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Elternbildung

«Väter haben noch immer nicht bemerkt, wie wichtig sie sind»

Kinder sind Frauensache. Das glaubten bis vor Kurzem auch die meisten Wissenschaftler. Doch seit einigen Jahren geraten zusehends die Männer in den Fokus der Forscher. Väter sind offenbar viel wichtiger für die Entwicklung eines Kindes als lange Zeit vermutet.
Text: Jochen Metzger
Bilder: Johan Bävman
Im Juni 2016 geschah etwas Merkwürdiges. Wissenschaftler aus der ganzen Welt hatten einen Flug nach Detroit gebucht, um dort den Bus Richtung Westen zu besteigen. Nach einer Stunde erreichten sie ein schmuckes Uni-Städtchen namens Ann Arbor. «Wir hatten hier zum ersten Mal die führenden Leute aus der Väterforschung beisammen», erzählt Brenda Volling, Psychologieprofessorin an der University of Michigan. 

Seit mehr als 30 Jahren untersucht sie, was die Väter anders machen als die Mütter, wie sie mit ihren Kindern spielen – und wie wichtig sie für die Entwicklung ihrer Töchter und Söhne sind. «Anfangs hat mich kaum einer von den Kollegen ernst genommen», erzählt Brenda Volling. «Die komplette Forschung drehte sich nur um die Mütter.» Doch die Welt hat sich verändert. Für Familienpsychologen – und für die Familien selbst. Gemeinsam mit ihrer schwangeren Partnerin erleben heute die meisten Männer den Moment, in dem das Bild ihres Kindes zum ersten Mal auf dem Monitor eines Ultraschallgeräts erscheint. 
Heute kuscheln mehr als 84 Prozent der Väter mit ihren Kindern und stellen darüber eine körperliche Nähe her.
Im Kreisssaal hören sie den ersten Schrei, mit dem ihr Neugeborenes die Welt begrüsst. Sie wickeln, sie füttern, sie trösten, sie spielen. Noch vor wenigen Jahrzehnten war all das die Ausnahme. Inzwischen geschieht es mit der allergrössten Selbstverständlichkeit – unsere Gesellschaft hat die Rolle des Vaters vollkommen neu definiert. Aber was heisst es heute, ein «guter Vater» zu sein? Immer neue wissenschaftliche Studien geben darauf überraschende Antworten. Und auch die Vernetzung zwischen den Wissenschaftlern wird zunehmend besser. So haben Forscher aus der Schweiz, aus Österreich und Deutschland ein eigenes Netzwerk namens CENOF gegründet. Die Abkürzung steht für «Central European Network on Fatherhood». 

Väter sehen sich selbst oft als eine Art Aushilfs-Babysitter

Es ist kein Zufall, dass sich die deutschsprachige Gruppe einen englischen Namen gegeben hat: Väterforschung ist längst zu einem internationalen, weltweiten Projekt geworden. Noch ist es reine Grundlagenforschung, was in den Fachjournalen erscheint. Doch ein paar Erkenntnisse der Wissenschaft können Eltern schon heute sehr konkret in ihren Alltag mitnehmen. So bestreitet heute kaum noch ein Psychologe, dass Kinder von ihren Vätern in einem unglaublichen Masse profitieren. Doch die Daten beleuchten auch eine komplett andere Seite des Familiensystems: Väter sehen sich selbst oftmals noch als Bezugsperson zweiter Klasse, als eine Art Aushilfs-Babysitter für die Zeiten, in denen Mama gerade nicht kann.
«Väter tendieren dazu, auf eine andere Art mit ihren Kindern zu spielen», sagt Väterforscherin Brenda Volling. «Sie spielen tendenziell körperlicher».
«Väter tendieren dazu, auf eine andere Art mit ihren Kindern zu spielen», sagt Väterforscherin Brenda Volling. «Sie spielen tendenziell körperlicher».
«Die Väter haben noch immer nicht bemerkt, wie wichtig sie sind. Das ist unsere entscheidende Botschaft als Forschergruppe », sagt Brenda Volling. Mehrere Studien zeigen inzwischen, was geschieht, wenn Väter sich selbst und ihre Aufgabe als Bezugsperson für die Kinder ernst nehmen. Wenn sie sich «gemeint» und verantwortlich fühlen, sobald ihr Baby schreit, sobald es später im Kindergartenalter «Zirkusdirektor» oder «Teegesellschaft» spielen will, sobald es als Schulkind Hilfe bei den Hausaufgaben braucht. 
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Gute Väter trösten, gute Väter spielen, gute Väter helfen – gute Väter kümmern sich. Und wenn sie das tun, dann setzen sie für sich selbst und für die ganze Familie etwas in Gang, was die Emotionspsychologin Barbara Fredrickson als «Aufwärtsspirale des Aufblühens» bezeichnet. Sie senken den Stresspegel ihrer Partnerin, sie festigen die Bindung zu ihrem Kind, sie erleben sich selbst als wirkungsmächtiger und zufriedener, sie verbessern die Beziehung zu ihrer Partnerin. Die ganze Familie profitiert davon. Sechs verschiedene Grundsätze bündeln die Erkenntnisse der aktuellen Forschung. Nicht alle klingen besonders neu oder revolutionär. Doch sie erklären, warum die allermeisten Väter mit dem, was sie tun, genau auf dem richtigen Weg sind.

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