väter auch in Ihrem Programm nur selten Erwähnung finden?
Die heutigen Väter sind fantastisch, sie sehen es als Teil ihrer Aufgabe und ihrer Freude, Kinder grosszuziehen. Das ist eine enorme Veränderung. Aber tatsächlich gibt es mehr Mütter, die mit ihren Babys am Programm teilnehmen – manchmal kommen Paare gemeinsam. Männer und Frauen gehen etwas anders mit dem Baby um – beide liebevoll, aber eben auf ihre Weise. Die Schulkinder sind oft sehr aufgeregt, wenn der Vater mit dabei ist. Es ist eine tolle Art, Väter als Helden zu zeigen.

Wie können Eltern dafür sorgen, dass ihre Kinder Mitgefühl entwickeln?
Eltern sind die wichtigsten Lehrer – ein Leben lang. Wichtiger, als was sie sagen, ist aber, was sie tun. Wenn die Eltern empathisch handeln, verankert sich das tief im Gehirn der Kinder – weil sie eine starke Verbindung zu ihren Eltern haben. Die Voraussetzung dafür ist, dass Eltern ihre Erfahrungen mit den Kindern teilen. Schon der Satz: «Ich war heute bei der Arbeit so glücklich, weil ich beim Mittagessen einen neuen Freund gefunden habe», eröffnet den Kindern die emotionale Welt der Eltern – und bringt sie dazu, auch ihre eigenen Gefühle zu teilen. Aber sie machen es nur, wenn wir anfangen. Fragen Sie Ihre Kinder nicht aus, was sie in der Schule gelernt haben, sondern erzählen Sie, was Sie heute enttäuscht hat. Ihr Kind wird staunen, dass Sie so etwas auch empfinden, dass Sie gar nicht so perfekt sind.
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«Wenn Eltern empathisch handeln, verankert sich das tief im Gehirn der Kinder.»
Mary Gordon
Wie machen Sie das in Ihrer Familie?
Meine zwei Kinder sind erwachsen. Aber heute früh habe ich mit meiner vierjährigen Enkelin telefoniert. Sie wollte wissen, ob ich traurig bin, weil mein Mann gerade nicht da ist. Und ich sagte ihr: «Ja, ich war sehr einsam letzte Nacht.» Sie kannte das Wort «einsam» noch nicht, also habe ich es ihr erklärt. Und sie sagte: «Das ist, wie wenn man spielen geht, und niemand will mitspielen – da ist man auch einsam.» Wir sind alle in der Lage, so etwas zu fühlen, aber darüber zu sprechen, macht uns verletzlich und weniger perfekt. Es ist gut, wenn unsere Kinder uns so wahrnehmen dürfen.

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Mary Gordon 
ist die Gründerin von Roots of Empathy. Sie ist Mutter und Grossmutter und wohnt in Kanada.


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